Mit Trump dro­hen neue Kri­sen

INTERVIEWHorst Telt­schik, ehe­ma­li­ger Be­ra­ter von Hel­mut Kohl, zeigt sich vor dem Amts­be­ginn des neu­en US-Prä­si­den­ten zu­tiefst be­sorgt

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - HINTERGRUND - Von un­se­rem Re­dak­teur Hans-Jür­gen Deg­low

Horst Telt­schik fürch­tet nach der Amts­ein­füh­rung Do­nald Trumps um die ato­ma­re Si­cher­heit und um die fra­gi­len Si­cher­heits­struk­tu­ren et­wa in Asi­en, im Iran oder im Na­hen Os­ten. Die bis­he­ri­gen Aus­sa­gen des neu­en USPrä­si­den­ten er­füll­ten ihn mit gro­ßer Sor­ge, sag­te der ehe­ma­li­ge Ver­trau­te von Hel­mut Kohl im Ge­spräch mit der Heil­bron­ner Stim­me.

Herr Telt­schik, war­um Deutsch­land die USA? Horst Telt­schik: Ers­tens ha­ben die USA nach dem Zwei­ten Welt­krieg durch die Grün­dung der Na­to die Si­cher­heit Deutsch­lands und Wes­tBer­lins ge­si­chert. Sie wa­ren im Kal­ten Krieg ein Fak­tor der Sta­bi­li­tät ge­gen­über dem War­schau­er Pakt. Sie ha­ben die In­te­gra­ti­on Deutsch­lands in die Na­to und par­al­lel da­zu in die EU un­ter­stützt. Un­ser Land ist so zu ei­nem an­er­kann­ten und zu­ver­läs­si­gen Mit­glied der west­li­chen Welt ge­wor­den. Der zwei­te Grund: Die USA ge­hö­ren zu den größ­ten De­mo­kra­ti­en der Welt und tre­ten für Frei­heit und Men­schen­rech­te ein. Da­mit sind und blei­ben sie ein wich­ti­ger Part­ner für uns.

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Was den­ken Sie über die ers­ten Si­gna­le, die von Trump kom­men? Telt­schik: Wenn man die bis­he­ri­gen Aus­sa­gen Trumps als po­li­ti­sche Ziel­set­zung ernst neh­men wür­de, dann müss­te man schon von gro­ßer Sor­ge er­füllt sein. Bis­lang ist er nur durch Twit­ter-Er­klä­run­gen öf­fent­lich auf­ge­tre­ten, und ihm rei­chen of­fen­bar zwei, drei Sät­ze, um grund­sätz­li­che Fra­gen zu be­ant­wor­ten. Zu­dem hat er die Zu­kunft der Na­to in ei­ner Wei­se in­fra­ge ge­stellt, die die Eu­ro­pä­er schon sehr nach­denk­lich ma­chen müss­te.

Das heißt? Telt­schik: Mög­li­cher­wei­se müs­sen die Eu­ro­pä­er in Fra­gen der Si­cher- heit mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men und sich selbst aus ih­rer Ab­hän­gig­keit von den USA lö­sen, in­dem sie von sich aus Al­ter­na­ti­ven schaf­fen, wenn Trump von uns ab­rückt. Das Pro­blem ist aber, dass die USA die stärks­te Nu­kle­ar­macht der Welt sind und nach wie vor die Ba­lan­ce zur zweit­stärks­ten Nu­kle­ar­macht, näm­lich Russ­land, hal­ten. Und hier kann Eu­ro­pa kei­nen Er­satz fin­den. Wir müss­ten im Ge­gen­teil das vor­an­trei­ben, was un­ser Au­ßen­mi­nis­ter im letz­ten Jahr ver­sucht hat. Näm­lich, den Pro­zess der Abrüs­tung und Rüs­tungs­kon­trol­le wie­der auf­zu­neh­men.

Muss ei­nem die Nä­he zwi­schen Trump und Pu­tin Angst ma­chen? Telt­schik: Es hat sich tat­säch­lich ei­ne merk­wür­di­ge Al­li­anz ent­wi­ckelt. Wenn man bei­de Per­so­nen be­trach­tet, dann hat man schon den Ein­druck, dass Sie sich vom Typ her sehr gut ver­ste­hen könn­ten. Der ei­ne sagt, er will Ame­ri­ka wie­der stark ma­chen, al­so Ame­ri­ka first, und das sagt Pu­tin auch für Russ­land. Ei­ner­seits kann die­se Hal­tung schnell zu ernst­haf­ten Kon­fron­ta­tio­nen füh­ren, weil die In­ter­es­sen an- sons­ten nicht iden­tisch sind. An­de­rer­seits kön­nen sich ähn­li­che Per­sön­lich­kei­ten manch­mal auch schnell ver­stän­di­gen. Ver­ein­ba­run­gen sind al­so vor­stell­bar, ich fürch­te nur, dass die­se zu Las­ten Drit­ter ge­hen wer­den.

Ei­ne schwie­ri­ge Aus­gangs­la­ge für ein un­ei­ni­ges Eu­ro­pa, oder? Telt­schik: Eu­ro­pa muss da­für sor­gen, dass sei­ne In­ter­es­sen nicht un­ter­ge­but­tert wer­den. Bei al­lem Streit, den wir in der EU der­zeit er­le­ben, wer­den die in­ter­na­tio­na­len Kri­sen und Ent­wick­lun­gen die Eu­ro­pä­er zwin­gen, stär­ker zu­sam­men zu ar­bei­ten, ob sie wol­len oder nicht.

Se­hen Sie ein Kon­flikt­po­ten­zi­al be­züg­lich Chi­na? Telt­schik: Ja. Un­ter der Vor­aus­set­zung, dass Trumps An­deu­tun­gen auch po­li­tisch um­ge­setzt wer­den. Sein leicht­fer­ti­ger Um­gang mit der Volks­re­pu­blik Chi­na kann zu Ver­schär­fun­gen der Be­zie­hun­gen füh­ren. Bis­lang gab es na­he­zu welt­weit das Ein­ver­ständ­nis auf ei­ne Ein-Chi­na-Po­li­tik. Wenn Trump die­se Po­li­tik wirk­lich über Bord wer­fen soll­te, dann droht uns ein schar­fer Kon­flikt in Asi­en.

Sie ha­ben ver­schie­de­ne US-Prä­si­den­ten ken­nen­ge­lernt, un­ter an­de­rem Ro­nald Rea­gan. Es gab in Eu­ro­pa zeit­wei­se viel Wi­der­stand ge­gen ihn. Ähneln sich Rea­gan und Trump? Telt­schik: Der Un­ter­schied zwi­schen ih­nen ist, dass Rea­gan ad­mi­nis­tra­ti­ve Er­fah­run­gen als Gou­ver­neur von Ka­li­for­ni­en hat­te. Und er reis­te, be­vor er of­fi­zi­ell Kan­di­dat wur­de. In Bonn hat­te ihn die Bun­des­re­gie­rung nicht emp­fan­gen, weil sie fand, ein ehe­ma­li­ger Schau­spie­ler sei ih­rer nicht wür­dig. Aber Hel­mut Kohl hat ihn als Op­po­si­ti­ons­füh­rer emp­fan­gen. Als er dann spä­ter als Bun­des­kanz­ler nach Wa­shing­ton ge­reist ist, hat ihn Rea­gan als al­ten Freund be­grüßt. „Hel­mut, we are old fri­ends“, das wa­ren sei­ne Wor­te. Rea­gan hat­te ganz kla­re Po­si­tio­nen. Und er hat­te ein Spit­zen­team mit Men­schen wie Au­ßen­mi­nis­ter Ge­or­ge Shultz und St­abs­chef Ja­mes Ba­ker. Noch ein Plus­punkt: Rea­gan hat zu­ge­hört. Er hat die Ar­gu­men­te sei­ner Ge­sprächs­part­ner ernst- und auf­ge­nom­men, zu­dem war er be­ra­tungs­be­reit. Trump gilt in­des als ein Mensch, der rasch un­ge­dul­dig wird und we­nig Lust hat, sich aus­führ­lich be­ra­ten zu las­sen. Und ich fra­ge mich, ob in sei­ner Ad­mi­nis­tra­ti­on Ty­pen vom Schla­ge Ba­kers und Schultz sind. Trump hat ein Ka­bi­nett zu­sam­men­ge­stellt, das, vor­sich­tig ge­sagt, sehr kom­plex ist.

Ei­ne Her­aus­for­de­rung für Deutsch­land und Eu­ro­pa… Telt­schik: Es hat kei­nen Sinn zu über­le­gen, was Trump tun könn­te. Die Eu­ro­pä­er müs­sen end­lich ih­re ei­ge­nen Po­si­tio­nen for­mu­lie­ren und fron­tal in Wa­shing­ton ver­tre­ten. Sie müs­sen Trump klar­ma­chen, dass die EU ein ernst­zu­neh­men­der Fak­tor ist. Und Trump die Fra­ge stel­len: Steht er zu Ver­pflich­tun­gen der ge­mein­sa­men Si­cher­heit und Ver­tei­di­gung im Fal­le ei­nes An­griffs, ja oder nein? Zwei­tens müs­sen wir über die künf­ti­gen Be­zie­hun­gen zu Russ­land re­den. Und drit­tens: Wie stellt sich Trump die Ent­wick­lung der Be­zie- hun­gen zum Iran vor? Steht er zum Atom­ab­kom­men? Stellt er es in­fra­ge, dann wä­re das brand­ge­fähr­lich und ein Kon­flikt­fall mit Pu­tin. Ge­fähr­lich sind auch sei­ne An­deu­tun­gen ge­gen­über Is­ra­el, die zu ei­ner neu­en In­ti­fa­da füh­ren könn­ten. Und will Trump Süd­ko­rea und Ja­pan wirk­lich zu Nu­kle­ar­mäch­ten ma­chen? Das kann ei­nen Rie­sen­kon­flikt aus­lö­sen. Zu­letzt: Wie po­si­tio­niert sich Trump beim The­ma Frei­han­del? Pro­tek­tio­nis­mus wä­re ein Pro­blem für uns. Die Agen­da ist lang, aber dies sind al­les sub­stan­zi­el­le In­ter­es­sen Eu­ro­pas.

„Es hat kei­nen Sinn zu über­le­gen, was Trump

tun könn­te.“

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