„Der Kraft­akt lässt sich nicht ewig wei­ter­füh­ren“

Ver­eins­boss Rolf Härdt­ner über Hal­len­sor­gen, In­ves­to­ren, Hand­ball-Träu­me und Fuß­ball-Rea­li­tä­ten

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - SPORT -

Seit dem Jahr 2009 ist der 73-jäh­ri­ge Rolf Härdt­ner Vor­sit­zen­der der Neckar­sul­mer Spor­tU­ni­on, dem er­folg­reichs­ten Sport­ver­ein des Un­ter­lands. Die Hand­bal­le­rin­nen spie­len in der Bun­des­li­ga, die Fuß­bal­ler in der Ober­li­ga. Auch wei­te­re Ab­tei­lun­gen sind leis­tungs­ori­en­tiert. „Das ist ein Rie­sen-Lu­xus für uns, aber gleich­zei­tig eben auch ein Rie­sen-Pro­blem“, sagt Rolf Härdt­ner.

Über den Jah­res­wech­sel ha­ben die Hand­ball-Frau­en zwei Nie­der­la­gen kas­siert. Ha­ben Sie die schon ver­daut? Rolf Härdt­ner: Nein. Be­son­ders die Nie­der­la­ge ge­gen Bad Wil­dun­gen zum Jah­res­ab­schluss be­rei­tet mir schlaf­lo­se Näch­te. Die ent­schei­den­den Sze­nen ge­hen mir im­mer wie­der durch den Kopf.

Ob Hand­ball oder Fuß­ball, Sie zit­tern im­mer mit, oder? Härdt­ner: Mei­ne Frau ver­sucht, mir ei­ne ge­sun­de Dis­tanz zu ver­ord­nen, aber das geht ein­fach nicht. Jetzt kommt sie nicht mehr mit zu den Spie­len. Wenn die Hand­bal­le­rin­nen und Fuß­bal­ler am glei­chen Tag ver­lie­ren, dann ist das Wo­che­n­en­de trotz­dem ge­lau­fen. Gott sei Dank kam das zu­letzt nicht all­zu oft vor (lacht).

Ak­tu­ell kämp­fen die Hand­ball-Frau­en um den Klas­sen­er­halt. Was muss im Um­feld ge­sche­hen, um dau­er­haft in der Bun­des­li­ga zu blei­ben? Härdt­ner: Ab Som­mer brau­chen wir ei­nen haupt­amt­li­chen Trai­ner und Ma­na­ger. Wir wür­den uns wün­schen und ar­bei­ten ak­tu­ell da­ran, dass Emir Had­zim­u­ha­me­do­vic das in Per­so­nal­uni­on über­nimmt. Wir sind an ei­nem Punkt an­ge­langt, an dem der nächs­te Schritt nur mög­lich ist, wenn sich ein gro­ßer In­ves­tor fin­det, der dau­er­haft da­zu bei­trägt, hier nach­hal­tig pro­fes­sio­nel­le Struk­tu­ren zu schaf­fen. Der mo­men­ta­ne Kraft­akt lässt sich nicht ewig wei­ter­füh­ren.

Mit dem Bun­des­li­ga-Auf­stieg hat sich ein per­sön­li­cher Traum für Sie er­füllt. Von was träu­men Sie jetzt? Härdt­ner: Mal un­ter den ers­ten Vier zu lan­den und im Eu­ro­pa­po­kal zu spie­len. Al­lei­ne kön­nen wir die­sen Schritt nicht ge­hen. Das wä­re sonst fi­nan­zi­ell nicht mach­bar. Da­für brau­chen wir die gan­ze Re­gi­on.

Fast je­de Ab­tei­lung steht sport­lich bes­ser da als vor der Fu­si­on. Härdt­ner: Des­we­gen ha­be ich schlaf­lo­se Näch­te.

War­um denn? Härdt­ner: Wie geht es wei­ter, wenn ich den Job hier nicht mehr aus­üben kann? Ich se­he lei­der nie­man­den, der be­reit ist, es zu ma­chen. Das ist ei­ne gro­ße Sor­ge und für mich ein Grund mehr, mich als Ver­ein für ei­nen In­ves­tor zu öff­nen.

Die Sport-Uni­on scheint bei­na­he von den ei­ge­nen Er­fol­gen über­rollt zu wer­den, oder täuscht der Ein­druck? Härdt­ner: Wir ha­ben 15 Ab­tei­lun­gen, von de­nen ei­ni­ge sehr leis- tungs­ori­en­tiert ar­bei­ten. An­de­re Vereine un­se­rer Grö­ßen­ord­nung ha­ben viel­leicht ei­ne sol­che Spar­te. Das ist ein Rie­sen-Lu­xus für uns, aber gleich­zei­tig eben auch ein Rie­sen-Pro­blem.

Weil es un­ter­ein­an­der zu Kon­kur­renz­si­tua­tio­nen kommt? Härdt­ner: Ja, be­son­ders bei den Hal­len­zei­ten. Hand­ball kann in Neckar­sulm nur in zwei Hal­len ge­spielt wer­den. Dass ein Bun­des­li­ga­team beim Trai­ning manch­mal nur ei­ne Hal­len­hälf­te zur Ver­fü­gung hat, darf ei­gent­lich nicht sein.

Neckar­sulm bräuch­te al­so ei­ne wei­te­re Sport­hal­le? Härdt­ner: Ja. Op­ti­mal wä­re ei­ne kom­bi­nier­te Trai­nings- und Spiel­hal­le für 2500 bis 3000 Zu­schau­er zwi­schen Neckar­sulm und Heil­bronn. Ide­al wä­re ein Grund­stück di­rekt an der Gren­ze auf Neckar­sul­mer Ge­mar­kung.

Klingt gut – wor­an hängt es? Härdt­ner: Es wird ein In­ves­tor ge­braucht, der die Hal­le baut und mög­lichst auch be­treibt.

Ei­ne rei­ne Sport­hal­le oh­ne Eis­flä­che al­so? Härdt­ner: Ja, die Idee Eishockey und Hand­ball in ei­ner gro­ßen Mehr­zweck­hal­le in Heil­bronn spie­len zu las­sen, ist zwar auf den ers­ten Blick ver­lo­ckend, aber we­nig prak­ti­ka­bel. Von Eis auf Hal­len­bo­den um­zu­rüs­ten, ist sehr teu­er. Als Trai­nings­hal­le kä­me sie für den Hand­ball nicht in Fra­ge, da ja Eis für den Trai­nings­be­trieb der Eis­ho­ckey­teams vor­ge­hal­ten wer­den muss.

Ist die Bal­lei mit ih­ren jetzt knapp 1500 Plät­zen nicht aus­rei­chend? Härdt­ner: Die Bal­lei ist für die Hand­ball-Bun­des­li­ga der Frau­en ei­gent­lich op­ti­mal, aber in die Jah­re ge­kom­men. Da wer­den ähn­lich wie beim Aqua­toll bald gro­ße In­ves­ti­tio­nen nö­tig. Im Grun­de ist sie be­reits ei­ne rei­ne Hand­ball­hal­le, weil kaum Zei­ten üb­rig blei­ben, um dort an­de­re Ver­an­stal­tun­gen durch­zu­füh­ren. Al­lein mit Frau­en-Hand­ball lie­ße sich ei­ne dop­pelt so gro­ße Hal­le aber schwer­lich pro­fi­ta­bel be­trei­ben. Müss­te da nicht noch ein am­bi­tio­nier­tes Män­ner­team wie zum Bei­spiel der Dritt­li­gist TSB Hork­heim hin­zu­kom­men? Härdt­ner: Das geht nur, wenn kla­re Prio­ri­tä­ten ge­setzt wer­den, wie et­wa in Bie­tig­heim, wo die Frau­en die kla­re Num­mer eins sind. Am Bei­spiel Leip­zig lässt sich se­hen, was pas­siert, wenn Frau­en- und Män­ner­teams ei­ner Stadt in Kon­kur­renz mit­ein­an­der tre­ten. Da zie­hen die Frau­en den Kür­ze­ren, ob­wohl sie jah­re­lang ei­nes der Top­teams in Deutsch­land wa­ren.

In Neckar­sulm sind die Ver­hält­nis­se an­ders­her­um. Härdt­ner: Ja, aber die Män­ner sind mit der au­gen­blick­li­chen Si­tua­ti­on sehr zu­frie­den. Sie spie­len an der Ta­bel­len­spit­ze der Würt­tem­berg­li­ga und das Kon­zept, auf die ei­ge­nen Ta­len­te zu set­zen, fruch­tet.

Eben­so bei den Fuß­bal­lern, die ei­ne star­ke De­büt-Sai­son in der Ober­li­ga be­strei­ten. Kann man auch hier noch ei­nen Schritt wei­ter ge­hen? Härdt­ner: Wir brem­sen nie­man­den, ganz klar. Ers­tes Ziel ist es, sich in der Ober­li­ga zu eta­blie­ren. Soll­ten wir sport­lich so weit sein, dann wer­den wir nicht auf den Re­gio­nal­li­gaAuf­stieg ver­zich­ten. Aber wir wer­den es nicht for­cie­ren, in dem wir lau­ter Stars ein­kau­fen.

War­um? Härdt­ner: Das Pich­te­rich­sta­di­on ist nicht re­gio­nal­li­ga­taug­lich. Wir ha­ben kei­ne über­dach­te Tri­bü­ne, kei­ne Sitz­plät­ze. Es fehlt ein Be­spre­chungs­raum – und vie­les mehr.

Gibt es denn die Aus­sicht auf ir­gend­ei­ne Ab­hil­fe? Härdt­ner: Of­fe­ne Tü­ren wer­de ich bei der Stadt Neckar­sulm da­mit nicht ein­ren­nen.

Vor rund zehn Mo­na­ten wur­den die Fuß­bal­ler in Schwä­bisch Hall vom Zoll­amt be­fragt. Was ist da­bei her­aus­ge­kom­men? Härdt­ner: Der Zoll hat von uns al­le not­wen­di­gen Un­ter­la­gen wie die Spie­ler­ver­trä­ge er­hal­ten. Wir müs­sen ab­war­ten, was jetzt pas­siert, wenn al­les ge­sich­tet ist.

„Wie geht es wei­ter, wenn ich den Job hier nicht mehr aus­üben kann?“ „Die Bal­lei ist in die Jah­re ge­kom­men. Da wer­den bald gro­ße In­ves­ti­tio­nen nö­tig.“

Fo­to: Vei­gel

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