Ehr­lich­keit fehlt

Gro­ße Par­tei­en buh­len um äl­te­re Wäh­ler und ver­spre­chen Vie­les beim The­ma Ren­te.

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - MEINUNGEN - Von Mar­tin Fer­ber

Sie sind ei­ne Macht in Deutsch­land. Vor al­lem in Wahl­kampf­zei­ten. Kei­ne Par­tei kann die rund 20 Mil­lio­nen Rent­ne­rin­nen und Rent­ner in Deutsch­land igno­rie­ren. Wäh­rend der An­teil der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on an der Ge­samt­be­völ­ke­rung seit Jahr­zehn­ten ste­tig sinkt, ist je­der drit­te Wahl­be­rech­tig­te 60 Jah­re und äl­ter. Und sie sind treue Wäh­ler.

Kein Wun­der, dass al­le Par­tei­en die­se wahl­ent­schei­den­de Al­ters­grup­pe fest im Blick ha­ben und al­les tun, um sie ja nicht zu ver­prel­len. Mehr noch, ge­ra­de die Ren­ten­ver­spre­chen in den Wahl­pro­gram­men der Volks­par­tei­en kom­men ex­akt die­ser Wäh­ler­grup­pe zu­gu­te und stel­len sie deut­lich bes­ser. Ob die Müt­ter­ren­te II bei der CSU oder die dop­pel­te Hal­t­el­i­nie der SPD, die das Ren­ten­ni­veau bei 48 Pro­zent und den Bei­trags­satz bei 22 Pro­zent auf Dau­er ein­frie­ren will, bei­de Maß­nah­men be­vor­zu­gen, wie die Pro­gnos-Stu­die ein­deu­tig be­legt, die Äl­te­ren und be­las­ten die Jün­ge­ren.

Dass die ar­beit­ge­ber­na­he Initia­ti­ve Neue So­zia­le Markt­wirt­schaft kurz vor der Wahl die­se Stu­die vor­legt, ist kein Zu­fall, son­dern Teil des Wahl­kamp­fes. Wo­bei ge­ra­de in die­sen Zei­ten der Zu­spit­zung gilt: Die Ge­set­ze der Ma­the­ma­tik blei­ben gül­tig. Sie kön­nen auch nicht durch schö­ne Wahl­pro­gram­me au­ßer Kraft ge­setzt wer­den. Wer heu­te groß­zü­gi­ge Ren­ten­ver­spre­chun­gen macht, muss gleich­zei­tig ehr­lich sa­gen, wie er sie an­ge­sichts der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung mor­gen fi­nan­zie­ren will. Auch das ver­langt die Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit.

Die heu­te Über-50-Jäh­ri­gen pro­fi­tie­ren, die Jün­ge­ren und die noch nicht ein­mal Ge­bo­re­nen wer­den drauf­zah­len. Auf die­sen kur­zen Nen­ner bringt das Pro­gnos-In­sti­tut die Wahl­ver­spre­chen von CSU und SPD zur Ren­ten­po­li­tik. Im Auf­trag der ar­beit­ge­ber­na­hen „Initia­ti­ve Neue So­zia­le Markt­wirt­schaft“hat der Wis­sen­schaft­ler Oli­ver Eh­ren­traut die Aus­wir­kun­gen der Kon­zep­te der bei­den Par­tei­en bis zum Jahr 2045 hoch­ge­rech­net und ges­tern in Ber­lin vor­ge­stellt. Hier die wich­tigs­ten Fra­gen.

War­um wur­den nur die Pro­gram­me von CSU und der SPD un­ter­sucht? Nur die­se bei­den Par­tei­en, die wahr­schein­lich der nächs­ten Re­gie­rung an­ge­hö­ren wer­den, ha­ben in ih­ren Wahl­pro­gram­men de­tail­lier­te Plä­ne zum The­ma Ren­te vor­ge­legt, die CDU da­ge­gen nicht. Sie steht auf dem Stand­punkt, dass es bis 2030 kei­ne Pro­ble­me gibt und die Ren­te fi­nan­zier­bar bleibt. Um aber Lö­sun­gen für die lang­fris­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen zu er­ar­bei­ten, die sich er­ge­ben, wenn bis 2035 die ge­bur­ten­stärks­ten Jahr­gän­ge der Bun­des­re­pu­blik aus dem ak­ti­ven Er­werbs­le­ben aus­schei­den, soll in der kom­men­den Le­gis­la­tur­pe­ri­ode ei­ne un­ab­hän­gi­ge Ren­ten­kom­mis­si­on ein­ge­setzt wer­den.

Die CSU hat in der letz­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode die Müt­ter­ren­te durch­ge­setzt. War­um be­steht aus ih­rer Sicht wei­te­rer Hand­lungs­be­darf? Müt­ter, die vor 1992 Kin­der auf die Welt ge­bracht ha­ben, er­hiel­ten frü­her nur ei­nen Ren­ten­punkt, jün­ge­re Müt­ter da­ge­gen drei Punk­te – ein Punkt ent­spricht in et­wa ei­ner Ren­te von 30 Eu­ro pro Mo­nat. In den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen 2013 setz­te die CSU die Er­hö­hung um ei­nen Punkt durch. Nun for­dert sie die vol­le An­glei­chung auf drei Punk­te.

Was kos­tet das? Nach den Be­rech­nun­gen des Pro­gnos-In­sti­tuts be­lau­fen sich die Kos­ten bis 2045 auf rund 171 Mil­li­ar­den Eu­ro. Da­von pro­fi­tie­ren Frau­en al­ler Jahr­gän­ge bis ein­schließ­lich 1964, die bei durch­schnitt­li­cher Le­bens­er­war­tung gut 4000 Eu­ro zu- sätz­lich er­hal­ten, wo­bei der Jahr­gang 1953 mit 7900 Eu­ro am stärks­ten pro­fi­tiert. Ver­lie­rer sind die Frau­en ab Jahr­gang 1965, für die sich ein durch­schnitt­li­cher Ver­lust von 2000 Eu­ro er­gibt.

Wie stark wird die jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on be­las­tet? Das Gut­ach­ten be­zif­fert die Mehr­be­las­tung für die im Jahr 2015 ge­bo­re­nen Kin­der auf 600 Eu­ro.

Die SPD for­dert die Ein­füh­rung ei­ner dop­pel­ten Hal­t­el­i­nie – das Ren­ten­ni­veau soll nicht un­ter 48 Pro­zent sin­ken, gleich­zei­tig der Bei­trags­satz nicht über 22 Pro­zent stei­gen. Wel­che fi­nan­zi­el­len Fol­gen hat die­ses Kon­zept? Laut Pro­gnos sum­mie­ren sich die Mehr­kos­ten bis zum Jahr 2045 auf 1,245 Bil­lio­nen Eu­ro.

Wer wür­de da­von pro­fi­tie­ren?

Die gro­ßen Ge­win­ner wä­ren die An­ge­hö­ri­gen der ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge. Für die­se sum­miert sich der fi­nan­zi­el­le Vor­teil über ihr ver­blei­ben­des Le­ben im Durch­schnitt auf ei­nen Be­trag zwi­schen 25 000 und 30000 Eu­ro. Den größ­ten Grund zum Ju­beln hät­ten al­le, die 1964 auf die Welt ka­men, sie wür­den ins­ge­samt 30 700 Eu­ro mehr er­hal­ten als nach der heu­ti­gen Re­ge­lung.

Wer muss das be­zah­len?

Das Ur­teil von Pro­gnos fällt ein­deu­tig aus: Al­le, die heu­te jün­ger als 20 Jah­re alt sind, zah­len drauf. Bis zum Jahr 2030 ent­ste­hen Mehr­kos­ten von über­schau­ba­ren 150 Mil­li­ar­den Eu­ro, da­nach aber, wenn die ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge zu Rent­nern wer­den, wer­den wei­te­re 1,095 Bil­lio­nen Eu­ro fäl­lig, um ein Ab­sin­ken des Ren­ten­ni­veaus und ein An­stei­gen des Bei­trags­sat­zes zu ver­hin­dern. Da­mit wür­de die SPD die Haupt­last ih­res Ren­ten­kon­zepts den ge­ra­de erst ge­bo­re­nen Kin­dern oder den noch Un­ge­bo­re­nen auf­bür­den.

Wie wird die­ses Geld auf­ge­bracht?

Da die Bei­trä­ge zur Ren­ten­ver­si­che­rung nicht stei­gen dür­fen und die SPD ei­ne Ver­län­ge­rung der Le­bens­ar­beits­zeit ab­lehnt, kann das Geld, das die Ren­ten­kas­se be­nö­tigt, nur vom Steu­er­zah­ler kom­men. Der müss­te dann für 45 Pro­zent der Aus­ga­ben der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung auf­kom­men.

Fo­to: dpa

Die Zahl der Rent­ner wird in den nächs­ten Jah­ren kräf­tig stei­gen – das wird teu­er.

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