Das ent­wer­te­te Sie­gel

Der Tüv muss wohl nicht haf­ten, ob­wohl er bil­li­ge Bru­st­im­plan­ta­te für si­cher hielt.

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - MEINUNGEN - Von Claus Schö­ner

Wo Tüv drauf­steht, ist Si­cher­heit drin. So je­den­falls die weit ver­brei­te­te An­nah­me: Was das Tüv-Sie­gel trägt, ist von un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten aus­gie­big ge­prüft. Vi­el­leicht ha­ben sich auch vie­le Frau­en dar­auf ver­las­sen, als sie sich vor Jah­ren für ein Bru­st­im­plan­tat des fran­zö­si­schen Her­stel­lers PIP ent­schie­den ha­ben. Sind da­von aus­ge­gan­gen, dass es sich um ein hoch­wer­ti­ges Pro­dukt han­deln muss, des­sen Her­stel­lung über­wacht wird. Nicht um min­der­wer­ti­ge Kis­sen, die mit bil­li­gem In­dus­triesi­li­kon ge­füllt sind.

Für die­je­ni­gen, bei de­nen die Im­plan­ta­te Ris­se be­ka­men und Si­li­kon­gel aus­trat, hat­te das mit­un­ter schlim­me ge­sund­heit­li­che und see- li­sche Fol­gen. Den­noch kön­nen sich die­se Frau­en in Deutsch­land nach dem gest­ri­gen Ur­teil aus Straß­burg kaum Hoff­nun­gen auf Schmer­zens­geld ma­chen. Der Tüv muss Me­di­zin­pro­duk­te, auf de­nen sein Sie­gel prangt, nicht zwangs­läu­fig selbst prü­fen, muss­te kei­ne un­an­ge­mel­de­ten Kon­trol­len des Ma­te­ri­als durch­füh­ren. Dar­an soll­ten Ver­brau­cher den­ken, wenn die künf­tig ein vom Tüv zer­ti­fi­zier­tes Pro­dukt in Hän­den hal­ten. Oder wenn sie über­le­gen, sich et­wa auf ei­ne neue Ver­hü­tungs-App zu ver­las­sen, die der Tüv Süd nun zer­ti­fi­ziert hat. Auch hier trifft die Or­ga­ni­sa­ti­on kei­ne Aus­sa­ge über die Zu­ver­läs­sig­keit.

Fach­leu­te be­män­geln schon lan­ge, dass die Zu­las­sungs­ver­fah­ren für Me­di­zin­pro­duk­te, zu de­nen Bru­st­im­plan­ta­te, aber auch künst­li­che Ge­len­ke ge­hö­ren, weit we­ni­ger streng sind als für Arz­nei­mit­tel.

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