Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - ROMAN -

Viel­leicht mit Faus­tas Werk­zeug. Nein, es war bes­ser, sie nicht noch mal an­zu­sta­cheln, jetzt, da sie sich end­lich be­ru­higt zu ha­ben schien.

Oh­ne zu zö­gern, zer­trüm­mer­te er das Glas mit dem Ell­bo­gen. In sei­nem Rü­cken lach­te Faus­ta auf.

»Pa­pa wird ei­nen Hei­den­schre­cken be­kom­men.«

Mit ei­nem Ruck zog Mau­ro ei­nen Pa­cken Pa­pier her­aus, warf ihn auf den Schreib­tisch und blät­ter­te ihn mit flie­gen­den Fin­gern durch. Das war es nicht, das auch nicht. Um einHaar hät­te er auf­ge­heult. Da: sein Na­me und sei­ne Un­ter­schrift.

Er spür­te sie hin­ter sich, ih­ren schwe­ren Atem.

»Zu­frie­den?« Er dreh­te sich um. Aus ih­rem stets straf­fen Haar­kno­ten hat­ten sich ein paar Sträh­nen ge­löst.

»Hö­ren Sie, Faus­ta, ich weiß nicht, wie ich Ih­nen …«

»Es gibt ei­ne Fall­tür, durch die man in den Kel­ler ge­langt.

Von da aus er­rei­chen Sie die Gas­se ge­gen­über dem Kran­ken­haus.

Es wird nicht lan­ge dau­ern, bis je­mand kommt, der Nacht­wäch­ter hat si­cher schon das hal­be Haus auf­ge­weckt.«

»Mö­ge Gott es Ih­nen ver­gel­ten, mei­ne Lie­be.«

»Wis­sen Sie was, Don Mau­ro? Es tut mir nicht leid, so na­iv ge­we­sen zu sein. We­nigs­tens konn­te ich mir ein paar Il­lu­sio­nen ma­chen.«

Er roll­te die Bö­gen zu­sam­men und ver­stau­te sie ei­lig un­ter dem Geh­rock.

Die Glas­split­ter knirsch­ten un­ter sei­nen Fü­ßen, er um­fass­te mit bei­den Hän­den ih­re Wan­gen und küss­te sie, als wä­re sie die Lie­be sei­nes Le­bens.

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au­ro Lar­rea trat sei­ne Rei­se ins Un­ge­wis­se an, wie es sei­nem ge­wohn­ten Le­bens­stil ent­sprach, als wä­re sei­ne Welt nicht mit­ten­durch ge­bro­chen: Er ver­ließ die Stadt in sei­ner ei­ge­nen Kut­sche mit And­ra­de, San­tos Hu­e­sos und ein paar Tru­hen, es­kor­tiert von zwölf kräf­ti­gen, bis an die Zäh­ne be­waff­ne­ten Chi­n­a­cos zum Schutz ge­gen die all­ge­gen­wär­ti­gen Räu­ber­ban­den. Al­le zu Pferd, Ka­ra­bi­ner am Sat­tel, Pis­to­le im Gür­tel, al­le im Re­form­krieg ge­stähl­te Gu­er­ril­le­ros und von Er­nes­to Go­ros­tiza mit klin- gen­der Mün­ze be­zahlt. »Lie­ber Freund«, hieß es in der Nach­richt, die der künf­ti­ge Schwie­ger­va­ter sei­nes Soh­nes ihm ge­schickt hat­te, »lass mich zum Zei­chen mei­ner Dank­bar­keit we­nigs­tens für dein si­che­resGe­leit bis Ver­a­cruz sor­gen. Über­fäl­le sind bei uns an der Ta­ges­ord­nung, und we­der du noch ich soll­ten mehr ris­kie­ren als un­be­dingt nö­tig.«

Seit er in den frü­hen Mor­gen­stun­den vom Berg­bau­amt zu­rück­ge­kom­men war, die Ak­te von Las Tres

Lu­nas si­cher an sei­ner Brust ver­wahrt, war er nur noch in Het­ze. Vor­wärts, San­tos, es geht los! Bring die Jungs auf Tr­ab, wir bre­chen so­fort auf.Das Ge­päck,dieRei­se­män­tel,Was­ser und Pro­vi­ant für die ers­ten Etap­pen, al­les war be­reit. Pfer­de­wie­hern, ge­dämpf­te Ru­fe, über die St­ein­plat­ten de­s­Ho­fes has­ten­de Schrit­te und die ver­schla­fe­nen Au­gen sei­ner gro­ßen Die­n­er­schar, die be­stürzt fest­stel­len muss­te, dass ihr Herr tat­säch­lich ab­reis­te.

Als er eben die Haus­häl­te­rin noch ein­mal da­ran er­in­ner­te, die obe­ren Stock­wer­ke gut zu ver­schlie­ßen, hör­te er, wie ihn je­mand von hin­ten an­sprach. Er spür­te das Blut in den Schlä­fen und er­starr­te. Er brauch­te sich nicht um­zu­wen­den, um zu wis­sen, wer dort stand.

»Was hast du hier zu su­chen?« Der Mann, der ihn trüb­sin­nig an­sah, hat­te seit an­dert­halb Ta­gen auf die­sen Mo­ment ge­war­tet, an ei­ne na­he Mau­er ge­kau­ert, halb ver­bor­gen un­ter ei­ner schmutz­star­ren De­cke, die Hut­krem­pe übers Ge­sicht ge­zo­gen; er hat­te sich an ei­nem küm­mer­li­chen Feu­er ge­wärmt und von den Gar­kü­chen auf der Stra­ße er­nährt, wie so vie­le We­sen oh­ne Herr und Ob­dach in die­ser dicht be­völ­ker­ten Stadt.

Di­mas Car­rús, der Pfand­lei­her­sohn, der im­mer aus­sah wie ein ge- prü­gel­ter Hund, trat ei­nen Schritt auf den Berg­mann zu.

»Ich bin in der Stadt, weil ich hier ei­nen Auf­trag zu er­le­di­gen ha­be.«

Mau­ro Lar­rea mus­ter­te ihn mit zu­sam­men­ge­zo­ge­nen Brau­en. Je­der Mus­kel sei­nes Kör­pers straff­te sich. Jetzt tat er ei­nen Schritt auf den an­de­ren zu. »Was für ei­nen Auf­trag?« »Dein Haus zu ver­mes­sen. Zu zäh­len, wie vie­le Er­ker, Fens­ter und Bal­ko­ne es hat und wie vie­le In­di­os für dich ar­bei­ten.«

»Und bist du da­mit fer­tig?« »Ich ha­be so­gar al­les von ei­nem Schrei­ber fest­hal­ten las­sen, falls mein Ge­dächt­nis ver­sagt.«

»Dann hau ab.«

»Ich ha­be auch ei­ne Mah­nung mit­ge­bracht.« »San­tos!« Der Die­ner stand be­reits hin­ter ihm.

»Um dich zu er­in­nern, dass von den vier Mo­na­ten bis zur Fäl­lig­keit der ers­ten Ra­te …« Fort­set­zung folgt

Wenn ich jetzt nicht ge­he Von Ma­ría Du­e­ñas Aus dem Spa­ni­schen von Pe­tra Zick­mann © 2017 In­sel Ver­lag 37. Fort­set­zung

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