Ein Drit­tel al­ler Sport­ler bei der WM 2011 hat be­tro­gen

Lan­ge un­ter Ver­schluss ge­hal­te­ne Stu­die be­legt: Die Dun­kel­zif­fer in der Leicht­ath­le­tik ist as­tro­no­misch hoch – DLV-Chef kri­ti­siert Welt­ver­band

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Schozach und Bottwartal - - SPORT -

Für die Ver­schlep­pung der bri­san­ten Do­ping-Stu­die aus dem Jahr 2011 durch die Wel­tAn­ti-Do­ping-Agen­tur und den Leicht­ath­le­tik-Welt­ver­band hat Cle­mens Prokop kein Ver­ständ­nis. „Das ist mehr als är­ger­lich, man könn­te es auch ei­nen Skan­dal nen­nen“, sag­te der Prä­si­dent den Deut­schen Leicht­ath­le­tik-Ver­ban­des ges­tern.

Bei ei­ner Be­fra­gung bei der WM im süd­ko­rea­ni­schen Dae­gu und den re­gio­na­len Spie­len in Do­ha hat­ten min­des­tens 30 be­zie­hungs­wei­se 40 Pro­zent der da­ma­li­gen Star­ter zu­ge­ge­ben, Do­ping­mit­tel ge­nom­men zu ha­ben. Bei den zeit­gleich vor­ge­nom­me­nen klas­si­schen Do­ping-Kon­trol­len wur­de nur ein Bruch­teil der Do­ping­fäl­le er­kannt: 0,5 Pro­zent der Tests bei der WM und 3,6 Pro­zent bei den Pan-Ara­bi­schen-Spie­len wa­ren po­si­tiv.

Zeit ver­geu­det Die Stu­die hat­te die Welt-An­ti-Do­ping-Agen­tur in Auf­trag ge­ge­ben. Al­ler­dings ver­wei­ger­ten die Wada und der Leicht­ath­le­ti­kWelt­ver­band IAAF jah­re­lang die Zu­stim­mung für ei­ne Ver­öf­fent­li­chung. „Mit der Un­ter­las­sung der Ver­öf­fent­li­chung ist ver­hin­dert wor­den, dass man viel frü­her wich­ti­ge Maß­nah­men im An­ti-Do­ping-Kampf hät­te er­grei­fen kön­nen“, kri­ti­sier­te Prokop.

Be­reits 2015 wa­ren schon Ein­zel­hei­ten der Un­ter­su­chung in den USA und im Zu­sam­men­hang mit dem sys­te­ma­ti­schen Do­ping in Russ­land be­kannt ge­wor­den. Bis 2015 war La­mi­ne Di­ack Prä­si­dent der IAAF. „Er hat sich nur ver­bal über Do­ping ge­äu­ßert und nichts un­ter­nom­men“, kri­ti­sier­te Prokop. Die fran­zö­si­sche Jus­tiz er­mit­telt ge­gen den Se­ne­ga­le­sen un­ter an­de­rem we­gen mut­maß­li­cher Ver­tu­schung von Do­ping ge­gen Geld im Amt.

Die Er­geb­nis­se der re­prä­sen­ta­ti­ven Stu­die „Do­ping in Two Eli­te Ath­le­tics Com­pe­ti­ti­ons As­ses­sed by Ran­do­mi­zed-Re­s­pon­se Sur­veys“wur­den nun in der Zeit­schrift „Sports Me­di­ci­ne“ver­öf­fent­licht. Die Wis­sen­schaft­ler hat­ten bei der Leicht­ath­le­tik-WM und bei den PanA­ra­bi­schen-Spie­len 2167 Teil­neh­mer un­ter Wah­rung der An­ony­mi­tät be­fragt, ob sie vor den Wett­kämp­fen ge­dopt hät­ten. Ins­ge­samt star­te­ten bei bei­den Ver­an­stal­tun­gen 5187 Sport­ler. „Die Stu­die macht deut­lich, dass durch bio­lo­gi­sche Tests von Blut- und Urin­pro­ben bei wei­tem nicht al­le Do­ping­fäl­le auf­ge­deckt wer­den“, er­klär­te Har­ri­son Po­pe von der Har­vard Me­di­cal School. „Wie in der Pu­bli­ka­ti­on be­schrie­ben, liegt das ver­mut­lich dar­an, dass die Ath­le­ten zahl­rei­che We­ge ge­fun­den ha­ben, bei Tests nicht auf­zu­fal­len.“

Nicht nach­weis­bar We­nig ef­fi­zi­ent sei­en die Tests un­mit­tel­bar vor und wäh­rend ei­nes Wett­kamp­fes: Pro Jahr fie­len da­von durch­schnitt­lich nur ein bis drei Pro­zent po­si­tiv aus. Do­ping­mit­tel sei­en zu die­sem Zeit­punkt oft nicht mehr bio­lo­gisch nach­weis­bar, weil sie lan­ge vor­her ein­ge­nom­men wür­den. Ei­ne hö­he­re Auf­klä­rungs­quo­te mit et­wa 14 Pro­zent bie­te der so­ge­nann­te „Bio­lo­gi­sche Pass“: Er do­ku­men­tiert me­di­zi­ni­sche Da­ten der Sport­ler.

Ob ak­tu­ell das Do­ping-Pro­blem mit dem des Jah­res 2011 noch zu ver­glei­chen ist, ist für Prokop frag­lich. „Wir ar­bei­ten hier mit Dun­kel­zif­fern und nicht mit wis­sen­schaft­lich nach­weis­ba­ren Zah­len. Ich weiß nicht, ob die Dun­kel­zif­fer noch so hoch ist, aus­schlie­ßen kann ich es nicht“, sag­te er. „Es hat sich in der Do­ping-Be­kämp­fung seit­dem aber ei­ni­ges ge­tan.“

Da­zu zählt Prokop auch die Auf­de­ckung des Do­ping-Skan­dals in Russ­land und den Bann der Leicht­ath­le­ten von den Olym­pi­schen Spie­len 2016 in Rio und der dies­jäh­ri­gen WM in Lon­don oder die ho­he Zahl der po­si­tiv ge­tes­te­ten afri­ka­ni­schen Läu­fer.

Zwei Be­tro­ge­ne: Die Sie­ben­kämp­fe­rin­nen Jen­ni­fer Oe­ser (li.) und Jes­si­ca En­nis be­ka­men bei der WM in Lon­don nach­träg­lich Me­dail­len von der WM 2011.

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