„Die Be­schäf­ti­gung wird 2017 wei­ter stei­gen“ Zur Per­son

Jür­gen Czu­pal­la über Flücht­lin­ge, Lang­zeit­ar­beits­lo­se und Voll­be­schäf­ti­gung in der Re­gi­on

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - REGION HEILBRONN -

Trotz der seit Jah­ren sin­ken­den Ar­beits­lo­sig­keit hat die Ar­beits­agen­tur Heil­bronn ei­ne Men­ge zu tun. Be­hör­den­lei­ter Jür­gen Czu­pal­la über die Her­aus­for­de­run­gen­für das Jah­res 2017.

Herr Czu­pal­la: Wie fällt Ih­re Bi­lanz des Jah­res 2016 aus? Jür­gen Czu­pal­la: Wir bli­cken auf ein gu­tes Jahr für den Ar­beits­markt in der Re­gi­on zu­rück. Es gab ei­nen leich­ten Rück­gang der Ar­beits­lo­sig­keit. Und wir ha­ben uns po­si­tiv ent­wi­ckelt bei der Stei­ge­rung der so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Be­schäf­ti­gung. Hier lie­gen wir über dem Lan­des­durch­schnitt.

Gibt es Be­rei­che, mit de­nen Sie nicht zu­frie­den sind? Czu­pal­la: Die Ar­beits­lo­sig­keit jun­ger Men­schen ist an­ge­stie­gen, das er­füllt ei­nen na­tür­lich mit Sor­ge.

Wor­an liegt’s? Czu­pal­la: Et­wa die Hälf­te der Flücht­lin­ge, die zu uns kom­men, ist un­ter 25 Jah­ren alt. Sie tau­chen in der Sta­tis­tik auf, wenn sie in die Ar­beits­lo­sig­keit kom­men. Wir ma­chen des­halb An­ge­bo­te in Rich­tung Erst­aus­bil­dung oder Be­schäf­ti­gung mit ei­ner be­glei­ten­den Qua­li­fi­zie­rung.

Wie sieht es ge­ne­rell bei den Flücht­lin­gen aus? Die meis­ten sind mei­nes Wis­sens in In­te­gra­ti­ons­kur­sen oder Maß­nah­men und ste­hen dem Ar­beits­markt nicht zur Ver­fü­gung. Czu­pal­la: Im Mo­ment sind in Stadt und Land­kreis Heil­bronn rund 3500 Flücht­lin­ge als ar­beit­su­chend ge­mel­det. Da­von sind nur 700 tat­säch­lich ar­beits­los ge­mel­det, die an­de­ren sind in In­te­gra­ti­ons­kur­sen oder in Qua­li­fi­zie­rungs- oder Vor­be­rei­tungs­maß­nah­men. Un­ser Ziel ist es, die tat­säch­li­che Ar­beits­lo­sig­keit so kurz wie mög­lich zu hal­ten. Wir wol­len, dass nach dem Sprach­kurs gleich ein an­de­res An­ge­bot zur Ver­fü­gung steht, so dass ein schritt­wei­ses Ein­tre­ten in den Ar­beits­markt mög­lich wird. Wir ha­ben schon jetzt In­te­gra­tio­nen in den Ar­beits­markt er­zielt, und wir be­rei­ten ei­ne Grup­pe von jun­gen Men­schen auf ei­ne Aus­bil­dung 2017 vor.

Zie­hen die Flücht­lin­ge mit? Czu­pal­la: Ja. Die Be­reit­schaft der Flücht­lin­ge ist sehr hoch, sich in den Ar­beits­markt zu in­te­grie­ren und an Maß­nah­men teil­zu­neh­men.

Sie hat­ten schon früh dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge Jah­re dau­ern wer­de. Das scheint sich nun zu be­stä­ti­gen, der Ar­beits­markt pro­fi­tiert bis­her nicht wie er­hofft von den Flücht­lin­gen. Wa­ren Tei­le der Po­li­tik und Wirt­schaft da zu op­ti­mis­tisch? Czu­pal­la: Das weiß ich nicht. Das ist im­mer auch ei­ne Fra­ge der Sicht­wei­se. Ja, wir ha­ben auch Hoch­qua­li­fi­zier­te un­ter den Flücht­lin­gen, aber das ist ei­ne sehr ge­rin­ge Zahl. Bei die­sen Men­schen ha­ben wir ei­ne Chan­ce auf ei­ne ra­sche In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt. Und bei den an­de­ren? Czu­pal­la: Was uns fehlt, sind die Fach­ar­bei­ter oder die Hand­werks­ge­sel­len, die be­son­ders be­nö­tigt wer­den. Die­se Aus­bil­dungs­gän­ge gibt es aber nicht in den Her­kunfts­län­dern, des­halb ha­ben wir die Ex­tre­me: Die Un- oder An­ge­lern­ten und die Hoch­qua­li­fi­zier­ten. Die grö­ße­re Zahl sind die­je­ni­gen oh­ne for­ma­le Qua­li­fi­ka­ti­on, bei de­nen wir für die In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt ei­nen län­ge­ren Atem brau­chen.

Wo se­hen Sie noch Schwie­rig­kei­ten? Czu­pal­la: Ein Rie­sen­pro­blem, das von vie­len un­ter­schätzt wur­de, ist die Tat­sa­che, dass vie­le Flücht­lin­ge un­ser Al­pha­bet nicht kön­nen. Dann dau­ert es na­tür­lich viel län­ger, bis sie un­se­re Spra­che ver­ste­hen.

Wie vie­le Flücht­lin­ge hat die Agen­tur bis­her in Ar­beit ge­bracht? Czu­pal­la: Von Mit­te 2015 bis Mit­te 2016 ha­ben wir bei den Flücht­lin­gen aus den Kern-Flücht­lings­län­dern ei­nen Zu­wachs in so­zi­al­ver­si­che- rungs­pflich­ti­ge Be­schäf­ti­gung um 160 Per­so­nen. Das ist ge­mes­sen an den 3500 Flücht­lin­gen nicht viel, aber ich fin­de, für die kur­ze Zeit, in der die Men­schen hier sind, ist das schon ein Er­folg. Ich rech­ne da­mit, dass sich die­se Zahl im Ge­samt­jahr 2016 wei­ter er­höht hat. In wel­chen Be­rei­chen sind die­se Flücht­lin­ge un­ter­ge­kom­men? Czu­pal­la: Das ist sehr breit ge­streut. Das Hand­werk ist da­bei, in star­kem Um­fang auch die Gas­tro­no­mie und der Be­reich La­ger/Lo­gis­tik. Und wir ha­ben ei­ni­ge Flücht­lin­ge in In­dus­trie­ar­beits­plät­zen mit Me­tall­ta­rif un­ter­ge­bracht.

Ei­ne an­de­re Pro­blem­grup­pe sind die Lang­zeit­ar­beits­lo­sen, die im­mer noch ein Drit­tel der 10 000 Ar­beits­lo­sen im Be­zirk aus­ma­chen. Czu­pal­la: 2016 war auch hier ein po­si­ti­ves Jahr, denn wir ha­ben ei­nen Rück­gang der Lang­zeit­ar­beits­lo­sen. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich, da steckt ganz viel Ar­beit drin.

War­um? Czu­pal­la: Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit ent­steht in der Re­gel, wenn ein Mensch meh­re­re Hemm­nis­se hat auf dem Weg zum Ar­beits­markt. Das kann feh­len­de Qua­li­fi­ka­ti­on sein, das Al­ter, ge­sund­heit­li­che Ein­schrän­kun­gen, sprach­li­che De­fi­zi­te oder Pro­ble­me wie Schul­den oder Sucht. Wir wis­sen, dass mit ei­nem Ver­mitt­lungs­hemm­nis die Chan­ce auf ei­ne In­te­gra­ti­on um 50 Pro­zent sinkt. Wenn es meh­re­re Hemm­nis­se sind, wird es im­mer schwie­ri­ger.

Was tut die Agen­tur da­ge­gen? Czu­pal­la: Wir ge­hen da ran mit ge­rin­gen Be­treu­ungs­re­la­tio­nen un­se­rer Ver­mitt­ler, mit ho­her Un­ter­stüt­zungs­leis­tung, mit um­fang­rei­chen An­ge­bo­ten für Ar­beit­ge­ber. Das ist ein müh­sa­mer Weg, den wir aber Jür­gen Czu­pal­la (58) ist seit März 2014 Vor­sit­zen­der der Ge­schäfts­füh­rung der Ar­beits­agen­tur Heil­bronn mit rund 280 Be­schäf­tig­ten. Der ge­bür­ti­ge Bad Cann­stat­ter ist ver­hei­ra­tet, hat zwei er­wach­se­ne Kin­der und lebt in Kornwestheim.

wei­ter ge­hen wer­den, ge­ra­de vor dem Hin­ter­grund, dass En­de 2017 die ers­ten Flücht­lin­ge in die Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit rut­schen.

War es ein Feh­ler, dass die Bun­des­agen­tur für Ar­beit die Mit­tel für Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten (Ein-Eu­ro-Jobs) mas­siv ge­kürzt hat, um der In­te­gra­ti­on in den ers­ten Ar­beits­markt Vor­rang ein­zu­räu­men – was aber of­fen­sicht­lich nur be­dingt funk­tio­niert? Czu­pal­la: Ein-Eu­ro-Jobs füh­ren zu­nächst da­zu, dass je­mand nicht in der Ar­beits­lo­sen­sta­tis­tik auf­taucht – dann wird uns vor­ge­wor­fen, wir wür­den Ar­beits­lo­sig­keit ver­ste­cken. Für mich ist die Fra­ge wich­ti­ger, was man tun kann, um je­man­den auf dem ers­ten Ar­beits­markt zu plat­zie­ren. Hier set­zen wir auch im Jahr 2017 auf Qua­li­fi­zie­rung.

Bli­cken wir nach vor­ne. Die Ar­beits­lo­sig­keit in der Re­gi­on liegt bei 3,8 Pro­zent. Steu­ern wir Rich­tung Voll­be­schäf­ti­gung? Czu­pal­la: Die Fra­ge ist, wo Voll­be­schäf­ti­gung be­ginnt. Man­che sa­gen bei drei Pro­zent. Es kommt aber eher auf die Bran­che an. Wir ha­ben hier Bran­chen, die ih­re frei­en Ar­beits­plät­ze nicht mehr be­set­zen kön­nen. Wir ha­ben aber auch an­de­re Be­rei­che, in de­nen es mehr Be­wer­ber als of­fe­ne Stel­len gibt.

Ih­re Pro­gno­se für 2017? Czu­pal­la: Wir glau­ben, dass 2017 die so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Be­schäf­ti­gung in vie­len Bran­chen wei­ter stei­gen wird. Ins­ge­samt rech­nen wir aber mit ei­ner in et­wa gleich­blei­ben­den Ar­beits­lo­sen­quo­te. Von un­se­rem Re­dak­teur Jür­gen Paul

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