„Das Land braucht ei­ne Leit­idee“

Ste­phan Grü­ne­wald über die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit in der deut­schen Po­li­tik

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Weinsberger Tal - - MEINUNGEN -

sich min­des­tens bis in die Ad­vents­zeit hin­zie­hen. Es ist aber vor al­lem die Fra­ge, wie die­se Zeit ge­füllt wird: Mit nach­voll­zieh­ba­ren De­bat­ten, die wirk­lich et­was klä­ren? Der Streit ist ja auch ei­ne Form der Er­kennt­nis. Hat der Wäh­ler aber das Ge­fühl, es geht nur um Macht­po­ker, um ge­kränk­te Ei­tel­kei­ten, dann schwin­det das oh­ne­hin schon dürf­ti­ge Ver­trau­en in die Po­li­tik noch wei­ter.

Ist das nicht vor al­lem Auf­ga­be der Kanz­le­rin?

Grü­ne­wald: Die Rei­se in die Zu­kunft geht nur durch ei­ne kla­re Rich­tungs­be­stim­mung, ei­ne Leit­idee. Wo­für steht Deutsch­land? Was will Deutsch­land er­rei­chen? Da ist die Kanz­le­rin lan­ge Zeit auf Sicht ge­se­gelt. Das ist auch lan­ge Zeit gut ge­gan­gen. Aber in den kom­men­den vier Jah­ren ist ei­ne kla­re Kurs­be­stim­mung vor­zu­neh­men.

Schät­zen Sie An­ge­la Mer­kel so ein, dass sie so et­was tun wird? Grü­ne­wald: Es gibt ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über sie mit dem Ti­tel „Die Un­er­war­te­te“. Und sie ist jetzt qua­si be­freit von dem Druck, noch ein­mal ge­win­nen zu müs­sen. Viel­leicht ver­folgt sie ja bald ei­ne Um­welt-Agen­da, oder legt mehr Wert auf so­zia­le Ge­rech­tig­keit. Viel­leicht ge­lingt es ihr auch, das Christ­li­che im Na­men der Par­tei bes­ser in ei­ne Pro­gram­ma­tik zu brin­gen.

In­wie­fern ist Deutsch­land über­haupt be­reit für In­no­va­tio­nen? Grü­ne­wald: Ve­rän­de­run­gen und In­no­va­tio­nen pas­sie­ren psy­cho­lo­gisch be­trach­tet im­mer dann, wenn ein Lei­dens­druck da ist. Den ha­ben wir nicht, weil es ei­nem Groß­teil der Ge­sell­schaft im­mer noch gut geht. An­de­rer­seits mer­ken wir jetzt mit Blick nach au­ßen, wie in­sta­bil die La­ge in der Welt ist, wie groß bei­spiels­wei­se in Ame­ri­ka so­zia­le Ver­wer­fun­gen sein kön­nen. Man kann nur hof­fen, dass dies ei­ne heil­sam mo­ti­vie­ren­de Kraft hat. Aber die Ge­fahr ist groß, dass sich in Deutsch­land erst et­was rührt, wenn uns das Was­ser bis zum Hal­se steht.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.