Höchst­per­sön­li­che Wahl­nach­le­se

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - MEINUNGEN - Po­li­ti­sches Quin­tett Von Rez­zo Schlauch

Nie­der­la­ge Der Abend der Wahl von NRW letz­ten Sonn­tag be­scher­te den Grü­nen die kra­chends­te Nie­der­la­ge der jün­ge­ren Ge­schich­te. Kra­chend, weil sie vom Wäh­ler mit na­he­zu ei­ner Hal­bie­rung des letz­ten Wah­l­er­geb­nis­ses ei­ne di­rek­te Quit­tung für ih­re Mit­ver­ant­wor­tung an ei­ner denk­bar schlech­ten Re­gie­rungs­bi­lanz aus­ge­stellt be­ka­men. Kra­chend und pein­lich da­zu: Schon im Vor­feld, we­ni­ge Wo­chen vor der Wahl, ging die grü­ne NRW-Spit­ze mit ei­nem „Weck­ruf“an die Öf­fent­lich­keit. Weck­ruf da­hin­ge­hend, dass die Grü­nen ih­re letz­ten Ener­gi­en in die Waag­scha­le wer­fen soll­ten, um ein Ab­rut­schen un­ter die­fünf Pro­zent zu ver­hin­dern. Wer selbst öf­fent­lich via Me­di­en ei­nen Weck­ruf ver­kün­det, macht da­mit be­wusst oder un­be­wusst klar, dass man bis da­to den Schlaf der Ge­rech­ten ge­schla­fen hat. Um es noch deut­li­cher zu ma­chen, den Schlaf der Selbst­ge­rech­ten, die sich selbst ge­nü­gen, die un­be­ein­druckt von dem, was zu hö­ren und zu spü­ren ist, so man sei­ne Oh­ren und sei­ne An­ten­nen an den Men­schen hat, nach dem Mot­to Po­li­tik ma­chen: Haupt­sa­che wir zie­hen un­se­ren (grü­nen) Stie­fel durch, auch wenn die Soh­len schon blank sind, egal ob in der Bil­dungs-, Ver­kehrs-, Öko­lo­gie­po­li­tik oder der in­ne­ren Si­cher­heit.

Leit­li­nie Wir ha­ben recht, ist die Leit­li­nie po­li­ti­schen Han­delns. Wir ha­ben recht, wenn wir die Aus­wei­tung der si­che­ren Her­kunfts­län­der auf dem Bal­kan und im Ma­ghreb ab­weh­ren; wir ha­ben recht, wenn wir uns ge­gen die Ab­schie­bung nach Af­gha­nis­tan und an­de­re Län­der po­si­tio­nie­ren, und wir mei­ßeln den Asyl- ar­ti­kel in St­ein, ob­wohl es of­fen­sicht­lich ist, dass auf Grund der welt­po­li­ti­schen Ent­wick­lung ein solch ab­so­lu­tes In­di­vi­du­al­recht aus der Zeit ge­fal­len ist und drin­gend in ein Ge­samt­kon­zept für Flücht­lin­ge und kon­trol­lier­te Ein­wan­de­rung über­führt wer­den müss­te. Und die, die ei­ne sol­che Grund­satz­dis­kus­si­on ein­for­dern, wie Bo­ris Pal­mer, oder die in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung ei­nen an­de­ren Kurs fah­ren, wie Mi­nis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mann, wer­den des Ab­weich­ler­tums be­zich­tigt und teils mit ei­ner Be­griff­lich­keit in den so­ge­nann­ten so­zia­len Me­di­en be­legt, die nicht weit von der der AfD ent­fernt ist.

Ober­leh­rer Da­mit nicht ge­nug der Pein­lich­keit. An­statt mal an so ei­nem Abend in­ne zu hal­ten und zu re­flek­tie­ren, was da schief läuft, darf Jür­gen Trit­tin zur Prime­time bei An­ne Will für die Grü­nen den Wahl­aus­gang kom­men­tie­ren. Der­sel­be Jür­gen Trit­tin, der die Grü­nen in der Bun­des­tags­wahl 2013 als Spit­zen­kan­di­dat, von ei­nem über Mo­na­te sta­bi­len 15-Pro­zent-Um­fra­ge­so­ckel in die acht­pro­zen­ti­ge Ein­stel­lig­keit und in ein Wahl­de­sas­ter führ­te, das die­se nie ehr­lich und kon­tro­vers auf­ge­ar­bei­tet ha­ben. De­ckel drauf und wei­ter so mit durch­gän­gi­gen Ver­lus- ten, au­ßer in Schles­wig Hol­stein. Trit­tins Auf­tritt bei An­ne Will in be­kann­ter Ma­nier: Als Wahl­ver­lie­rer in ober­leh­rer­haf­ter Wei­se dem Wahl­ge­win­ner Ku­bi­cki von der FDP mal ne Nach­hil­fe­stun­de ge­ben zu wol­len, wie rich­ti­ge Macht­po­li­tik funk­tio­niert und zwar so, dass man in Schles­wig Hol­stein als FDP gut dar­an tä­te ei­ne rot-grün-gel­be Am­pel mit dem Wahl­ver­lie­rer SPD zu bil­den, denn dann wür­den die bei­den klei­nen Par­tei­en je­weils ei­nen grö­ße­res Stück Ku­chen ab­be­kom­men als wenn man mit dem Wahl­ge­win­ner CDU in ei­ner Ja­mai­ka Ko­ali­ti­on (schwarz-grün-gelb) zu­sam­men ge­hen wür­de. Und ge­nau das the­ma­ti­siert, wo­von die Wäh­ler die Schnau­ze ge­stri­chen voll ha­ben und sich mit Grau­sen ab­wen­den, näm­lich von aus­schließ­lich macht-tak­ti­schen Spiel­chen.

Un­ter­schied Bes­tens ab­zu­le­sen an dem glat­ten 3:0 für die Mer­kel-Uni­on ge­gen die Schulz-SPD in den Vor­wah­len an der Saar, an der Küs­te und in NRW. Das ist der Un­ter­schied, der für die Wäh­ler spür­bar ist und sich dann aus­zahlt: Hier die Grü­nen, für die recht ha­ben wich­ti­ger ist als recht be­kom­men, auch auf die Ge­fahr des Schei­terns; da die SPD, die mit Schulz ein Ge­rech­tig­keits-Souf­flee auf­ge­schäumt hat, das im Vor­wahl­back­ofen in sich zu­sam­men ge­fal­len ist, und ei­ner CDU-Kanz­le­rin, die mit den Au­to­kra­ten und po­li­ti­schen Erz­chau­vi­nis­ten die­ser Welt, Pu­tin, Er­do­gan, Trump, Or­ban, Kac­zyn­ski, in ei­ner sou­ve­rä­nen Cool­ness um­geht und da­mit in ei­ner aus den Fu­gen ge­ra­te­nen Welt dem Wäh­ler ein Stück Sta­bi­li­tät ver­mit­telt. Das sind die un­über­seh­ba­ren Vor­zei­chen der Bun­des­tags­wahl.

Zu die­ser Ko­lum­ne Der ehe­ma­li­ge Grü­nen-Staats­se­kre­tär Rez­zo Schlauch, 1947 in Ger­abronn ge­bo­ren, ist ei­ner von fünf Gast­ko­lum­nis­ten, die im Wech­sel al­le 14 Ta­ge zu ak­tu­el­len po­li­ti­schen The­men Stel­lung neh­men. Das po­li­ti­sche Quin­tett be­steht ne­ben Schlauch aus Er­hard Epp­ler (SPD), Er­win Teu­fel (CDU), Klaus Kin­kel (FDP) und Ul­rich Mau­rer (Lin­ke).

Schlauch geht mit Grü­nen-Pro­mis wie Jür­gen Trit­tin hart ins Ge­richt. Fo­to: dpa

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