Be­such beim schwie­ri­gen Nach­barn

Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er auf heik­ler Mis­si­on in Po­len

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - HINTERGRUND - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Fer­ber

An den Men­schen liegt es nicht. Sie sind nicht ver­ant­wort­lich da­für, dass die Be­zie­hun­gen zwi­schen ih­ren Län­dern so schlecht sind wie noch nie seit dem Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs vor ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert. Denn die Deut­schen und die Po­len ver­ste­hen sich bes­ser denn je, an Ge­mein­sam­kei­ten herrscht kein Man­gel, das Be­wusst­sein, als Eu­ro­pä­er zu­sam­men­zu­ge­hö­ren, ist weit ver­brei­tet. Die 449 Ki­lo­me­ter lan­ge Gren­ze ent­lang der Nei­ße und der Oder trennt nicht mehr, son­dern ver­bin­det. Rund zwei Mil­lio­nen Po­len le­ben und ar­bei­ten in Deutsch­land, bes­tens in­te­griert.

Es könn­te bes­tens sein. Ist es aber nicht. Denn so har­mo­nisch und ent­spannt das Mit­ein­an­der der Men­schen ist, so span­nungs­reich ge­stal­tet sich die Zu­sam­men­ar­beit auf der po­li­ti­schen Ebe­ne zwi­schen War­schau und Ber­lin. Kei­ner weiß dies bes­ser als der neue Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er, der sich am Frei­tag bei sei­nem An­tritts­be­such in der pol­ni­schen Haupt­stadt bei strah­len­dem Son­nen­schein erst mit sei­nem Amts­kol­le­gen An­drzej Du­da und dann auch noch kurz­fris­tig mit Re­gie­rungs­che­fin Bea­ta Szydlo von der na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven Par­tei „Recht und Ge­rech­tig­keit“(PiS) von Ja­roslaw Kac­zyn­ski trifft.

Streit­the­men An Kon­flik­ten herrscht kein Man­gel, lang ist die Lis­te der Streit­the­men, wie bei den Ge­sprä­chen deut­lich wird. Dass erst die ach­te Aus­lands­rei­se acht Wo­chen nach Amts­an­tritt den neu­en Bun­des­prä­si­den­ten nach War­schau führt, ist in der sub­ti­len Spra­che der Di­plo­ma­tie Aus­druck der be­ste­hen­den Pro­ble­me. Mit Sor­ge re­gis­triert Ber­lin, wie Kac­zyn­ski im ei­ge­nen Land die an­ti­deut­sche Stim­mung schürt, wie er die Jus­tiz im ei­ge­nen Land zu ei­nem In­stru­ment sei­ner Re­gie­rung macht und die Op­po­si­ti­on be­kämpft so­wie in Eu­ro­pa in der Flücht­lings- oder Ener­gie­po­li­tik auf sei­nen Po­si­tio­nen be­harrt und eu­ro­päi­sche Lö­sun­gen tor­pe­diert.

„Po­len liegt mir am Her­zen, das deutsch-pol­ni­sche Ver­hält­nis erst recht“, sagt St­ein­mei­er, des­sen Mut­ter aus dem schle­si­schen Bres­lau stammt. Ein­dring­lich ap­pel­liert er an War­schau, sich nicht zu iso­lie­ren. „Po­len ge­hört zum Kern Eu­ro­pas und Po­len wird ge­braucht, wenn wir die eu­ro­päi­sche Kri­se, in der wir uns zwei­fels­oh­ne be­fin­den, über­win­den wol­len.“Es gel­te, das Eu­ro­pa der 27 zu­sam­men­zu­hal­ten.

Du­da nimmt die aus­ge­streck­te Hand ent­ge­gen und nennt sich sel­ber ei­nen „gro­ßen An­walt der deutsch-pol­ni­schen Be­zie­hun­gen“. Mit dem neu­en fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron sei er sich ei­nig, das Wei­ma­rer Drei­eck Paris, Ber­lin, War­schau wie­der­zu­be­le­ben, Eu­ro­pa brau­che die Zu­sam- men­ar­beit und So­li­da­ri­tät. Es sei die Auf­ga­be der Prä­si­den­ten, in ih­ren Län­dern mä­ßi­gend zu wir­ken und „über die Hitz­köp­fe kal­tes Was­ser zu gie­ßen“, sagt er – oh­ne kon­kret Na­men zu nen­nen.

Nach dem Vier-Au­gen-Ge­spräch mit sei­nem Kol­le­gen Du­da, des­sen Frau als Deutsch­leh­re­rin ei­ne Brü­cke zwi­schen den Kul­tu­ren der bei­den Län­der ist, nutzt St­ein­mei­er ei­nen Be­such der War­schau­er Buch­mes­se de­mons­tra­tiv als Platt­form, die­se Bot­schaft auch den Men­schen in Po­len zu ver­mit­teln und ih­nen die Angst vor dem an­geb­lich über­mäch­ti­gen Nach­barn zu neh­men: Bei­de Län­der hät­ten sich „viel zu sa­gen“, so St­ein­mei­er.

Zi­vil­ge­sell­schaft St­ein­mei­er setzt auf die pol­ni­sche Zi­vil­ge­sell­schaft – und die Ju­gend, für die das of­fe­ne Eu­ro­pa zur Selbst­ver­ständ­lich­keit ge­wor­den ist. Wie zum Be­weis hat sich ei­ne Grup­pe pol­ni­scher Op­po­si­tio­nel­ler vor dem deut­schen Buch­stand ver­sam­melt, den bei­de Prä­si­den­ten be­su­chen, und hal­ten die pol­ni­sche Ver­fas­sung in die Hö­he – Sym­bol des Pro­tes­tes ge­gen die PiSRe­gie­rung, die aus ih­rer Sicht die Ver­fas­sung aus­he­belt. „Wir wol­len so le­ben wie die Deut­schen“, sagt ei­ne jun­ge pol­ni­sche Stu­den­tin, die ge­ra­de erst Nürn­berg be­sucht hat, „mit den glei­chen Rech­ten und Frei­hei­ten wie die Deut­schen.“

„Po­len liegt mir am Her­zen.“ Frank-Wal­ter St­ein­mei­er

Emp­fang mit mi­li­tä­ri­schen Eh­ren: Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er (l.) wird vom pol­ni­schen Prä­si­den­ten An­drzej Du­da in War­schau be­grüßt. Fo­to: dpa

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Tref­fen der Prä­si­den­ten-Gat­tin­nen: El­ke Bü­den­be­n­der (4. v.l.) und Aga­ta Korn­hau­ser-Du­da (3. v.r.) beim Be­such der Wil­ly-Brandt-Schu­le in War­schau.

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