Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - BADEN-WÜRTTEMBERG · ROMAN - Von Ju­li Zeh

„Du kennst Gom­brow­ski“, sag­te sie lei­se. „Er wird to­ben.“

„Es ist dein Le­ben, Ele­na“, sag­te Björn.

Sie rann­te zum Zaun. Ka­bel­bin­der und Lein­tü­cher. Sie griff in den Stoff, der Aus­beu­ter wur­de un­le­ser­lich. Mit ei­nem Ruck riss sie dar­an, oh­ne Er­folg. Das Lei­nen war sta­bil. Sie nahm die zwei­te Hand zu Hil­fe, zog und zerr­te mit gan­zer Kraft. Es war nicht der Stoff, der nach­gab, son­dern der Zaun. Björn rief et­was, das sie nicht ver­stand, aber da ka­men die Git­ter­fel­der schon auf sie zu. Das Schep­pern war oh­ren­be­täu­bend, als sie un­ter dem Zaun zu Bo- den ging. Ele­na wuss­te, dass sie ver­lo­ren hat­te, in je­der Hin­sicht. Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te be­gann Fi­di wie be­ses­sen zu bel­len. Erst ge­dämpft, dann lau­ter, dann sehr laut. Ele­na hör­te, wie Björns Tür ins Schloss fiel. Sie hör­te Fi­di nä­her kom­men. Sie blieb ein­fach lie­gen, un­ter dem Zaun.

28 Gom­brow­ski

„Wer?“, brüll­te Gom­brow­ski.

Kaf­fee hat­te für Bet­ty, wenn sie mor­gens ins Bü­ro kam, obers­te Prio­ri­tät. Nach­dem sie den Fil­ter der blau­en Ma­schi­ne bis zum Rand mit Kaf­fee­pul­ver ge­füllt und in die ro­te zwei magere Löf­fel ge­schau­felt hat­te, setz­te sie bei­de Ma­schi­nen in Gang, schloss die Kaf­fee­do­se, leg­te den Löf­fel weg und dreh­te sich zu Gom­brow­ski um. Lä­chelnd. „Gu­ten Mor­gen“, sag­te sie. Bet­tys wich­tigs­te Ei­gen­schaft be­stand da­rin, kei­ne Angst vor Gom­brow­ski zu ha­ben. Das hat­te sie von Hil­de ge­erbt.

„Gu­ten Mor­gen“, sag­te er. „Al­so. Wer?“

Nur ein Idi­ot konn­te glau­ben, dass Bet­ty ei­ne Gom­brow­ski-Toch­ter sei. Aus ih­ren Au­gen schau­te ein­deu­tig Erik her­aus: ru­hig, ab­war­tend. Da­zu die brei­ten Schul­tern, der leicht mah­len­de Kie­fer. Lei­der be­stand das hal­be Dorf aus Idio­ten.

„Ve­re­na“, sag­te Bet­ty. „In­go, Patri­cia, An­ge­la, Lutz.“

Das hät­te er sich selbst den­ken kön­nen. Ve­re­na war Tier­ärz­tin und die Toch­ter des glot­z­äu­gi­gen Heinz. In­go, der La­ger­ar­bei­ter, hat­te in Ja­kobs Fa­mi­lie ein­ge­hei­ra­tet. Björns En­ke­lin Patri­cia be­fand sich im ers­ten Jahr ih­rer Aus­bil­dung zur Land­wir­tin. An­ge­la war Nor­berts Nich­te und nur glück­lich, wenn sie ei­ne Ma­schi­ne von der Grö­ße ei­nes Ein­fa­mi­li­en­hau­ses fah­ren konn­te. Und Lutz war Wolf­gangs Sohn. Ve­te­ra­nen­kin­der, al­le fünf. Heu­te nicht zur Ar­beit er­schie­nen. „Hast du an­ge­ru­fen?“„Das lag im Brief­kas­ten.“Bet­ty reich­te Gom­brow­ski ei­nen ro­ten Zet­tel und ging auf Ab­stand. Sie kann­te ihn bes­ser als je­der an­de­re. Er warf nur ei­nen kur­zen Blick auf das Flug­blatt und stütz­te die Hän­de auf den Tisch, um bes­ser schrei­en zu kön­nen.

„Ich ha­be den Scheiß­la­den in der Schei­ßDDR ge­führt. Ich füh­re den Scheiß­la­den in der Schei­ßBRD. Seit vier­zig Jah­ren wüh­le ich in der glei­chen be­schis­se­nen Er­de un­ter dem glei­chen be­schis­se­nen Him­mel. Aber so ei­ne Schei­ße ist mir noch nicht un­ter­ge­kom­men!“

„Denk an dei­nen Blut­druck“, sag­te Bet­ty.

Aber er woll­te nicht an sei­nen Blut­druck den­ken, ob­wohl es hör­bar in den Oh­ren rausch­te.

„Streik“stand in Groß­buch­sta­ben auf dem Pa­pier. Dar­un­ter ein kur­zer Text, in dem Be­grif­fe wie „Aus­ver­kauf“, „Wind­kraf­tSchwin­del“und „Schlie­ßung der Öko­lo­gi­ca“vor­ka­men. Gom­brow­ski hieb die Faust auf den Tisch, gleich mehr­mals, bis das Käst­chen mit Bü­ro­klam­mern zu Bo­den fiel.

„Streik ist nicht, wenn ein paar Holz­köp­fe be­schlie­ßen, zu Hau­se zu blei­ben. Wie blöd muss man sein, um so ei­nen Wisch zu ver­fas­sen? Das ist ein hieb und stich­fes­ter Kün­di­gungs­grund. Frist­los. Du schickst die Brie­fe raus.“

„Du willst fünf Leu­te feu­ern? In der Ern­te­zeit?“

Bet­ty wuss­te, wie man Gom­brow­ski pro­vo­zie­ren konn­te. Al­le Frau­en wuss­ten das: Hil­de, Ele­na, Püp­pi, Bet­ty, manch­mal so­gar Fi­di. Sie sa­hen ihn an mit die­sem spöt­ti­schen Blick, der be­sag­te: „Na, Gom­brow­ski, du bist groß und stark, aber was machst du jetzt?“Und sa­ßen lä­chelnd da­ne­ben, wäh­rend er ver­such­te, die Kon­trol­le zu be­hal­ten. Frau

Sein be­deu­te­te nichts wei­ter als die Er­laub­nis, sich je­der­zeit für un­zu­stän­dig zu er­klä­ren. Egal, ob es um das Wech­seln ei­ner Glüh­bir­ne, das Tö­ten ei­nes Tiers oder die Ent­sor­gung ei­nes Que­ru­lan­ten ging. Die Wei­ber rie­fen „Kann ich nicht!“, ver­steck­ten das Ge­sicht zwi­schen den Hän­den und sa­hen spä­ter wie­der hin, um mit Vor­wür­fen an­zu­fan­gen, an­ge­sichts des­sen, was der Mann ge­tan hat­te. Trotz­dem lieb­te Gom­brow­ski sei­ne Frau­en, je­de ein­zel­ne, so ver­schie­den sie wa­ren. Män­ner be­sa­ßen kei­ne Per­sön­lich­keit, sie wa­ren al­le gleich. Wer ech­tes Le­ben woll­te, muss­te sich mit Frau­en um­ge­ben.

Er stapf­te zur An­rich­te und füll­te sei­ne Tas­se aus der blau­en Kan­ne. Na­tür­lich hat­te Bet­ty recht. Er konn­te nie­man­dem kün­di­gen, nicht jetzt und nicht in­ner­halb der kom­men­den acht Wo­chen. Der Win­ter­wei­zen ging in die Ca­si­no-Pha­se, in der je­der Tag ei­ne Spe­ku­la­ti­on auf das Wetter dar­stell­te; spä­tes­tens nächs­te Wo­che war er fäl­lig. Die Früh­kar­tof­feln muss­ten drin­gend raus, au­ßer­dem war ein gan­zer Sta­pel Sub­ven­ti­ons­an­trä­ge lie­gen ge­blie­ben. Wenn die fünf Spin­ner tat­säch­lich be­schlos­sen, der Ar­beit dau­er­haft fern­zu­blei­ben, hat­te Gom­brow­ski ein Pro­blem. Fort­set­zung folgt

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