Kla­re Kan­te, wei­cher Kern

Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) schafft beim Wahl­check den Spa­gat zwi­schen Se­rio­si­tät und Lo­cker­heit

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - HINTERGRUND - Von un­se­rem Re­dak­teur Sa­scha Spren­ger

Fragt man die Leu­te auf der Stra­ße nach ih­rer Mei­nung über Tho­mas de Mai­ziè­re, dann bleibt ne­ben dem üb­li­chen Spek­trum von „macht sei­ne Sa­che gut“bis „da lässt sich drü­ber strei­ten“vor al­lem ein Ein­druck haf­ten: „sehr un­ter­kühlt“und „be­rech­nend“heißt es da. Ei­ne Ein­schät­zung, die dem Bun­des­in­nen­mi­nis­ter nicht fremd ist. „Glau­ben Sie mir, ich la­che genau so viel wie sie“, kon­tert er. „Aber ich ha­be oft The­men, die nicht so schön sind. Wenn ich ei­ne links­ex­tre­me Platt­form ver­bie­te – soll ich da rum­strah­len oder was?“, fragt er beim Stim­me- Wahl­check mit Chef­re­dak­teur Uwe Ralf Heer in der Kreis­spar­kas­se Heil­bronn und ern­tet Ge­läch­ter der 450 Be­su­cher.

Spit­ze Der Rah­men ist schnell klar: In den lei­der nur 75 Mi­nu­ten (de Mai­ziè­re muss­te zu ei­nem „nicht auf­schieb­ba­ren oder ab­sag­ba­ren An­schluss­ter­min“) ver­sucht der CDU-Po­li­ti­ker den Spa­gat zwi­schen Se­rio­si­tät, die von ei­nem In­nen­mi­nis­ter ver­langt wird, und Lo­cker- heit. Und der ge­lingt größ­ten­teils. Selbst ei­ne Spit­ze ge­gen den SPDKanz­ler­kan­di­da­ten ist ihm zu ent­lo­cken: „Wir ha­ben die­ses Mal nur et­wa 70 Sei­ten Wahl­pro­gramm ge­schrie­ben. Die kann dann auch Mar­tin Schulz ru­hig mal le­sen“, sagt er mit ei­nem schel­mi­schen Grin­sen.

Auf der an­de­ren Sei­te be­zieht er in wich­ti­gen Fra­gen klar Stel­lung. Bei­spiels­wei­se setzt er sich da­für ein, die Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung für Mi­gran­ten mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus über März 2018 hin­aus wei­ter aus­zu­set­zen. Die Zah­len der „Bild“-Zei­tung, nach de­nen al­lei­ne bis 2018 fast 400 000 Sy­rer be­rech­tigt sei­en, ih­re Fa­mi­li­en nach Deutsch­land zu ho­len, kön­ne er zwar nicht be­stä­ti­gen. Es sei je­doch so, dass die Zah­len „schon ge­wal­tig“sei­en. „Wir schät­zen im Schnitt auf je­den Flücht­ling ei­nen, der über Fa­mi­li­en­nach­zug kom­men wird.“

Um der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik Herr zu wer­den, müs­se man je­doch schon viel frü­her an­set­zen. „Wir müs­sen ver­hin­dern, dass sich die Men­schen wei­ter in Le­bens­ge­fahr und in die Hän­de kri­mi­nel­ler Schlep­per be­ge­ben. Im Mo­ment ent­schei­den ja Schlep­per, wer nach Eu­ro­pa kommt, und da­nach, ob sie am meis­ten Geld be­kom­men. Das ist die in­hu­mans­te Form der Aus­wah­l­ent­schei­dung für Flücht­lin­ge.“Der Mi­nis­ter for­der­te, die „Ge­schäfts­mo­del­le der Schlep­per zu er­le­di­gen, in­dem wir sa­gen: Je­der, der mit ei­nem Schlep­per kommt, hat kei­ne Chan­ce, in Eu­ro­pa zu blei­ben“. Ei­ne sol­che Lö­sung funk­tio­nie­re aber nur in Zu­sam­men­ar­beit mit den Mit­tel­meer-An­rai­nern wie Li­by­en. Er sei zwar auch da­für, „das Mit­tel­meer dicht zu ma­chen“, wie es mitt­ler­wei­le von ei­ni­gen Po­li­ti­kern zu hören ist. Aber das sei leicht ge­sagt. „Das heißt, dass wir je­den, der im Meer auf­ge­fischt wird, zu­rück­schi­cken. Da­für brau­chen wir aber ei­ne Vor­aus­set­zung, näm­lich men­schen­wür­di­ge Be­din­gun­gen dort, wo­hin wir die Men­schen zu­rück­schi­cken“, er­klärt der 63-Jäh­ri­ge. Als schwie­rig schätzt der In­nen­mi­nis­ter auch den Um­gang mit der Tür­kei ein. Die CDU sei im­mer ge- gen ei­ne Auf­nah­me des Lan­des in die EU ge­we­sen, statt­des­sen für ei­ne pri­vi­le­gier­te Part­ner­schaft. Er plä­diert trotz­dem zur Zu­sam­men­ar­beit, wo es mög­lich ist – vor al­lem beim In­for­ma­ti­ons­aus­tausch über po­ten­zi­el­le Ter­ro­ris­ten. Al­ler­dings müs­se man im Um­gang mit Prä­si­dent Er­do­gan ver­su­chen, „die­sen aus der Op­fer­rol­le zu be­kom­men“.

Ap­plaus er­hält de Mai­ziè­re auch für sei­ne selbst­kri­ti­schen Aus­sa­gen zum The­ma Links­ex­tre­mis­mus: „Wir ha­ben das wahr­schein­lich un­ter­schätzt“, gibt er zu. „Aber die Er­öff­nung der EZB in Frank­furt und der G20-Gip­fel ha­ben wohl al­len klar ge­macht, dass Links­ex­tre­mis­mus genau so hart be­kämpft wer­den muss wie Rechts­ex­tre­mis­mus.“

Schu­len Die drei Jung­wäh­ler, die beim Wahl­check ih­re Fra­gen stel­len dür­fen, hat der In­nen­mi­nis­ter eben­falls schnell über­zeugt: Bil­dungs­po­li­tik soll­te nicht kom­plett vom Bund über­nom­men wer­den, son­dern wei­ter größ­ten­teils Län­der­sa­che blei­ben, ant­wor­tet er auf die Fra­ge von Ste­fan Fleisch, 24, aus Bretz­feld. „Wenn die­ses wich­ti­ge The­ma al­le vier Jah­re im Wahl­kampf neu dis­ku- tiert wird, kommt das kei­ner klu­gen Bil­dungs­po­li­tik gleich.“Al­ler­dings ge­he es auch nicht an, dass der Bund nun ei­nen Mil­li­ar­den­be­trag zah­le, aber da­für kei­ne Ge­gen­leis­tung be­kom­me. Die­se be­ste­he vor al­lem dar­in, dass der Bund beim The­ma An­glei­chung von Bil­dungs­stan­dards ge­ra­de beim Abitur Druck aus­üben kön­ne. „Das sol­len die Län­der ge­fäl­ligst ver­ein­ba­ren.“

Beim The­ma Die­sel sei er zwar kein aus­ge­wie­se­ner Fach­mann. Klar sei für ihn je­doch, dass Fahr­ver­bo­te in Städ­ten un­be­dingt zu ver­mei­den sei­en. „Es kann nicht sein, dass wir die Leu­te er­mu­ti­gen, ei­nen Die­sel zu kau­fen, das noch steu­er­lich be­güns­ti­gen – und dann gibt es im Er­geb­nis Fahr­ver­bo­te in Städ­ten, weil uns nichts bes­se­res ein­fällt.“Man den­ke in die­sem Be­reich zu sta­tisch, an­statt di­gi­ta­le Lö­sun­gen zu ent­wi­ckeln, bei­spiels­wei­se für die Park­platz­su­che. Da Stu­di­en er­ge­ben hät­ten, dass 40 Pro­zent des Au­to­ver­kehrs in Ber­lin auf die Park­platz­su­che ent­fie­len, loh­ne es sich, un­ter an­de­rem dort an­zu­set­zen.

Fo­tos: Andre­as Vei­gel

Er­neut vol­les Haus beim Wahl­check in der Kreis­spar­kas­se Heil­bronn: Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re stell­te sich vor rund 450 Be­su­chern den Fra­gen von Stim­me-Chef­re­dak­teur Uwe Ralf Heer.

De Mai­ziè­re punk­te­te vor al­lem mit kla­ren Aus­sa­gen zu den The­men Mi­gra­ti­on und Links­ex­tre­mis­mus.

Die Jung­wäh­ler Sa­rah Ober­lei­ter (22), Ste­fan Fleisch (24) und Alex­an­der Ogry­zek (24, v.l.) durf­ten den Mi­nis­ter be­fra­gen.

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