Ärz­te­kam­mer ver­är­gert Mi­nis­te­ri­um

Me­di­zi­ner kri­ti­sie­ren Um­gang mit ra­dio­ak­ti­vem Müll – Prä­si­dent lässt Ent­schlie­ßung aus dem Netz neh­men

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - BADEN-WÜRTTEMBERG - Von un­se­rem Re­dak­teur Re­to Bosch

Ei­ne Ent­schlie­ßung der Lan­des­ärz­te­kam­mer (LÄK) hat Wir­bel in Stutt­gart aus­ge­löst. Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kam­mer hat­te mit gro­ßer Mehr­heit die Lan­des­re­gie­rung auf­ge­for­dert, frei­ge­ge­be­nen ra­dio­ak­ti­ven Rest­müll aus dem Ab­bau von Kern­kraft­wer­ken nicht auf De­po­ni­en zu ent­sor­gen, son­dern an den je­wei­li­gen Stand­or­ten ver­wah­ren zu las­sen. Den Ent­schlie­ßungs­text hat die Ärz­te­kam­mer nach ei­nem Ge­spräch mit dem Um­welt­mi­nis­ter von ih­ren In- ter­net-Sei­ten ge­löscht. Es hät­ten sich neue Er­kennt­nis­se er­ge­ben, der Vor­stand der LÄK wer­de am 25. Ja­nu­ar ent­schei­den, wie mit dem Text end­gül­tig um­zu­ge­hen ist.

Am 26. No­vem­ber hat­ten sich die ge­wähl­ten Ärz­te-Ver­tre­ter zu ih­rer Herbst­ver­samm­lung ge­trof­fen. Sie fass­ten Ent­schlie­ßun­gen zu Lan­d­arzt­quo­ten und El­tern­zeit – und zum Um­gang mit schwach strah­len­dem Rest­müll aus Kern­kraft­wer­ken. Im Text, der der Heil­bron­ner Stim­me vor­liegt, heißt es: „Als Ärz­te wis­sen wir, dass es kei­ne Schwel­len­wer­te für die Un­be­denk­lich­keit von io­ni­sie­ren­der Strah­lung gibt und auch durch ver­meint­lich ge­rin­ge Strah­len­men­gen ge­sund­heit­li­che Schä­den ent­ste­hen kön­nen.“Die Me­di­zi­ner war­nen mit der Ent­schlie­ßung vor der „Ver­harm­lo­sung mög­li­cher Strah­len­schä­den“durch die ge­plan­te Ver­tei­lung un­ter an­de­rem von GKN-Rück­bau­ma­te­ri­al auf ver­schie­de­ne De­po­ni­en. Ei­ne da­von ist die An­la­ge Vo­gel­sang in Heil­bronn.

Das Ma­te­ri­al sol­le des­halb nicht frei­ge­ge­ben wer­den, al­so nicht aus dem Gel­tungs­be­reich des Atom­ge­set­zes ent­las­sen wer­den. So lan­ge, bis „de­fi­ni­ti­ve und ge­sund­heit­lich zu ver­ant­wor­ten­de Lö­sun­gen der End­la­ge­rung ge­fun­den sind“. Nach gel­ten­dem Recht ist vor­ge­se­hen, je­ne Stof­fe, de­ren ra­dio­ak­ti­ve Strah­lung un­ter ex­trem ge­rin­gen Grenz­wer­ten liegt, auf be­stimm­ten De­po­ni­en zu la­gern. Atom­kraft­geg­ner kri­ti­sie­ren die­ses Vor­ge­hen. Sie for­dern, das Ma­te­ri­al an den Stand­or­ten zu be­hal­ten.

Ge­spräch Der Ent­schlie­ßungs­text hat das von Franz Un­ter­stel­ler (Grü­ne) ge­führ­te Um­welt­mi­nis­te­ri­um in Un­ru­he ver­setzt. Dar­um wis­send, dass sol­che Aus­sa­gen von Ärz­ten das Po­ten­zi­al ha­ben, Bür­ger zu ver­un­si­chern. „Wir ha­ben des­halb die Kam­mer um ein Ge­spräch ge­be­ten, um uns den Be­schluss er­läu­tern zu las­sen“, sagt Pres­se­spre­cher Frank Lor­ho auf An­fra­ge der Heil­bron­ner Stim­me. Dass der Text von den In­ter­net-Sei­ten der Ärz­te­kam­mer ver­schwun­den ist, sei nicht auf die In- ter­ven­ti­on des Mi­nis­te­ri­ums zu­rück­zu­füh­ren. Die Kam­mer­spit­ze ha­be die Ent­schlie­ßung selbst ge­löscht, was die­se auch be­stä­tigt.

Für das Um­welt­mi­nis­te­ri­um je­den­falls steht fest, dass der Be­schluss­text je­der Grund­la­ge ent­beh­re. Die Frei­ga­be­re­ge­lung ba­sie­re auf dem in­ter­na­tio­nal an­er­kann­ten Maß­stab, dem­zu­fol­ge zu­sätz­li­che Be­las­tun­gen bis zehn Mi­kro­sie­vert pro Jahr als un­be­denk­lich gel­ten. Zum Ver­gleich: Die na­tür­li­che Strah­lung be­tra­ge im Mit­tel 2100 Mi­kro­sie­vert pro Jahr.

Der Prä­si­dent der Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. Ul­rich Cle­ver, ist er- kenn­bar un­glück­lich mit dem Be­schluss sei­ner Mit­glie­der. Un­se­rer Zei­tung sag­te er: Das Zehn-Mi­kro­sie­vert-Kon­zept re­du­zie­re mög­li­che Ri­si­ken der Be­völ­ke­rung be­reits auf ein sehr nied­ri­ges Ni­veau. „Aus mei­ner Sicht han­delt es sich da­her um ein Ver­fah­ren ent­spre­chend des heu­ti­gen Stan­des von Wis­sen­schaft und Tech­nik, das auch ge­sund­heit­lich ver­ant­wort­bar er­scheint.“

Wie der Wi­der­spruch zwi­schen Ver­samm­lung und Kam­mer­spit­ze auf­ge­löst wer­den soll, ist un­klar. Der Vor­stand wer­de am 25. Ja­nu­ar in­for­miert. Ihm wird die Ent­schei­dung über­las­sen blei­ben, wie die Lan­des­ärz­te­kam­mer kon­kret mit der Si­tua­ti­on um­geht. Bis da­hin sei nach dem Ge­spräch mit Mi­nis­ter Un­ter­stel­ler die Ent­schlie­ßung vor­über­ge­hend vom Netz ge­nom­men wor­den. „Sie wird nach die­se Ent­schei­dung wie­der on­line ge­hen, al­ler­dings vor­aus­sicht­lich er­gänzt durch wei­te­re In­for­ma­tio­nen“, er­klär­te ein Kam­mer­spre­cher der Stim­me.

„Wir ha­ben die Kam­mer um ein Ge­spräch ge­be­ten.“Frank Lor­ho, Um­welt­mi­nis­te­ri­um „Aus mei­ner Sicht er­scheint das Ver­fah­ren ver­ant­wort­bar.“Ul­rich Cle­ver, Lan­des­ärz­te­kam­mer

Fo­to: Ar­chiv/Dirks

Beim Ab­bau von Atom­kraft­wer­ken – wie hier in Ob­rig­heim – wird ge­nau un­ter­sucht, wel­che Tei­le ra­dio­ak­tiv be­las­tet sind.

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