EU kämpft um Flücht­lings­stra­te­gie

Im­mer we­ni­ger Asyl­be­wer­ber kom­men über die Mit­tel­meer­rou­te – Ge­mein­schaft zwi­schen Ab­schot­tung und Ent­wick­lungs­hil­fe

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Ost (O / Ost-Ausgabe) - - POLITIK - Von un­se­rer Kor­re­spon­den­tin Mir­jam Moll

Ei­gent­lich ist es ja ei­ne gu­te Nachricht. Seit nun­mehr drei Wo­chen hat es auf dem Mit­tel­meer kei­ne To­ten mehr ge­ge­ben – so zu­min­dest be­rich­tet es die Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on (IOM). Auch die Flücht­lings­zah­len sind in die­sem Jahr merk­lich zu­rück­ge­gan­gen. Bis da­to ka­men knapp 124 000 Mi­gran­ten über das Mit­tel­meer nach Eu­ro­pa – 2016 wa­ren es zum glei­chen Zeit­punkt rund 273 000 Men­schen (Zah­len des Flücht­lings­hilfs­werks UNHCR).

Die EU-Grenz- und Küs­ten­wa­che Fron­tex führt den Ein­bruch zum Teil auf den ver­stärk­ten Ein­satz der li­by­schen Küs­ten­wa­che zu­rück, die die „Men­schen­schmugg­ler da­von ab­hielt, Boo­te mit Mi­gran­ten los­zu­schi­cken“, wie es dort heißt. Doch de­ren Vor­ge­hen ge­rät im­mer mehr in die Kri­tik. Tat­säch­lich sind die schwin­den­den Flücht­lings­zah­len be­son­ders in Ita­li­en mar­kant, wo im Au­gust des ver­gan­ge­nen Jah­res 21 294 Schutz­su­chen­de an­ka­men, wäh­rend es in die­sem Mo­nat nur et­was über 3100 wa­ren.

Auch, weil Ita­li­en sei­ne bi­la­te­ra­le Zu­sam­men­ar­beit mit dem in­sta­bi­len Li­by­en ver­stärk­te. Rom pflegt längst en­gen Kon­takt auch mit an­de­ren Her­kunfts­län­dern von Mi­gran­ten wie Tschad, Ni­ger und Ma­li: Man spricht über die Schaf­fung von Hots­pots, je­nen Re­gis­trie­rungs­zen­tren, die die EU an den Brenn­punk­ten in Ita­li­en und Grie­chen­land ge­schaf­fen hat, um Flücht­lin­ge mit Fin­ger­ab­drü­cken in Da­tei­en auf­zu­neh­men und ih­ren Asyl­an­trag zu prü­fen.

Für ei­ne sol­che Vor­prü­fung wä­ren al­ler­dings Ver­tre­ter der EU-Mit­glieds­staa­ten in den je­wei­li­gen Län­dern nö­tig. Bei Um­sied­lungs­pro­gram­men, wie sie die Ge­mein­schaft be­reits mit Jor­da­ni­en und Li­ba­non – wo Mil­lio­nen sy­ri­scher Kriegs­flücht­lin­ge aus­har­ren – ver­ein­bart hat, setzt man al­ler­dings auf das UNHCR, das an­hand ver­schie­de­ner Kri­te­ri­en ei­ne Vor­aus­wahl trifft. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel er- klär­te nun, sie kön­ne sich Kon­tin­gen­te für le­ga­le Ein­wan­de­rer – et­wa zum Stu­die­ren oder Ar­bei­ten – aus afri­ka­ni­schen Län­dern vor­stel­len. Wäh­rend Ita­li­en den fran­zö­si­schen und deut­schen Rück­halt als „eu­ro­päi­schen Stem­pel des ita­lie­ni­schen Wegs“fei­ert, kri­ti­sie­ren Geg­ner, dar­un­ter die SPD-Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Bir­git Sip­pel, die Stra­te­gie be­reits als „Ab­schot­tungs­po­li­tik“.

Küs­ten­wa­che Gleich­zei­tig kla­gen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs) über das har­sche Vor­ge­hen der li­by­schen Küs­ten­wa­che, die ein­sei­tig ei­ne 70 See­mei­len brei­te „Such- und Ret­tungs­zo­ne“ein­ge­rich­tet hat. Die spa­ni­sche Or­ga­ni­sa­ti­on Proac­tive Open Arms be­rich­tet, mit Waf­fen von der Küs­ten­wa­che be­droht wor­den zu sein. Ei­ni­ge Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ha­ben ih­re Ar­beit ein­ge­stellt, auch we­gen des von Ita­li­en auf­ge­stell­ten Ver­hal­tens­ko­de- xes für NGOs, der ver­hin­dern soll, dass die Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen auch Flücht­lin­ge an die Küs­te brin­gen, die sich noch in li­by­schem Ho­heits­ge­biet be­fan­den oder gar nicht in See­not wa­ren. Da­bei wei­sen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on wie Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal im­mer wie­der auf die grau­en­haf­ten Zu­stän­de in li­by­schen La­gern hin.

Trotz­dem fehlt es nach wie vor an ei­ner wirk­sa­men Stra­te­gie für die Ur­sa­chen der Zu­wan­de­run­gen: Zwar rühmt sich die EU als größ­ter Geld­ge­ber für Ent­wick­lungs­hil­fe in Afri­ka, doch der schwä­cheln­den Wirt­schaft ei­ni­ger Län­der hilft das bis­lang nur be­dingt. Denn die Eu­ro­päi­sche Uni­on ist auch Afri­kas größ­ter Han­dels­part­ner und wich­tigs­te Qu­el­le für Ein- und Aus­fuh­ren. Im ver­gan­ge­nen Jahr schloss die EU et­wa ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit Na­mi­bia, Bots­wa­na, Swa­si­land, Süd­afri­ka und Le­so­tho ab.

Fo­to: dpa

Flücht­lin­ge auf dem Ret­tungs­schiff „Aqua­ri­us“im Mit­tel­meer.

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