Sieg für De­mo­kra­tie

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Weinsberger Tal - - MEINUNGEN - Von Mar­tin Ferber

Mehr Par­tei­en – mehr Wäh­ler: Die Bun­des­tags­wahl stärkt das In­ter­es­se für die Po­li­tik. Schon in Nor­mal­zei­ten ist im Ber­li­ner Sze­ne- und Par­ty­be­zirk Kreuz­berg-Fried­richs­hain al­les an­ders als an­ders­wo, man gibt sich frei und un­an­ge­passt, hip und krea­tiv. Das gilt erst recht für Wahl­zei­ten. Seit 2002 ge­wann Hans-Chris­ti­an Strö­be­le von den Grü­nen den Wahl­kreis vier Mal in Fol­ge und zog als ers­ter und bis­lang ein­zi­ger di­rekt ge­wähl­ter Ab­ge­ord­ne­ter der Öko-Par­tei in den Bun­des­tag ein. In der links-al­ter­na­ti­ven Hoch­burg hat­te er ein Heim­spiel. Nun schei­det er aus dem Bun­des­tag aus – und 18 Kan­di­da­tin­nen und Kan­di­da­ten, dar­un­ter sie­ben oh­ne Par­tei­buch, wol­len sei­ne Nach­fol­ge an­tre­ten.

Ein Re­kord. Nir­gend­wo in Deutsch­land be­wer­ben sich mehr Frau­en und Män­ner um ein Bun­des­tags­man­dat. Und den­noch ist der Wahl­be­zirk Kreuz­berg-Fried­richs­hain kei­ne Aus­nah­me. Die Wahl am 24. Sep­tem­ber mo­bi­li­siert un­ge­ahn­te Kräf­te. 4828 Frau­en und Män­ner zwi­schen 18 und 91 Jah­ren wol­len in den Bun­des­tag, nur 1998 wa­ren es mehr, 42 Par­tei­en neh­men an der Wahl teil, so vie­le wie seit 1990 nicht, da­von 16 Neu­grün­dun­gen wie das „Bünd­nis Grund­ein­kom­men“, die „Mag­de­bur­ger Gar­ten­par­tei“oder die „Par­tei für Ve­rän­de­rung, Ve­ge­ta­ri­er und Ve­ga­ner“. Im Ver­gleich zu ih­nen sieht die AfD schon wie ei­ne eta­blier­te Alt­par­tei aus.

Von we­gen po­li­tik­ver­dros­sen! Die Wahl wirkt, auch wenn am En­de die Eta­b­lier­ten wie­der un­ter sich blei­ben wer­den, wie ein Jung­brun­nen für die De­mo­kra­tie. Denn die nüch­ter­nen Zah­len ver­ber­gen, wie viel eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment hin­ter die­sen Kan­di­da­tu­ren steckt. Vie­le tau­send Men­schen op­fern Zeit, Geld und Kraft, ob­wohl sie wis­sen, dass sie am En­de kei­ne Chan­ce ha­ben. Doch sie ha­ben ein An­lie­gen, für das es sich zu kämp­fen lohnt. Das wie­der­um stärkt die frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung, weil je­de Wahl auch ei­nen Mo­der­ni­sie­rungs­schub be­deu­tet. Neue Ide­en ver­än­dern das Land.

Und im Ge­gen­satz zu Län­dern wie Russ­land oder der Tür­kei muss nie­mand in Deutsch­land, der ei­ne Par­tei grün­det und so­mit of­fen die Mäch­ti­gen her­aus­for­dert, be­fürch­ten, auf of­fe­ner Stra­ße er­schos­sen oder als Staats­feind auf Nim­mer­wie­der­se­hen in ei­nem Ge­fäng­nis zu lan­den. Im Ge­gen­teil, die freie, ge­hei­me, all­ge­mei­ne Wahl, wie sie im Grund­ge­setz ver­an­kert ist, ist und bleibt das Hoch­amt der De­mo­kra­tie. Nur sta­ti­sche Ge­sell­schaf­ten und au­to­ri­tä­re Re­gime ha­ben Angst vor Wah­len. Der Wett­be­werb um je­de Stim­me treibt auch die Wahl­be­tei­li­gung nach oben. So vie­le Aus­lands­deut­sche wie noch nie ha­ben sich in die Wahl­lis­ten ein­tra­gen las­sen, auch bei den Brief­wäh­lern liegt ein neu­er Re­kord in der Luft. Das ist kei­ne ganz neue Ent­wick­lung, schon bei den letz­ten acht Land­tags­wah­len gin­gen je­weils mehr Men­schen an die Ur­ne als zu­vor. Die Ein­sicht ist ge­wach­sen, auch mit Blick auf Ent­schei­dun­gen wie den Br­ex­it: Es kommt tat­säch­lich auf je­de ein­zel­ne Stim­me an, kei­ne Stim­me ist ver­lo­ren, wer nicht wählt, stärkt den an­de­ren.

So könn­te die Wahl am 24. Sep­tem­ber ei­ne Trend­wen­de be­deu­ten: Die Stra­te­gie Mer­kels in der Ver­gan­gen­heit, den po­li­ti­schen Geg­ner ein­zu­lul­len und des­sen Sym­pa­thi­san­ten von der Wahl ab­zu­hal­ten („asym­me­tri­sche De­mo­bi­li­sie­rung“), funk­tio­niert nicht mehr.

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