An­le­ger flüch­ten aus der Tür­kei

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - WIRTSCHAFT - Von To­bi­as Schmidt, dpa

Die tür­ki­sche Lan­des­wäh­rung Li­ra stürzt im­mer wei­ter ab. Seit dem ge­schei­ter­ten Putsch­ver­such in der Tür­kei im Som­mer hat sie rund 30 Pro­zent ih­res Wer­tes ver­lo­ren. We­gen po­li­ti­scher Tur­bu­len­zen und Ter­ror­an­schlä­gen zie­hen An­le­ger scha­ren­wei­se ihr Geld aus dem Land am Bo­spo­rus ab. Jetzt füh­ren ehr­gei­zi­ge Plä­ne von Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­do­gan zu noch mehr Ve­r­un­si­che­rung. Seit Jah­res­be­ginn rauscht die Li­ra im­mer schnel­ler berg­ab.

Wert­ver­lus­te von mehr als zwei Pro­zent an ei­nem Tag sind kei­ne Be­son­der­heit, Mit­te der Wo­che war die Wäh­rung so schwach wie nie zu­vor. In­zwi­schen müs­sen die Tür­ken mehr als vier Li­ra hin­blät­tern, um ei­nen Eu­ro zu er­hal­ten, noch im Som­mer wa­ren es kaum mehr als drei Li­ra. „Ei­ne Sta­bi­li­sie­rung oder gar ei­ne Ge­gen­be­we­gung ist nicht in Sicht“, sagt Ma­nu­el Schimm, Ex­per­te bei der Baye­ri­schen Lan­des­bank.

Die Tür­kei will nun mit ei­ner be­son­de­ren Maß­nah­me In­ves­to­ren an­zie­hen: Sie lockt mit der Aus­sicht auf die tür­ki­sche Staats­bür­ger­schaft. Die­ser Be­schluss wur­de am Don­ners­tag im Amts­blatt ver­öf­fent­licht. Aus­län­der, die ei­ne Im­mo­bi­lie im Wert von min­des­tens ei­ner Mil­li­on Dol­lar in das Grund­buch ein­tra­gen las­sen und die­se drei Jah­re lang nicht ver­kau­fen, kön­nen dem­nach ei­ne tür­ki­sche Staats­bür­ger­schaft er­wer­ben. Auch In­ves­to­ren, die Jobs für min­des­tens hun­dert Men­schen schaf­fen, kom­men in­fra­ge.

Putsch­ver­such Zwar ist die Li­ra be­reits seit dem ge­schei­ter­ten Putsch­ver­such im Ju­li 2016 un­ter Druck. Aber jetzt nimmt die Ve­r­un­si­che­rung der An­le­ger we­gen po­li­ti­scher Ent­wick­lun­gen in der Tür­kei noch wei­ter zu. Denn im Par­la­ment in An­ka­ra wird die­ser Ta­ge über ei­ne von Er­do­gan an­ge­streb­te Ver­fas­sungs­re­form ab­ge­stimmt. Der Staats­chef will ein Prä­si­di­al­sys­tem ein­füh­ren und so­mit sei­ne Macht noch wei­ter aus­bau­en. Die ers­ten bei­den von 18 Ar­ti­keln ha­ben die Ab­ge­ord­ne­ten vor­erst ab­ge­nickt. Am En­de soll noch das Volk ab­stim­men. Wei­te Tei­le der Op­po­si­ti­on lau­fen Sturm ge­gen die Re­form und war­nen vor ei­ner Dik­ta­tur in der Tür­kei.

Nichts aber fürch­ten An­le­ger an den Fi­nanz­märk­ten mehr als ei­nen un­be­re­chen­ba­ren Staats­chef. So ge­rät die Li­ra ins Tau­meln; und die tür­ki­sche No­ten­bank schaut of­fen­bar macht­los zu. Zwar hat sie sich ge­gen die Li­ra-Schwä­che ge­stemmt, in­dem sie den hei­mi­schen Ban­ken er­laubt, mehr Dol­lar zu ver­kau­fen. Zu­vor muss­ten die Geld­häu­ser hö­he­re Dol­lar-Be­stän­de als Si­cher­heit bun­kern. Dies sei aber we­der das rich­ti­ge Mit­tel noch rei­che es aus, kri­ti- siert Ta­tha Gho­se, Ex­per­te bei der Com­merz­bank.

Auch Ap­pel­le Er­do­gans, die Tür­ken soll­ten ih­re De­vi­sen un­term Kopf­kis­sen her­vor­ho­len und zur Bank brin­gen, klin­gen eher ver­zwei­felt als nach ei­ner durch­dach­ten Stra­te­gie. Auf die Dau­er wer­de die No­ten­bank um Zins­er­hö­hun­gen nicht her­um kom­men, meint Gho­se. Das Pro­blem aber ist: Hö­he­re Leit­zin­sen dro­hen die tür­ki­sche Wirt­schaft wei­ter ab­zu­wür­gen. Des­halb sitzt Er­do­gan den Wäh­rungs­hü­tern im Na­cken. Be­reits mehr­fach hat der Staats­chef so­gar Zins­sen­kun­gen ge­for­dert.

In­fla­ti­on Und Er­do­gans Sor­gen um die Kon­junk­tur kom­men nicht von un­ge­fähr. Die tür­ki­sche Wirt­schaft ist im drit­ten Quar­tal 2016 erst­mals seit dem Kri­sen­jahr 2009 ge­schrumpft. Vor al­lem der Tou­ris­mus­sek­tor lei­det. Für die­ses Jahr hat die Re­gie­rung ih­re Wachs­tums­pro­gno­se für die Wirt­schaft von 5,0 auf 4,4 Pro­zent ge­senkt. Zu al­lem Über­fluss hat die Tür­kei schon lan­ge mit ei­nem Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit zu kämp­fen. Seit der Jahr­tau­send­wen­de ex­por­tiert das Land fast kon­ti­nu­ier­lich viel we­ni­ger, als es im­por­tiert. Das macht die Tür­kei ver­letz­lich bei ei­ner Tal­fahrt der Wäh­rung, denn die­se macht Im­por­te teu­rer. Das heizt die In­fla­ti­on an, zu­letzt lag die Teue­rungs­ra­te bei 8,5 Pro­zent.

Fo­to: dpa

Im Ver­gleich zum Eu­ro wird die tür­ki­sche Li­ra im­mer schwä­cher.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.