Schwe­re Staats­kri­se

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Weinsberger Tal - - MEINUNGEN -

Zer­bricht das Kö­nig­reich Spa­ni­en am Un­ab­hän­gig­keits­kon­flikt mit Ka­ta­lo­ni­en? Spa­ni­en treibt ge­ra­de in ei­ne sei­ner schwers­ten Staats­kri­sen seit Be­ginn der De­mo­kra­tie. Denn die re­bel­li­sche Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en will am Sonn­tag und ge­gen den er­bit­ter­ten Wi­der­stand der spa­ni­schen Re­gie­rung ein Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum or­ga­ni­sie­ren. Es sieht nicht da­nach aus, als ob sich die Se­pa­ra­tis­ten­re­gie­rung durch das Ver­bot des Ver­fas­sungs­ge­richts und an­ge­droh­te Zwangs­maß­nah­men von die­sem Plan ab­brin­gen lässt. Bricht Spa­ni­en bald aus­ein­an­der?

Es lässt sich kaum ab­schät­zen, was am Sonn­tag und den dar­auf­fol­gen­den Ta­gen in Ka­ta­lo­ni­en tat­säch­lich ge­sche­hen wird. Spa­ni­en schick­te zwar Tau­sen­de Po­li­zis­ten in die ab­trün­ni­ge Re­gi­on, die da­für sor­gen sol­len, dass die­ses ge­richt­li­che Ab­stim­mungs­ver­bot durch­ge­setzt wird. Die Si­cher­heits­kräf­te sol­len Wahl­lo­ka­le schlie­ßen und Wahl­ur­nen be­schlag­nah­men.

Doch dies ist kein ein­fa­cher Auf­trag an­ge­sichts von Tau­sen­den Wahl­lo­ka­len, die in der Pro­vinz ge­öff­net wer­den sol­len. De­mons­tran­ten wer­den sich den Po­li­zis­ten vie­ler­orts in den Weg stel­len. Hef­ti­ge Span­nun­gen sind pro­gram­miert. Trotz des un­ge­wis­sen Aus­gangs kann man aber fest­hal­ten: Es wird am 1. Ok­to­ber in Ka­ta­lo­ni­en kei­nen Volks­ent­scheid in ge­ord­ne­tem Rah­men und un­ter frei­heit­li­chen so­wie rechts­staat­li­chen Be­din­gun­gen ge­ben. Mög­li­che Wah­l­er­geb­nis­se kön­nen so­mit kaum als re­prä­sen­ta­tiv gel­ten und wer­den nur sym­bo­li­schen Wert ha­ben.

Auch muss man klar sa­gen: Ein ein­sei­ti­ges re­gio­na­les Re­fe­ren­dum, das ge­gen ein Ver­bot des spa­ni- schen Ver­fas­sungs­ge­richts durch­ge­peitscht wird, kann man nicht de­mo­kra­tisch nen­nen.

Al­lein mit Ver­bo­ten wird Spa­ni­en die­sen wach­sen­den Kon­flikt mit Ka­ta­lo­ni­en kaum lö­sen kön­nen. Seit Jah­ren ver­sucht Spa­ni­ens Re­gie­rungs­chef Ma­ria­no Ra­joy vor al­lem mit Ge­richts­ur­tei­len die ka­ta­la­ni­schen Au­to­no­mie­ge­lüs­te zu stop­pen. Stets mit Hin­weis auf die spa­ni­sche Ver­fas­sung, in der die Ein­heit der Na­ti­on be­schwo­ren wird. Er­reicht wur­de mit die­ser lan­gen Se­rie von Ver­bo­ten nichts. Ganz im Ge­gen­teil: Wäh­rend frü­her die Un­ab­hän­gig­keits­be­für­wor­ter noch ei­ne klei­ne Min­der­heit wa­ren, re­prä­sen­tie­ren sie heu­te im ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­par­la­ment die Mehr­heit. Vor al­lem, weil sich vie­le der 7,5 Mil­lio­nen Ka­ta­la­nen, die sich mit ih­rer ei­ge­nen Spra­che und Kul­tur als ei­ge­ne Na­ti­on se­hen, von Spa­ni­ens Re­gie­rung igno­riert und ge­de­mü

tigt füh­len.

Als Schlüs­sel­er­leb­nis, das die Ab­nei­gung ge­gen­über Spa­ni­en ver­stärk­te, gilt vie­len Ka­ta­la­nen die An­nul­lie­rung der ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­ver­fas­sung durch Spa­ni­ens Ver­fas­sungs­ge­richt 2010. Dies ließ vie­le Ka­ta­la­nen rot se­hen. Vor al­lem des­we­gen wird Ra­joys kon­ser­va­ti­ve Par­tei heu­te oft­mals als „wich­tigs­ter Fa­b­ri­kant der Un­ab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen“be­zeich­net.

Ra­joy, der in der Ver­gan­gen­heit al­le ka­ta­la­ni­schen Vor­stö­ße auf mehr Selbst­ver­wal­tung und grö­ße­re Steu­er­ho­heit mit ei­nem stu­ren „No“be­ant­wor­te­te, wird sich um Dia­log be­mü­hen müs­sen, wenn er die Ka­ta­lo­ni­en­kri­se wirk­lich lö­sen will. Denn es liegt auf der Hand, dass er die­sen bro­deln­den Au­to­no­mie­streit nur zu­sam­men mit Ka­ta­lo­ni­en und nicht ge­gen das ka­ta­la­ni­sche Volk lö­sen kann.

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