Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Neckarsulm und Neckartal - - HINTERGRUND · ROMAN · SCHACHECKE - Aus dem Spa­ni­schen von Pe­tra Zick­mann

Wenn ich jetzt nicht ge­he © 2017 In­sel Ver­lag 1. Fort­set­zung Von Ma­ría Du­e­ñas

Der Kut­scher Lau­rea­no trieb die Stu­ten an, die­se setz­ten sich zü­gig in Be­we­gung und bahn­ten sich ih­ren Weg zwi­schen eh­ren­wer­ten Bür­gern, zer­lump­ten, bar­fü­ßi­gen Kin­dern und Dut­zen­den von in bun­te Sa­ra­pes ge­hüll­ten In­di­os, die wild durch­ein­an­der­schrei­end Talg,Tep­pi­che aus Pue­b­la, Dörr­fleisch, Avo­ca­dos, Sor­bets und Je­sus­fi­gu­ren aus Wachs feil­bo­ten. So­bald die Kut­sche in die Cal­le de las Da­mas ein­ge­bo­gen war, wand­te er sich vom Bal­kon ab. Er ging da­von aus, dass Elías And­ra­de, sein Pro­ku­rist, frü­hes­tens in ei­ner hal­ben St­un­de da sein konn­te. Und er wuss­te ge­nau, was er in der Zwi­schen­zeit tun wür­de.

Al­len frem­den Bli­cken ent­zo­gen, has­te­te Mau­ro Lar­rea durch die Räu­me, wo­bei er wü­tend das Ja­ckett aus­zog, die brei­te Hals­bin­de her­un­ter­riss, die Man­schet­ten­knöp­fe lös­te und die Är­mel sei­nes Cham­bray­hem­des bis über die Ell­bo­gen auf­krem­pel­te. Als er sein Ziel er­reicht hat­te, mit blo­ßen Un­ter­ar­men und of­fe­nem Kra­gen, hol­te er tief Luft und dreh­te den rou­let­te­för­mi­gen Stän­der, in dem senk­recht sei­ne Qu­eu­es steck­ten.

Hei­li­ge Mut­ter Got­tes, mur­mel­te er.

Nichts hät­te ver­mu­ten las­sen, dass er den Qu­eue wäh­len wür­de, nach dem er letzt­lich griff. Er be­saß an­de­re, neue­re, ele­gan­te­re und wert­vol­le­re, an­ge­sam­melt im Lauf der Jah­re wie hand­fes­te Be­wei­se sei­nes un­auf­halt­sa­men Auf­stiegs. Doch an die­sem Nach­mit­tag, der sein Le­ben mit­ten­durch ge­bro­chen hat­te und nun all­mäh­lich ver­glomm, wäh­rend die Be­diens­te­ten in al­len Ecken sei­nes gro­ßen Hau­ses Lam- pen und Ker­zen an­zün­de­ten, in den Stra­ßen noch leb­haf­tes Trei­ben herrsch­te und sich das Land, ver­blen­det und un­re­gier­bar, wei­ter­hin hart­nä­ckig in end­lo­sen Schar­müt­zeln auf­rieb, er­wies er sich als un­be­re­chen­bar. Mit dem al­ten, der­benQu­eue, ei­nem Re­likt aus sei­ner Ver­gan­gen­heit, ging er am Bil­lard­tisch in Po­si­ti­on für ei­nen Kampf ge­gen sei­ne ei­ge­nen Dä­mo­nen.

Mi­nu­ten­lang führ­te er Stoß um Stoß mit ri­go­ro­ser Prä­zi­si­on. Ei­nen nach dem an­de­ren, nur be­glei­tet vom Ge­räusch der Ku­geln beim Schlag ge­gen ei­ne Ban­de oder dem tro­cke­nen Knall von auf­ein­an­der­tref­fen­dem El­fen­bein. Wach­sam, kal­ku­lie­rend, ent­schie­den, wie im­mer. Oder fast im­mer. Bis von der Tür hin­ter ihm ei­ne Stim­me er­tön­te. »Mir schwant nichts Gu­tes, wenn ich dich mit die­sem Qu­eue in der Hand se­he.«

Er stell­te sich taub und spiel­te wei­ter, dreh­te das Hand­ge­lenk, um punkt­ge­nau zu zie­len, form­te mit den Fin­gern ei­nen sta­bi­len Kreis. Die bei­den zer­quetsch­ten Fin­ger- spit­zen sei­ner lin­ken Hand und die dunk­le Nar­be, die sich von der Dau­men­wur­zel auf­wärts­zog, wa­ren jetzt deut­lich zu se­hen. Kriegs­ver­let­zun­gen, pfleg­te er sie spöt­tisch zu nen­nen. Spu­ren sei­nes Auf­ent­hal­tes in den Ein­ge­wei­den der Er­de.

Frei­lich hat­te er die Stim­me sei­nes Be­voll­mäch­tig­ten ge­hört. Die wohl­klin­gen­de Stim­me ei­nes hoch­ge­wach­se­nen Man­nes von über­näch­tig­ter Ele­ganz, des­sen Glat­ze ei­nen wa­chen Ver­stand barg. Elías And­ra­de war nicht nur der Wäch­ter über sei­ne Fi­nan­zen und In­ter­es­sen, son­dern auch sein engs­ter Freund. Der äl­te­re Bru­der, den er nie­mals hat­te, das Flüs­tern sei­nes Ge­wis­sens, wenn ihm im Stru­del der Er­eig­nis­se Ge­las­sen­heit und Ur­teils­kraft ab­han­den­ka­men.

Mau­ro Lar­rea beug­te sich über das Bil­lard­tuch und ver­setz­te zum Ab­schluss sei­ner ein­sa­men Par­tie der letz­ten Ku­gel ei­nen kraft­vol­len Stoß. Dann stell­te er den Qu­eue an sei­nen Platz zu­rück und wand­te sich ge­mäch­lich sei­nem Be­su­cher zu.

Sie blick­ten ein­an­der of­fen ins Ge­sicht, wie so vie­le Ma­le zu­vor. In gu­ten wie in schlech­ten Zei­ten, so war es im­mer ge­we­sen. Di­rekt in die Au­gen. Oh­ne Aus­flüch­te.

»Ich bin bank­rott, com­pad­re. « Sein Ver­trau­ter schloss fest die Li­der, sag­te aber nichts. Er zog le­dig­lich ein Ta­schen­tuch her­aus und fuhr sich da­mit über die Stirn. Er hat­te an­ge­fan­gen zu schwit­zen.

Wäh­rend der Berg­mann auf ei­ne Ant­wort war­te­te, hob er den De­ckel ei­ner Zi­gar­ren­kis­te an und nahm zwei Ha­van­nas her­aus. Sie zün­de­ten sie an ei­nem sil­ber­nen Koh­le­be­cken an, und die Luft füll­te sich mit Rauch; erst dann re­agier­te And­ra­de auf die Hi­obs­bot­schaft.

»Das En­de von Las Tres Lu­nas. « »Das En­de von al­lem. Da­mit ist auf ei­nen Schlag al­les im Ei­mer.«

Sein Le­ben zwi­schen zwei Wel­ten hat­te zur Fol­ge, dass er sich manch­mal ei­ner streng kas­ti­li­schen Aus­drucks­wei­se be­dien­te und manch­mal rot­zi­ger klang als je­der me­xi­ka­ni­sche Bau­er.

Zwei­ein­halb Jahr­zehn­te wa­ren ver­gan­gen, seit er in das al­te Neu­spa­ni­en kam, das sich da­mals nach ei­nem lan­gen und schmerz­vol­len Rin­gen um die Un­ab­hän­gig­keit ge­ra­de in ei­ne Re­pu­blik ver­wan­delt hat­te. Er selbst trug zu je­ner Zeit schwer an Kum­mer und Ver­ant­wor­tung, und nichts ließ ver­mu­ten, dass sich sein Weg mit dem Elías And­ra­des kreu­zen wür­de, des letz­ten Spros­ses ei­ner al­ten spa­ni­schen Ein­wan­de­r­er­sip­pe, die hoch an­ge­se­hen, aber seit dem En­de der Ko­lo­ni­al­herr­schaft ver­armt war. Doch der Zu­fall woll­te, dass sich die bei­den Män­ner in der schä­bi­gen Kn­ei­pe ei­nes Berg­ar­bei­ter­la­gers in Re­al de Catorce be­geg­ne­ten, als die Ge­schäf­te des zwölf Jah­re jün­ge­ren Mau­ro all­mäh­lich in Schwung ka­men und die Träu­me And­ra­des längst zer­platzt wa­ren.

»Hat dich der Grin­go rein­ge­legt?«

»Schlim­mer. Er ist tot.« And­ra­de zog fra­gend ei­ne Braue hoch. Fort­set­zung folgt

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