Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - BADEN-WÜRTTEMBERG · ROMAN · SCHACHECKE -

Seit Neu­es­tem wohn­te Miz­zie wie­der zu Hau­se. Abends saß sie auf der Couch vor dem Fern­se­her, wo sie meis­tens bald ein­schlief, die Hän­de über dem Bauch ge­fal­tet und den Kopf nach hin­ten ge­kippt, wäh­rend Mei­ler im Ses­sel lehn­te, das Han­dels­blatt auf den Kni­en, und sie an­sah. Al­le drei Ta­ge kam Phil­ipp zum Schach, und neu­lich hat­te er so­gar ein­mal in sei­nem al­ten Zim­mer über­nach­tet, wor­über Miz­zie die hal­be Nacht ge­weint hat­te vor Glück. Ein­mal wa­ren Jo­han­nes und Fried­rich zu Be­such ge­kom­men. Sie hat­ten zu­sam­men ge­ges­sen, und es war ein net­ter Abend ge­we­sen, bis Fried­rich beim Nach­tisch plötz­lich be­gon­nen hat­te, sich zu be­schwe­ren. Es sei in­ak­zep­ta­bel, sämt­li­che Er­lö­se des ge­plan­ten Wind­parks in Phil­ipps „Krank­heit“flie­ßen zu las­sen. Das deut­sche Er­brecht hal­te im Üb­ri­gen Mög­lich­kei­ten be­reit, ei­ne der­ar­ti­ge Un­ge­rech­tig­keit nach Mei­lers Tod zu kor­ri­gie­ren. Zum ers­ten Mal im Le­ben sag­te Mei­ler sei­nen Vor­zei­ge­söh­nen, dass sie ihn am Arsch le­cken könn­ten, und er be­nutz­te ge­nau die­se Vo­ka­bel da­für. Miz­zie sah ihn er­staunt, ja be­wun­dernd an, und ir­gend­wie tat das gut. Beim nächs­ten Tref­fen trug Phil­ipp na­gel­neue schwar­ze Röh­ren­jeans und wei­ße Turn­schu­he und ließ ihn beim Schach ge­win­nen, wo­für Mei­ler ihm Prü­gel an­droh­te, und dann lach­ten sie ge­mein­sam. Im Grun­de muss­te er Lin­da und Fre­de­rik dank­bar sein. Seit die Wind­rä­der in sein Le­ben ge­tre­ten wa­ren, ent­wi­ckel­ten sich die Din­ge zum Gu­ten, wenn auch in Schwarz-Weiß.

Mei­ler be­trach­te­te Lin­das hel­les Haar, die Je­ans und grü­nen Turn- schu­he so­wie Fre­de­ri­ks knall­ro­tes T-Shirt, auf dem ein Kopf­füß­ler ab­ge­bil­det war. Er frag­te sich, war­um er selbst im An­zug er­schie­nen war, da­bei wuss­te er, dass er in al­len an­de­ren Kla­mot­ten ver­klei­det wirk­te. In Ge­gen­wart die­ser jun­gen Leu­te spür­te er deut­lich wie nie, dass Al­ter lä­cher­lich mach­te. Mei­ler hat­te im­mer ver­stan­den, war­um sich Kin­der für ih­re El­tern schäm­ten; war­um sie mit ih­nen nicht in der Öf­fent­lich­keit ge­se­hen wer­den woll­ten und an der Vor­stel­lung, der ei­ge­ne Va­ter könn­te auf ei­ner Par­ty auf­tau­chen, schier ir­re wur­den. Al­les, was ein Mensch ab 55 tun konn­te es­sen, tan­zen, lie­ben, sin­gen, vö­geln oder ein­fach nur im War­te­zim­mer ei­nes No­ta­ri­ats im Ses­sel sit­zen , war mit Pein­lich­keit in­fi­ziert. Fre­de­rik und Lin­da hin­ge­gen konn­ten sich wie Idio­ten be­neh­men und ver­kör­per­ten trotz­dem ein Ide­al, vol­ler Stolz da­mit be­schäf­tigt, ein­an­der un­glück­lich zu ma­chen.

„Und wenn ich ein­fach nicht un­ter­schrei­be?“, frag­te Fre­de­rik.

Mei­ler hat­te gar nicht ge­wusst, dass der Jun­ge zeich­nungs­be­rech­tigt war. Es be­deu­te­te, dass er min- des­tens Mit­ei­gen­tü­mer des frag­li­chen Flur­stücks sein muss­te, was Fran­zen wohl­weis­lich ver­schwie­gen hat­te. Sie warf ih­rem Le­bens­ge­fähr­ten ei­nen fros­ti­gen Blick zu. We­der Hass noch Wut, nicht ein­mal Ner­vo­si­tät la­gen dar­in. Nur Gleich­gül­tig­keit, die sich schon jen­seits der Ver­ach­tung be­fand. Dass man ei­nen Men­schen, mit dem man Tisch und Bett teil­te, auf sol­che Wei­se an­se­hen konn­te, hat­te Mei­ler nicht ge­wusst. Es gab nur ei­ne Er­klä­rung da­für: Lin­da lieb­te Fre­de­rik nicht. Sie war mit ihm zu­sam­men, weil es sich ir­gend­wie er­ge­ben hat­te. Fre­de­ri­ks An­we­sen­heit wur­de nicht von be­din­gungs­lo­ser Zu­nei­gung ge­tra­gen, son­dern von ei­nem Ver­trag, der an ei­ne Be­din­gung ge­knüpft war: dass Fre­de­rik funk­tio­nier­te. Soll­te er be­schlie­ßen, mit dem Funk­tio­nie­ren auf­zu­hö­ren, folg­te au­to­ma­tisch das En­de sei­ner An­we­sen­heit. Of­fen­sicht­lich wuss­te Fre­de­rik das, er ka­pi­tu­lier­te so­fort.

„Ich mei­ne ja nicht, dass wir gar nicht ver­kau­fen sol­len, son­dern nur, dass es kei­nen Grund gibt, et­was zu über­stür­zen. Wir ha­ben die Ge­neh- mi­gung, wir kön­nen je­der­zeit an­fan­gen zu bau­en. Wenn ich Ti­mo und Ron­ny von Trak­to­ria na­tu­re über­zeu­gen kann, ste­hen wir fi­nan­zi­ell bald so gut da, dass wir auf das Ge­schäft mit Herrn Mei­ler nicht an­ge­wie­sen sind. Wir kön­nen war­ten, bis sich die La­ge im Dorf be­ru­higt hat.“

Fre­de­rik pro­bier­te ein Lä­cheln, das un­er­wi­dert blieb. Da­für be­frei­te ihn Lin­da end­lich von ih­rem eis­kal­ten Blick, in­dem sie sich Mei­ler zu­wand­te. „Kei­ne Sor­ge“, sag­te sie zu ihm. Das war ein Ver­nich­tungs­schlag, so bei­läu­fig ge­führt, dass Mei­ler kurz auf­lach­te.

„Ich ma­che mir kei­ne Sor­gen“, er­wi­der­te er im vol­len Be­wusst­sein, da­mit in die­sel­be Bre­sche zu schla­gen, denn sei­ne Ant­wort be­deu­te­te: „Ich se­he doch, dass du die­sen Wa­sch­lap­pen im Griff hast.“

Of­fen­sicht­lich hat­te er ge­nau das ge­sagt, was Lin­da hö­ren woll­te. Sie tausch­ten ein Lä­cheln, und mehr als das: Da war ein kom­pli­zen­haf­tes Ein­ver­ständ­nis, das al­le Pein­lich­keit zu Fre­de­rik hin­über­wan­dern ließ. Fre­de­rik wur­de fahl. Das knal­li­ge Rot sei­nes T-Shirts konn­te nicht ver­hin­dern, dass von Kopf bis Fuß die Far­be aus ihm wich. In­des­sen fühl­te Mei­ler, wie das vol­le Farb­spek­trum durch sei­ne Adern zu flie­ßen be­gann. Er sprang aus dem Ses­sel und trat ans Fens­ter, das Lin­da eben ver­las­sen hat­te. Wäh­rend er so tat, als be­trach­te er die Fas­sa­den ge­gen­über, nahm er sich ein paar Se­kun­den Zeit zum Glück­lich­sein. Er hat­te sich ge­irrt. Die ent­schei­den­de Gren­ze ver­lief nicht zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen, nicht zwi­schen Jung und Alt, son­dern zwi­schen Ge­win­nern und Ver­lie­rern. Mei­ler stand auf der Ge­win­ner­sei­te, schon im­mer und durch den Wind­kraft-De­al in be­son­de­rem Ma­ße. Er nahm sich vor, auch in Zu­kunft den Kon­takt zu Lin­da Fran­zen zu hal­ten. Viel­leicht konn­te er sie bei der Kon­zep­ti­on ih­res Pfer­de-Ma­na­ger-Coa­chings un­ter­stüt­zen und ge­le­gent­lich in Un­ter­leu­ten vor­bei­schau­en.

Fort­set­zung folgt

UN­TER­LEU­TEN Von Ju­li Zeh © Lucht­er­hand Li­te­ra­tur­ver­lag Mün­chen 2016

174. Fort­set­zung

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