Angst und Vor­ur­tei­le

„Tat­ort: Wacht am Rhein“packt hoch­ak­tu­el­les The­ma an – Klaus Dol­din­ger als Stra­ßen­mu­si­ker

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - MEDIEN - Von Pe­tra Al­bers, dpa

Ein Mann mit Ka­pu­ze über­fällt ei­ne Zoo­hand­lung. Je­mand wirft ei­ne Steck­do­sen­leis­te in ein Aqua­ri­um, das Licht fla­ckert, ehe es er­lischt. Durch die zu­cken­den Blit­ze ir­ren Ge­stal­ten – ei­ne fällt zu Bo­den. Der Sohn des Ge­schäfts­in­ha­bers ist tot. Der Ka­pu­zen­mann rennt weg. War es ei­ner von die­sen Nord­afri­ka­nern? Für ei­ni­ge recht­schaf­fe­ne Bür­ger ist das klar. Der Köl­ner „Tat­ort“packt ein bri­san­tes The­ma an. Die „Wacht am Rhein“, so der Ti­tel der Fol­ge, nennt sich ei­ne Bür­ger­wehr, die sich in ei­nem Köl­ner Vier­tel ge­grün­det hat, nach­dem die Zahl der Ein­brü­che sprung­haft ge­stie­gen ist. Der du­bio­se An­füh­rer die­ser Trup­pe, Die­ter Gott­schalk – über­zeu­gend ge­spielt von Syl­ves­ter Groth – nutzt die Si­tua­ti­on und will die Nach­bar­schaft bei ei­ner Mahn­wa­che für das Mord­op­fer auf­wie­geln. Bei ih­ren Er­mitt­lun­gen sto­ßen die Kom­mis­sa­re Max Ballauf (Klaus J. Beh­rendt) und Fred­dy Schenk (Diet­mar Bär) auf den jun­gen Ma­rok­ka­ner Kha­lid Ha­mi­di (Sa­my Ab­del Fat­tah). Der hat­te vor ei­ni­ger Zeit die Schwes­ter des To­ten be­läs­tigt und pro­vo­ziert auch an­sons­ten durch sein ag­gres­si­ves Auf­tre­ten.

Ka­pu­zen­ja­cke In­des ist Kha­lids Lands­mann, der Stu­dent Baz Barek (Omar El-Sa­ei­di) wie vom Erd­bo­den ver­schwun­den. Er trug in der Tat­nacht ei­ne Ka­pu­zen­ja­cke wie der mut­maß­li­che Tä­ter. Und wel­ches Spiel spielt Adil Fa­ras (Asad Schwarz), der seit vie­len Jah­ren in Köln lebt und als Mit­glied der Bür­ger­wehr Au­gen­zeu­ge des Über­falls auf die Zoo­hand­lung wird.

Die „Wacht am Rhein“birgt Zünd­stoff: Da ist die Mut­ter, die sich kaum al­lein auf die Stra­ße traut. Da sind die Rechts­po­pu­lis­ten, die das Angst­ge­fühl in der Be­völ­ke­rung aus­nut­zen. Da sind die so­ge­nann­ten Gut­men­schen, die da­vor war­nen, al­le Flücht­lin­ge über ei­nen Kamm zu sche­ren und ver­su­chen, ih­nen Ar­beit zu ver­mit­teln, was aber an be­hörd­li­chen Auf­la­gen schei­tert.

Ähn­lich viel­schich­tig dar­ge­stellt wird die Si­tua­ti­on der Men­schen mit aus­län­di­schen Wur­zeln: Der Nord­afri­ka­ner, der sich il­le­gal in Deutsch­land auf­hält, Straf­ta­ten be­geht und kei­ner­lei Re­spekt vor der Po­li­zei hat. Der eta­blier­te La­den­be­sit­zer, der auf­grund sei­ner Ab­stam­mung nun ko­misch an­ge­guckt wird und des­we­gen wü­tend wird. Der Stu­dent, ge­gen den sich die­se Wut ent­lädt, weil er zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort ist. Auch Ballauf und Schenk kön­nen sich dem Stru­del aus Vor­ur­tei­len und Halb­wahr­hei­ten kaum ent­zie­hen.

Ein Sch­man­kerl hält „Wacht am Rhein“auch be­reit: Zum ers­ten Mal ist Klaus Dol­din­ger, Kom­po­nist der „Tat­ort“-Ti­tel­me­lo­die, in ei­ner Gast­rol­le zu se­hen. Der 80-Jäh­ri­ge mimt in ei­ner kur­zen Sze­ne ei­nen Stra­ßen­mu­si­ker. Ballauf und Schenk wer­fen ihm im Vor­bei­ge­hen ein paar Mün­zen zu, als er auf dem Sa­xo­fon ge­ra­de ei­ne Jazz-Ver­si­on der le­gen­dä­ren Me­lo­die spielt.

Sen­de­ter­min Sonn­tag, 20.15 Uhr, ARD

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