Die St­un­de der Schwät­zer

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - MEINUNGEN - Von Ul­rich Mau­rer

Über­bie­tungs­wett­be­werb An­statt in sich zu ge­hen und die Ur­sa­chen und Um­stän­de des mul­ti­plen Staats­ver­sa­gens zu er­for­schen, die das At­ten­tat auf dem Breit­scheid­platz in Ber­lin mög­lich ge­macht ha­ben, hat jetzt, er­öff­net durch den In­nen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re, das gro­ße Si­cher­heits­pa­la­ver in der Haupt­stadt be­gon­nen. CDU, CSU, SPD und jetzt auch noch die Grü­nen be­fin­den sich im Über­bie­tungs­wett­be­werb bei der For­mu­lie­rung kru­der Ge­set­zes­in­itia­ti­ven.

Ver­säum­nis­se Man fragt sich, was die­se Herr­schaf­ten, die ja schon lan­ge re­gie­ren oder re­giert ha­ben, da­ran ge­hin­dert hat, ih­re gran­dio­sen plötz­li­chen Er­kennt­nis­se nicht schon längst dem Par­la­ment vor­zu­stel­len. Aber halt: Es geht eben nicht um ernst­haf­te Vor­schlä­ge, son­dern schlicht um Wahl­kampf auf nie­de­rem Ni­veau. Und wenn jetzt der Jus­tiz­mi­nis­ter Maas bei der Fra­ge der elek­tro­ni­schen Fuß­fes­sel zu Herrn de Mai­ziè­re über­ge­lau­fen ist, ist auch das nur der Angst vor dem Wahl­volk ge­schul­det.

Tat­sa­chen Die­se Art, ein schreck­li­ches Ver­bre­chen po­li­tisch zu ver­ar­bei­ten, wird die Staats­ver­dros­sen­heit in neue un­ge­ahn­te Hö­hen trei­ben. Die schlich­ten Tat­sa­chen, so­weit sie bis­her öf­fent­lich be­kannt wur­den, er­for­dern aber ganz an­de­re Kon­se­quen­zen. Fakt ist näm­lich, dass der At­ten­tä­ter Anis Am­ri den Be­hör­den seit Län­ge­rem wohl be­kannt war. So gut be­kannt, dass er mehr­fach Ge­gen­stand von Be­sp­re- chun­gen im La­ge­zen­trum zur Ter­ror­ab­wehr war. Man wuss­te, dass er mit dem IS sym­pa­thi­sier­te, man wuss­te um sei­ne Ge­fähr­lich­keit und sei­ne Kri­mi­na­li­tät. Man wuss­te um sei­ne Ge­set­zes­ver­stö­ße, um sein Auf­tre­ten un­ter ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten, man wuss­te so­gar, dass er Waf­fen kau­fen woll­te, um da­mit An­schlä­ge zu be­ge­hen.

Ab­schie­be­haft Tat­sa­che ist aber vor al­lem , dass der At­ten­tä­ter nach be­ste­hen­der Ge­set­zes­la­ge bis zu 18 Mo­na­ten hät­te in Ab­schie­be­haft ge­nom­men wer­den kön­nen, man hät­te ihm Mel­de­auf­la­gen und Auf­ent­halts­be­schrän­kun­gen er­tei­len kön­nen, bei Ver­stoß ge­gen die­se Auf­la­gen straf­recht­lich ge­gen ihn vor­ge­hen kön­nen, wie das bei Tau­sen­den Asyl­be­wer­bern stän­dig ge­macht wird.

Be­hör­den­ver­sa­gen Statt des­sen durf­te der Ter­ro­rist un­be­hin­dert kreuz und quer durch Deutsch­land und halb Eu­ro­pa rei­sen. Für die­ses un­glaub­li­che Be­hör­den­ver­sa­gen ist wie im­mer (sie­he NSU-Ver­bre­chen) nie­mand zu­stän­dig ge­we­sen, nie­mand hat­te die Ver­ant­wor­tung und da so­wohl Ent­schei­dungs­trä­ger der CDU wie der SPD be­trof­fen sind, stellt man sich ge­gen­sei­tig Per­sil­schei­ne aus. Da al­le Ver­ant­wort­li­chen, wie im­mer, un­schul­dig sind, muss es na­tür­lich an der un­zu­rei­chen­den Ge­setz­ge­bung ge­le­gen ha­ben, die des­halb um­ge­hend ge­än­dert wer­den muss.

Feh­ler So kann man wun­der­bar vom ei­ge­nen Ver­sa­gen ab­len­ken. Statt die ei­ge­nen Feh­ler und Ver­säum­nis­se auf­zu­ar­bei­ten und die Ver­ant­wort­li­chen ge­ge­be­nen­falls zur Re­chen­schaft zu zie­hen, be­ginnt der satt­sam be­kann­te Wett­streit, wer denn die schärfs­ten Ge­set­ze macht. So geht Wahl­kampf. Die AfD kann schon mal den Sekt ent­kor­ken.

IN­FO Zu die­ser Ko­lum­ne Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ul­rich Mau­rer, Jahr­gang 1948, ge­hört dem Vor­stand der Link­s­par­tei an. Er ist ei­ner von fünf Gast­ko­lum­nis­ten, die im Wech­sel al­le 14 Ta­ge zu ak­tu­el­len po­li­ti­schen The­men Stel­lung neh­men. Das po­li­ti­sche Quin­tett be­steht ne­ben Mau­rer aus Rez­zo Schlauch (Grü­ne), Er­hard Epp­ler (SPD), Er­win Teu­fel (CDU) und Klaus Kin­kel (FDP).

Fo­to: dpa

Blu­men und Ker­zen lie­gen in Ber­lin in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des Breit­scheid­plat­zes, um der Op­fer des An­schlags auf den Weih­nachts­markt zu ge­den­ken.

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