Tro­pen­sturm über Ja­mai­ka

Son­die­run­gen in der Kri­se – Part­nern fehlt es auch an Mut

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - MEINUNGEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Martin Fer­ber

Von we­gen Reg­gae und Rum, Som­mer und Son­ne. Nur vor­der­grün­dig ist die Ka­ri­bik ein Pa­ra­dies. Re­gel­mä­ßig to­ben sich schwe­re Tro­pen­stür­me über den In­seln aus und ver­ur­sa­chen schwe­re Schä­den. Nichts kann sie auf­hal­ten.

Schnel­ler als er­war­tet sind auch die Un­ter­händ­ler von CDU, CSU, FDP und Grü­nen, die seit ein­ein­halb Wo­chen son­die­ren, ob und un­ter wel­chen Be­din­gun­gen ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on mög­lich ist, in ei­nen der­ar­ti­gen Tro­pen­sturm ge­ra­ten. Sei­ne po­li­ti­sche Wucht ist ge­wal­tig, er droht das fra­gi­le Ge­bil­de der Ko­ali­ti­on hin­weg­zu­fe­gen, be­vor es über­haupt er­rich­tet wor­den ist. Wenn am heu­ti­gen Mon­tag die De­le­ga­tio­nen zu ih­rer zwei­ten Sit­zung in der gro­ßen Run­de zu­sam­men­kom­men, hat dies be­reits den Cha­rak­ter ei­nes Kri­sen­tref­fens, ei­nes aku­ten Not­fal­l­ein­sat­zes zur Be­sei­ti­gung der gröbs­ten Un­wet­ter­schä­den. An­ge­la Mer­kel, Horst See­ho­fer, Chris­ti­an Lind­ner und Cem Öz­de­mir ste­hen vor der Her­aus­for­de­rung, das Schlimms­te zu ver­hin­dern – ein Schei­tern der Ge­sprä­che.

Zeit­fens­ter Dass der Weg nach Ja­mai­ka lan­ge und be­schwer­lich wer­den wür­de, war al­len Be­tei­lig­ten von An­fang an be­wusst, dass es aber so schnell zur Kri­se kom­men wür­de, über­rascht dann doch. We­gen der Nie­der­sach­sen-Wahl hat­ten die Par­tei­en drei Wo­chen Zeit, sich zu sor­tie­ren, vom Wahl­kampf- in den Ver­hand­lungs­mo­dus um­zu­schal­ten und die Ge­sprä­che in­tern vor­zu­be­rei­ten. Doch die­ses Zeit­fens­ter wur­de nur un­zu­rei­chend ge­nutzt. Die ers­ten Ver­hand­lun­gen zu den The­men Kli­ma­schutz und Mi­gra­ti­on er­wie­sen sich als ein blo­ßer Aus­tausch der je­wei­li­gen Ma­xi­mal­for­de­run­gen – ge­paart mit der Auf­for­de­rung an al­le an­de­ren, Be­reit­schaft zum Kom­pro­miss zu zei­gen, oh­ne sel­ber von sei­nen Po­si­tio­nen ab­zu­rü­cken. Zu vie­le ro­te Li­ni­en aber füh­ren in die Sack­gas­se.

Un­über­seh­bar ist, dass in al­len Par­tei­en die Angst vor dem un­ge­wöhn­li­chen Bünd­nis grö­ßer ist als der Mut, ein­ge­tre­te­ne Pfa­de zu ver­las­sen und po­li­ti­sches Neu­land zu be­tre­ten. Nur Tei­le der CDU und der Rea­lo-Flü­gel der Grü­nen wol­len er­kenn­bar Ja­mai­ka, die CSU macht aus ih­rer Ab­nei­gung kei­nen Hehl, die Lind­ner-FDP ko­ket­tiert mit ih­rer an­geb­li­chen Un­ab­hän­gig­keit und will den Gang in die Op­po­si­ti­on nicht aus­schlie­ßen. Dass die Uni­on nicht mit ei­ner Stim­me spricht, macht al­les nur noch schwie­ri­ger. Mer­kels Au­to­ri­tät ist an­ge­schla­gen, ihr Spiel­raum für Kom­pro­mis­se be­grenzt, schon um ih­re in­ner­par­tei­li­chen Kri­ti­ker ru­hig zu stel­len, muss sie den Mar­ken­kern der CDU hart ver­tei­di­gen. CSU-Chef Horst See­ho­fer kämpft gar ums po­li­ti­sche Über­le­ben, er muss, will er sich als Par­tei­chef hal­ten, drin­gend ei­ne CSUHand­schrift im Ko­ali­ti­ons­ver­trag nach München mit­brin­gen. Und die Grä­ben zwi­schen CSU und Grü­nen so­wie FDP und Grü­nen könn­ten tie­fer nicht sein, die Schlach­ten der Ver­gan­gen­heit wir­ken nach, die tie­fen Wun­den der ge­gen­sei­ti­gen Ver­let­zun­gen auch.

Abrüs­tung Da­mit Ja­mai­ka ge­lin­gen kann, weil es an­ge­sichts des Wah­l­er­geb­nis­ses ge­lin­gen muss, ist als ers­tes ei­ne ver­ba­le Abrüs­tung er­for­der­lich. Die je­wei­li­gen Ma­xi­mal­po­si­tio­nen sind hin­läng­lich be­kannt und müs­sen nicht täg­lich laut­stark wie­der­holt wer­den. Wer vom an­de­ren Be­reit­schaft zum Kom­pro­miss ein­for­dert, muss sie sel­ber un­ter Be­weis stel­len. Die Uni­on braucht ei­nen Er­folg bei der Mi­gra­ti­on und Zu­wan­de­rungs­be­gren­zung, die Grü­nen beim Kli­ma­schutz, die FDP bei der Steu­er­po­li­tik. Das lässt sich über klu­ge Be­schlüs­se or­ga­ni­sie­ren, in de­nen sich al­le Sei­ten wie­der­fin­den. Wenn CSU und FDP trotz­dem ein Schei­tern der Son­die­run­gen nicht aus­schlie­ßen, spie­len sie mit dem Feu­er. Zu glau­ben, die SPD stün­de im Not­fall be­reit, ist ein Irr­tum. Neu­wah­len ver­schär­fen die La­ge nur noch. Es gä­be nur ei­nen Ge­win­ner – die AfD.

Tro­pen­stür­me ge­hö­ren zur Ka­ri­bik. Sie kom­men, to­ben sich aus – und ver­zie­hen sich wie­der. Das lässt hof­fen, dass der Streit der Ko­ali­tio­nä­re in spe wie ein rei­ni­gen­des Ge­wit­ter wirkt und die brü­ten­de Schwü­le des Wahl­kamp­fes ver­treibt. Lie­ber jetzt als zu spät.

Foto: dpa

Ih­re Au­to­ri­tät ist an­ge­kratzt: Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU).

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