Schulz will Mer­kel aus der Kom­fort-Zo­ne drän­gen

Vier Wo­chen vor der Wahl ver­sucht es der SPD-Kanz­ler­kan­di­dat nun per Fron­tal­an­griff

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Weinsberger Tal - - HINTERGRUND -

Vier Wo­chen vor der Bun­des­tags­wahl än­dert Mar­tin Schulz sei­ne Stra­te­gie. Im ARD-Som­mer­inter­view am Sonn­tag lässt der SPDKanz­ler­kan­di­dat sei­ne bis­he­ri­ge Zu­rück­hal­tung hin­ter sich. Er wirkt ag­gres­siv und wird jetzt auch per­sön­lich. Schulz wirft Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel vor, sie sei „ab­ge­ho­ben“. Die CDU-Po­li­ti­ke­rin ku­sche vor dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan und ha­be in Sa­chen Elek­tro­mo­bi­li­tät „kei­nen Plan“.

Mer­kel plau­dert zur glei­chen Zeit beim Tag der of­fe­nen Tür im Kanz­ler­gar­ten gut ge­launt und lo­cker mit dem Fuß­ball-Welt­meis­ter Sa­mi Khe­di­ra. Im Vor­jahr war Jé­rô­me Boateng da. Die Bun­des­kanz­le­rin weiß: Fuß­bal­ler sind Sym­pa­thie­trä­ger und viel­leicht fällt ne­ben­bei ja auch et­was Sym­pa­thie für sie selbst ab. „Es ist ja schon wie ei­ne Tra­di­ti­on, dass ich ei­nen en­gen Draht zur Na­tio­nal­mann­schaft ha­be“, sagt Mer­kel. Ne­ben­bei flicht die Kanz­le­rin ge­schickt ein, dass sie Khe­di­ra in Ber­lin nach sei­nem ver­lo­re­nen Cham­pi­ons Le­ague Fi­na­le ein we­nig ge­trös­tet ha­be.

Der Deutsch-Tu­ne­si­er Khe­di­ra soll an die­sem Som­mer­tag wo­mög­lich auch als Be­weis da­für her­hal­ten, dass In­te­gra­ti­on ge­lin­gen kann. Ein po­li­ti­sches Si­gnal in Zei­ten, in de­nen das für Mer­kel so schwie­ri­ge The­ma „Flücht­lings­kri­se“wie­der sehr prä­sent ist. Doch Khe­di­ra ist kein Flücht­ling und muss­te sich auch nicht in­te­grie­ren. Sei­ne Mut­ter ist Deut­sche. Er ist in Stuttgart ge­bo­ren.

Vom Gar­ten-Ter­min eilt Mer­kel zum ZDF. Wahl­kampf­hek­tik, ein wei­te­res In­ter­view wird auf­ge­zeich­net. Am Abend kön­nen sich die Men­schen dann ein Bild von bei­den Kanz­ler­kan­di­da­ten ma­chen. Es ist ein ers­ter in­di­rek­ter Schlag­ab­tausch mit Schulz – ei­ne Wo­che be­vor die stoi­sche Kanz­le­rin und ihr zu­letzt et­was glück­lo­ser Her­aus­for­de­rer beim TV-Du­ell in den di­rek­ten Clinch ge­hen.

Dass Schulz jetzt nicht nur die Uni­on kri­ti­siert, son­dern den Fron­tal­an­griff auf Mer­kel wagt, ist viel­leicht ei­ne Re­ak­ti­on auf die jüngs­ten Um­fra­gen. Sie se­hen die Uni­on bei 39 Pro­zent, wäh­rend die So­zi­al­de­mo­kra­ten zwi­schen 22 und 24 Pro­zent sta­gnie­ren. Al­ler­dings ha­ben sich schon ei­ni­ge Mer­kel-Wi­der­sa­cher mit die­ser Stra­te­gie ei­ne blu­ti­ge Na­se ge­holt. Doch was soll­te Schulz sonst tun? Die The­men-Bal­lons, die er im Wahl­kampf 2017 bis­her hat stei­gen las­sen, ver­schwan­den oft schon nach we­ni­gen St­un­den weit­ge­hend un­be- merkt am Ho­ri­zont – von der EUQuo­te für Elek­tro­au­tos bis hin zu sei­nen Rat­schlä­gen zum rich­ti­gen Um­gang mit dem kon­fron­ta­ti­ven tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan. Heu­te will Schulz jetzt ei­nen Vor­schlag für ei­ne „Na­tio­na­le Bil­dungs­al­li­anz“prä­sen­tie­ren. Es geht um ein­heit­li­che Bil­dungs­stan­dards. Das The­ma nervt vie­le El­tern, die schon mal mit Schul­kin­dern von Bun­des­land zu Bun­des­land um­ge­zo­gen sind.

Schwie­ri­ger als das Schat­ten­bo­xen mit Schulz ist für Mer­kel der Um­gang mit den Wut­bür­gern. So wie am Sams­tag in Qued­lin­burg. Beim Wahl­kampf­auf­takt in Sach­sen-An­halt schallt ihr ein Pfeif­kon­zert ent­ge­gen, die Leu­te hal­ten AfD-Pla­ka­te und hand­ge­mal­te Schil­der mit Pa­ro­len wie „Mer­kel muss weg“in die Hö­he. Schulz muss sich der­weil mit Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el ar­ran­gie­ren, der in die­sen Ta­gen manch­mal wie der eif­ri­ge­re Wahl­kämp­fer wirkt. Ma­chen sich da zwei SPD-Al­pha­tie­re den Markt der Auf­merk­sam­keit strei­tig? Schulz sagt, nein. Er sagt: „Sig­mar Ga­b­ri­el und ich stim­men uns in je­dem Punkt ab.“In ei­nem In­ter­view ha­be ihn Ga­b­ri­el neu­lich so­gar über den grü­nen Klee ge­lobt, „das fand ich ganz toll“.

Mer­kel und Schulz wis­sen bei­de: In den nächs­ten vier Wo­chen kann noch viel pas­sie­ren. Denn nach An­ga­ben der Mei­nungs­for­scher hat fast je­der zwei­te Wäh­ler noch nicht ent­schie­den, wo er sein Kreuz ma­chen wird. Auf die­se Un­ent­schie­de­nen hofft Schulz. Er sagt: „Da will ich ran“. Er klingt kämp­fe­risch. Aber auch ein we­nig ver­bis­sen.

An­ge­la Mer­kel beim Tag der Of­fe­nen Tür im Kanz­ler­amt.

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