Näch­te im Matsch

Bis­lang sind fast 400 000 Ro­hin­gyas aus Myan­mar in Rich­tung Ban­gla­desch ge­flo­hen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Weinsberger Tal - - HINTERGRUND · ROMAN · SCHACHECKE - Von Naz­rul Is­lam, dpa

Ei­ne Au­to-Rik­scha hält am Ran­de ei­nes klei­nen, schlam­mi­gen Pfa­des, der in ei­nen ge­bir­gi­gen Wald im Sü­den Ban­gla­deschs führt. Zwei Frau­en sit­zen still in dem drei­räd­ri­gen Fahr­zeug, wäh­rend in der Dun­kel­heit der Nacht Gril­len zir­pen. Ei­ne der Frau­en hält ein neu­ge­bo­re­nes Kind in den Ar­men. Der Rik­scha-Fah­rer sucht nach je­man­dem, der ihr hel­fen kann. Ein ört­li­ches Kran­ken­haus hat die jun­ge Frau, die erst seit we­ni­gen St­un­den Mut­ter ist, nicht auf­neh­men wol­len. Der Grund: Sie ist ei­ne Ro­hin­gya, An­ge­hö­ri­ge des nach Mei­nung vie­ler meist­ver­folg­ten Vol­kes der Welt.

Et­wa 370 000 Ro­hin­gya sind nach Zah­len des UN-Flücht­lings­hilfs­werks UNHCR seit dem 25. Au­gust aus Myan­mars Bun­des­staat Rak­hi­ne nach Ban­gla­desch ge­flo­hen – mehr als ein Drit­tel der An­ge­hö­ri­gen der mus­li­mi­schen Min­der­heit, die dort leb­ten. Rund 60 Pro­zent der Flücht­lin­ge sind laut Unicef Kin­der.

Dschun­gel Die 20-jäh­ri­ge Re­ha­na Be­gum war acht Tage lang hoch­schwan­ger von ih­rem Dorf in Rak­hi­ne nach Ban­gla­desch ge­lau­fen. Sol­da­ten hat­ten ih­ren Mann ge­tö­tet und ihr Haus nie­der­ge­brannt. Sie war zehn Ki­lo­me­ter hin­ter der Gren­ze, als die We­hen stär­ker wur­den. Ih­re Be­glei­te­rin Af­si Kha­tun brach­te sie an ei­ne Stel­le im Dschun­gel, die frü­her mal ein Fried­hof war. Dort wur­de Re­ha­nas Sohn ge­bo­ren.

„Ich konn­te sie nicht al­lein las­sen. Sie hat­te un­er­träg­li­che Schmer­zen“, er­zählt Af­si spä­ter. Al­so ha­be sie das Kind zur Welt ge­bracht.

Re­ha­na hat Glück: Der Rick­schaFah­rer fin­det ei­nen Be­woh­ner der

Ge­mein­de Whykong, der sie und ihr Ba­by bei Ver­wand­ten un­ter­bringt. Tau­sen­den an­de­ren Flücht­lin­gen bleibt nichts an­de­res üb­rig, als am Stra­ßen­rand zu cam­pie­ren. Vie­le von ih­nen ha­ben in der Hei­mat ähn­li­ches er­lebt wie Re­ha­na. Nach Aus­sa­ge des UN-Hoch­kom­mis­sars für Men­schen­rech­te, Said Raad al-Hus­sein, zei­gen Sa­tel­li­ten-

bil­der, wie Ro­hin­gya-Dör­fer nie­der­ge­brannt und flie­hen­de Zi­vi­lis­ten er­schos­sen wur­den. Die Ver­trei­bung der Min­der­heit se­he aus „wie ein Pa­ra­de­bei­spiel für eth­ni­sche Säu­be­run­gen“. Myan­mars Ar­mee hat­te von ei­ner „Räu­mungs­ope­ra­ti­on“als Ant­wort auf An­grif­fe von Ro­hin­gyaRe­bel­len auf Po­li­zei- und Mi­li­tär­pos­ten ge­spro­chen.

Auf den Fel­dern, an den Stra­ßen­rän­dern und in den Wäl­dern des ban­gla­de­schi­schen Be­zirks Cox’s Ba­zar ent­ste­hen pro­vi­so­ri­sche Sied­lun­gen der schein­bar end­lo­sen Zahl an Flücht­lin­gen, die wei­ter über die Gren­ze strö­men. Das UNHCR fliegt mitt­ler­wei­le Zel­te ein, aber Zehn­tau­sen­de Ro­hin­gya ha­ben noch kei­ne. Man­che ma­chen sich Mat­ten aus Was­ser­pflan­zen oder Ab­deck­pla­nen und schüt­zen sich so vor dem Matsch. Wenn sie schla­fen, bleibt das we­ni­ge Hab und Gut, das sie noch ha­ben, nah bei ih­rer Sei­te.

Der 25-jäh­ri­ge Salim Ul­lah sitzt mit ei­ner Ta­schen­lam­pe in der Hand an ei­nem Berg­hang. Er be­tä­ti­ge sich als Nacht­wäch­ter für die gut 300 Men­schen, die sich hier im Frei­en nie­der­ge­las­sen ha­ben, er­klärt er. Sein Dorf in Rak­hi­ne sei mitt­ler­wei­le ver­las­sen. „Wer dort hin­geht, wird nur noch Asche vor­fin­den“, sagt der Bau­er, der auf ei­nem Sta­pel in Plas­tik­sä­cken mit den Er­in­ne­rungs­stü­cken sei­ner Fa­mi­lie sitzt.

Schlamm Ei­ni­ge Flücht­lin­ge, die hier nachts un­ter­wegs sind, su­chen noch nach ei­ner ge­eig­ne­ten Schlaf­stel­le. Man­che le­gen sich ein­fach di­rekt in den Schlamm. Frau­en in Sa­ris stil­len Säug­lin­ge, um de­ren Köp­fe Mü­cken schwir­ren. Es nie­selt; die Monsun­zeit ist noch nicht vor­bei.

Die Ro­hin­gya sind staa­ten­los, seit das da­ma­li­ge Bir­ma ih­nen 1982 die Staats­bür­ger­schaft ab­er­kann­te. Vor der ak­tu­el­len Mas­sen­flucht wa­ren be­reits rund 400 000 von ih­nen nach Ban­gla­desch ge­flo­hen. Die Flücht­lings­la­ger sind längst voll. Ban­gla­desch will, dass Myan­mar um die Re­gie­rungs­che­fin und Frie­dens­no- bel­preis­trä­ge­rin Aung San Suu Kyi die Ro­hin­gya wie­der­auf­nimmt. Es ist ei­ne hu­ma­ni­tä­re Kri­se enor­men Aus­ma­ßes.

Ab­dul Ma­lek er­zählt, er ha­be die Nacht wach ge­le­gen und ge­grü­belt, wo­hin er sei­ne sie­ben­köp­fi­ge Fa­mi­lie füh­ren sol­le. Auf der Flucht hät­ten sie vier Tage lang nichts zu es­sen ge­habt, bis ih­nen kurz hin­ter dem Grenz­fluss in Ban­gla­desch Frei­wil­li­ge et­was Tro­cken­kost ge­ge­ben hät­ten. Nun feh­le es ih­nen wie­der an Es­sen so­wie an ei­nem Dach über dem Kopf, sagt Ma­lek. „Wie soll ich für mei­ne Fa­mi­lie sor­gen?“

Ne­ben ei­ner Brü­cke an ei­ner Schnell­stra­ße sitzt ei­ne wei­te­re sie­ben­köp­fi­ge Fa­mi­lie. Zwei Söh­ne ha­be er bei der Ge­walt in der Hei­mat ver­lo­ren, er­klärt der 65-jäh­ri­ge Va­ter, Lok­man Ha­kim. Ihr Haus sei ge­plün­dert und nie­der­ge­brannt wor­den. „Bis wir ei­ne Un­ter­kunft ge­fun­den ha­ben, müs­sen wir hier im Frei­en blei­ben“, sagt er.

„Ich konn­te sie nicht al­lein las­sen. Sie hat­te un­er­träg­li­che Schmer­zen.“ Af­si Kha­tun „Wie soll ich für mei­ne Fa­mi­lie sor­gen?“ Ab­dul Ma­lek

Fo­to: dpa

An­ge­hö­ri­ge der mus­li­mi­schen Min­der­heit der Ro­hin­gya er­rei­chen die Küs­te von Ban­gla­desch.

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