Ein Dorn im Au­ge der Re­gie­rung

Der Ge­werk­schaf­te­rin Sa­ki­ne Esen Yil­maz dro­hen in der Tür­kei 22 Jah­re Haft

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - HINTERGRUND - Von un­se­rer Re­dak­teu­rin Bi­an­ca Zäu­ner

„Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung“– der Vor­wurf, den die Tür­kei ge­gen Sa­ki­ne Esen Yil­maz er­hebt, wiegt schwer. Der Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der tür­ki­schen Bil­dungs­ge­werk­schaft Egi­tim Sen dro­hen in ih­rer Hei­mat 22 Jah­re Haft. „Zu un­recht“, sagt sie. Als ein ers­tes Ur­teil von ins­ge­samt vier Ver­fah­ren im April 2016 rechts­kräf­tig wird, taucht sie un­ter. Mit­hil­fe von Schlep­pern ge­lang der Kur­din dann die Flucht nach Deutsch­land, im Sep­tem­ber stell­te sie ih­ren Asyl­an­trag. Ob er an­ge­nom­men wird, weiß sie noch nicht.

Die Re­gie­rung ih­res Hei­mat­lan­des woll­te sie zum Schwei­gen brin­gen, er­klärt sie. Seit sie ihr Hei­mat­land ver­las­sen hat, kann sie of­fen über Miss­stän­de in Er­do­gans Tür­kei spre­chen. Bun­des­weit hält sie Vor­trä­ge und ist Gast bei Ver­an­stal­tun­gen, um von der Si­tua­ti­on in ih­rer Hei­mat zu be­rich­ten. In die­ser Wo­che sprach sie im Heil­bron­ner Ge­werk­schafts­haus und kam zum Ge­spräch zur Heil­bron­ner Stim­me.

Schick­sal Mit kla­rer, fes­ter Stim­me er­zählt sie von ih­ren Er­leb­nis­sen, schil­dert be­rüh­ren­de Schick­sa­le ih­rer Kol­le­gen in der Tür­kei. „Als die Par­tei AKP 2002 an die Macht kam, hat sie zu­nächst ein li­be­ral-de­mo­kra­ti­sches Ge­sicht ge­zeigt“, sagt Yil­maz. Aber ab 2009 ha­be sich die Po­li­tik ge­än­dert. „Die AKP will ei­ne is­la­mi­sche und ein­heit­li­che Ge­sell­schaft.“Auch die Ge­werk­schaft Egi­tim Sen ist der Re­gie- rung schon lan­ge ein Dorn im Au­ge. Sie sagt der Ge­werk­schaft Ver­bin­dun­gen zur ver­bo­te­nen kur­di­schen Ar­bei­ter­par­tei PKK nach. Der Grund: Bei­de for­dern ein Recht auf Un­ter­richt in der Mut­ter­spra­che für die kur­di­sche Be­völ­ke­rung.

Mehr­fach wur­den Ge­werk­schaf­ter seit 2009 ver­haf­tet. Auch Yil­maz saß meh­re­re Mo­na­te im Ge­fäng­nis. Seit 2009 hat sie ein Aus­rei­se­ver­bot, 2013 wur­de die Leh­re­rin ent­las­sen.

Der Druck auf Egi­tim Sen er­höh­te sich zu­neh­mend nach den Par­la­ments­wah­len 2015, aber nach dem ge­schei­ter­ten Putsch­ver­such im ver­gan­ge­nen Jahr sei die Re­gie­rung dann „durch­ge­dreht“. Mas­sen­haft wur­den Mi­li­tärs und Staats­be­diens­te­te ent­las­sen.

Be­son­ders hart traf es auch die Leh­rer: 70 000 ha­ben bis­her ih­ren Ar­beits­platz ver­lo­ren. Und fast täg­lich hört Yil­maz von ih­ren tür­ki­schen Kol­le­gen von neu­en Ent­las­sungs­wel­len. Zu­meist wer­den die Päd­ago­gen durch ei­nen der vie­len ar­beits­lo­sen Leh­rer er­setzt. „Die­se wer­den dann be­fris­tet und in ei­nem pre­kä­ren Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis an­ge­stellt“, be­rich­tet Yil­maz. Da­von er­hof­fe sich die Re­gie­rung mehr Kon­trol­le. In vie­len Schu­len – vor al­lem auf dem Land – fehlt es an Er­satz, vie­le Un­ter­richts­stun­den fal­len aus. „Das ist der Re­gie­rung aber egal“. Der Druck auf die Lehr­kräf­te an staat­li­chen Schu­len ist hoch. Über die Ent­las­sun­gen wird nicht ge­spro­chen, zu groß ist die Angst, von Kol­le­gen de­nun­ziert zu wer­den, er­zählt die Ge­werk­schaf­te­rin. Kol­le­gen, die ins Vi­sier der Re­gie­rung ge­ra­ten sind, wer­den ge­mie­den.

Die Säu­be­run­gen im Bil­dungs­sek­tor be­trä­fen aber nicht nur das Per­so­nal, auch die Lehr­plä­ne sei­en schritt­wei­se ge­än­dert wor­den. Die Theo­ri­en nam­haf­ter Phi­lo­so­phen wur­den eben­so aus dem Un­ter­richt ver­bannt wie die Evo­lu­ti­ons­theo­rie. „Ziel ist das Bil­dungs­sys­tem na­tio­na­lis­tisch und is­la­misch zu ori­en­tie­ren“, sagt Yil­maz. Auch die re­li­giö­sen Ge­mein­schaf­ten wür­den zu­neh­mend mehr Ein­fluss ge­win­nen.

Dik­ta­tur Ei­ne Bes­se­rung der La­ge in der Tür­kei sei nicht in Sicht. Am 16. April soll die Be­völ­ke­rung in ei­nem lan­des­wei­ten Re­fe­ren­dum über die Ein­füh­rung ei­nes Prä­si­di­al­sys­tems ab­stim­men. „Die Re­gie­rung will die Ge­wal­ten­tei­lung au­ßer Kraft set­zen“, sagt Yil­maz. „Er­do­gan übt Druck auf die Be­völ­ke­rung aus, um sie in ih­rer Ent­schei­dung zu be­ein­flus­sen.“Sie for­dert von Deutsch­land und der EU, Wahl­be­ob­ach­ter in die Tür­kei zu ent­sen­den. Denn soll­te das Vor­ha­ben Rea­li­tät wer­den, sei die Tür­kei auf dem di­rek­ten Weg in ei­ne Dik­ta­tur.

Fo­to: Hei­bel

Sa­ki­ne Esen Yil­maz floh mit­hil­fe von Schlep­pern aus der Tür­kei.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.