Domp­teu­re im eu­ro­päi­schen Strom­netz

Über­wa­chen, steu­ern, Pro­gno­sen er­stel­len: In der Sys­tem­füh­rung fal­len al­le wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Weinsberger Tal - - HINTERGRUND -

Kei­ner, der nicht di­rekt dort ar­bei­tet, kommt rein: Die 50 Mil

lio­nen Eu­ro teu­re neue Sys­tem­füh­rung der Trans­ne­tBW in Wendlingen ist als Hoch­si­cher­heits­trakt kon­zi­piert. Von hier aus wer­den die Höchst­span­nungs­lei­tun­gen und Um­spann­wer­ke im Be­reich des Netz­be­trei­bers ge­steu­ert und über­wacht. Von hier aus las­sen sich Strom­flüs­se von 1000 Am­pè­re und mehr bei ei­ner Span­nung von 380 000 Volt auf an­de­re We­ge brin­gen, von hier kann der Ope­ra­tor tief ins In­ne­re je­des Trans­for­ma­tors bli­cken und ei­ne Stö­rung ana­ly­sie­ren. Von hier kön­nen Kraft­werks­be­trei­ber auf­ge­for­dert wer­den, die Leis­tung zu re­du­zie­ren oder zu er­hö­hen.

Die Sta­bi­li­tät des ge­sam­ten eu­ro­päi­schen Strom­net­zes hängt da­von ab, dass die drei In­ge­nieu­re, die hier gleich­zei­tig Di­enst tun, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Was pas­sie­ren kann, wenn da et­was schief läuft, das wird ei­ner von ih­nen si­cher nie ver­ges­sen. Gun­tram Zeit­ler war es, der am 4. No­vem­ber 2006 Nacht­schicht hat­te. Der Strom­ver­sor­ger EON schal­te­te ge­gen 21.30 Uhr auf Bit­ten der Mey­er Werft in Pa­pen­burg (Nie­der­sach­sen) zwei wich­ti­ge Höchst­span­nungs­lei­tun­gen ab. Das Kreuz­fahrt­schiff Nor­we­gi­an Pe­arl muss­te dar­un­ter durch. Doch die Ab­schal­tung er­folg­te frü­her als ge­plant, sie war nur un­zu­rei­chend mit den an­de­ren Netz­be­trei­bern ab­ge­spro­chen und es wur­den die fal­schen Maß­nah­men ein­ge­lei­tet, um die dar­aus re­sul­tie­ren­den Pro­ble­me in den Griff zu be­kom­men. Die Fol­ge war zu­nächst ei­ne Über­las­tung im nord­deut­schen Netz, dann kam es in ei­ner Ket­ten­re­ak­ti­on zu Not­ab­schal­tun­gen von Ver­sor­gungs­an­la­gen. All das pas­sier­te in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten.

„Das eu­ro­päi­sche Strom­netz ist in drei Tei­le zer­fal­len,“er­in­nert sich Zeit­ler an die La­ge, nach­dem der Un­heil ver­kün­den­de Alarm­gong er­tön­te. Zu­vor wa­ren tau­sen­de Me­ga­watt, vor al­lem Wind­kraft­strom, durch die EON-Net­ze in den Sü­den und nach Wes­ten ge­flos­sen. Der fehl­te dort na­tür­lich nach dem Aus­ein­an­der­bre­chen des Ver­bun­des. Und der Nor­den hat­te viel zu viel Strom in den Lei­tun­gen. Was für die Netz­sta­bi­li­tät ge­nau­so ver­hee­rend ist wie zu we­nig.

Das ers­te, was Gun­tram Zeit­ler und sei­ne Kol­le­gen ver­such­ten, war, so vie­le Kraft­wer­ke wie mög­lich ans Netz zu be­kom­men und so die Ein­spei­sung zu er­hö­hen. Ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len in so ei­ner Si­tua­ti­on Was­ser­kraft­wer­ke oder Gas­tur­bi­nen, die in we­ni­gen Mi­nu­ten von Null auf 100 Pro­zent sind.

Wäh­rend­des­sen muss­ten im Nor­den Kraft­wer­ke ab­ge­schal­tet wer­den, um sta­bi­le Ver­hält­nis­se zu schaf­fen. Trotz al­lem fiel in rund zehn Mil­lio­nen Haus­hal­ten der Strom aus, Zü­ge blie­ben auf of­fe­ner Stre­cke ste­hen. Erst nach ei­ni­gen St­un­den und meh­re­ren er­folg­lo­sen Ver­su­chen konn­te das eu­ro­päi­sche Strom­netz wie­der zu­sam­men­ge­kop­pelt wer­den.

Auch wenn sol­che dra­ma­ti­schen Er­eig­nis­se hier­zu­lan­de Sel­ten­heits­wert ha­ben, so sind heu­te auch im Nor­mal­be­trieb weit mehr Ein­grif­fe ins Strom­netz not­wen­dig als vor ei­ni­gen Jah­ren. Ten­denz stei­gend. Das ist ei­ne di­rek­te Fol­ge der Ener­gie­wen­de. Sorg­ten frü­her rund um die Uhr lau­fen­de Atom­re­ak­to­ren und kon­ven­tio­nel­le Kraft­wer­ke für sta­bi­le und plan­ba­re Ver­hält­nis­se, so hat sich das heu­te gründ­lich ge­än­dert. Im­mer wie­der ist es nö­tig, re­gelnd ein­zu­grei­fen und Kraft­werks­leis­tung an­zu­pas­sen. Je nach­dem, wie stark der Wind weht und wo ge­ra­de die Son­ne scheint. Denn der Strom aus er­neu­er­ba­rer Ener­gie­quel­len ge­nießt Vor­rang im Netz.

Im Ge­gen­zug müs­sen an Kraft­werks­be­trei­ber, die durch die Ein­grif­fe Ver­lus­te ha­ben, Ent­schä­di­gun­gen ge­zahlt wer­den. Geld kos­tet auch das Vor­hal­ten von Er­satz­ka­pa­zi­tä­ten. So hat Trans­net mit Kraft­wer­ken in der Schweiz und Ita­li­en Strom­lie­fer­ver­trä­ge für den Fall ab­ge­schlos­sen, dass es im Win­ter mal dun­kel und wind­still zugleich wird.

Auf ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro be­zif­fert die Bun­des­netz­agen­tur die­se so­ge­nann­ten Re­dis­patch-Kos­ten für das Jahr 2016. Vier Mil­li­ar­den wer­den für die Zeit nach der Ab­schal­tung der letz­ten Kern­kraft­wer­ke En­de

2022 pro­gnos­ti­ziert. Be­zah­len muss das der Ver­brau­cher. Ob­wohl man sich um zu­ver­läs­si­ge Wet­ter­pro­gno­sen be­müht und von an­de­ren Netz- und den Kraft­werks­be­trei­bern ge­naue Da­ten er­hält, ist die Kal­ku­la­ti­on al­les an­de­re als ein­fach. Gun­tram Zeit­ler hat Bei­spie­le für die Wind­kraft­ein­spei­sung auf ei­nen sei­ner elf Mo­ni­to­re ge­holt: Start am Mor­gen mit 100 Me­ga­watt (MW), Spit­zen­leis­tung 300 MW, dann ein Ab­sa­cken auf 21 MW. Der Tag da­vor be­ginnt mit 500 MW, mit­tags sind es nur noch 14 und abends

wie­der 500 MW, ein Ge­wit­ter­sturm treibt die Wind­rä­der zur Höchst­leis­tung. Das Strom­netz un­ter sol­chen Be­din­gun­gen sta­bil zu hal­ten, ist wohl eher Akro­ba­tik als ein nor­ma­ler Job. Not­si­tua­tio­nen wie die von 2006 übt das Team üb­ri­gens re­gel­mä­ßig im Si­mu­la­tor, wie Trans­ne­tSpre­cher Alex­an­der Schil­ling weiß.

Wie eng das eu­ro­päi­sche Strom­netz ver­wo­ben ist, wird an die­sem Tag in der Schalt­zen­tra­le bei ei­ner schon län­ger ge­plan­ten Ak­ti­on deut­lich. In Ti­rol muss ei­ne Lei­tung we­gen War­tungs­ar­bei­ten vom Netz ge­nom­men wer­den. Um für den Fall ge­wapp­net zu sein, dass zeit­gleich ei­ne an­de­re Tras­se aus­fällt, die Strom ins Land bringt, wer­den in Ös­ter­reich zwei Kraft­wer­ke hoch­ge­fah­ren, die dann die Ver­sor­gung über­neh­men könn­ten. Der zu­sätz­li­che Strom, der so ins Netz kommt, soll­te da­mit aus­ge­gli­chen wer­den, dass GKN II in Neckar­west­heim die Leis­tung re­du­ziert. Letzt­end­lich war die­ser Schritt aber nicht nö­tig, weil in Nord­deutsch­land nach ei­ner Stö­rung zu­sätz­li­cher Be­darf herrsch­te, der dann mit Strom aus dem Sü­den ge­deckt wur­de.

Ar­beits­plät­ze für die Steue­rung der Gleich­strom­tras­se Sued­link samt der Kon­ver­ter in Lein­gar­ten sind im neu­en Leit­stand üb­ri­gens auch schon vor­ge­se­hen. Mit Sued­link sol­len ab 2025 gro­ße Men­gen Wind­kraft­strom von Nord­deutsch­land in den en­er­gie­hung­ri­gen Sü­den flie­ßen. So könn­ten die ho­hen Re­dis­patch-Kos­ten ge­senkt und die Ein­grif­fe in den Netz­be­trieb we­ni­ger wer­den.

Vi­deo: So funk­tio­niert Re­dis­patch www.stim­me.de/re­dis­patch

Gun­tram Zeit­ler im Leit­stand, der rund um die Uhr mit drei In­ge­nieu­ren be­setzt ist.

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