Lass uns die Gi­raf­fe sat­teln

„Bo­xx@Night“: Ein herr­li­ches neu­es Thea­ter­for­mat, nicht nur für Nacht­schwär­mer

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - KULTUR REGIONAL - Von Michae­la Adick

Schon ein­mal von Lor­an­ga ge­hört? Dem knuffi­gen Lor­an­ga, der mit sei­nem Sohn Lol­li­pop in ei­nem ab­ge­wrack­ten Haus ir­gend­wo in Schwe­den haust? Nein? Wirk­lich nicht? Das Haus selbst wä­re je­den­falls kin­der­leicht am feh­len­den Dach zu er­ken­nen, jüngst wur­de es von der Haus­gi­raf­fe weg­ge­fut­tert. Lor­an­ga selbst er­kennt man an sei­ner ge­müt­li­chen Faul­heit: Er wür­de halt lie­ber nicht ar­bei­ten müs­sen, weil er dann mit sei­nem Sohn in der Kü­che Ho­ckey spie­len könn­te. Mit To­ma­ten, ver­steht sich, sie ge­ben so ei­nen schö­nen Mat­sch­laut von sich. Fan­tas­tisch, sur­re­al, an­ar­chisch? All das ist die Ge­schich­te aus den spä­ten 60er Jah­ren ganz zwei­fel­los, die einst von Bar­bro Lind­gren-Ens­kog – nicht ver­wandt und nicht ver­schwä­gert mit der gro­ßen As­trid – für Kin­der ge­schrie­ben wor­den ist und wie je­de gu­te Kin­der­ge­schich­te auch bei äl­te­ren Se­mes­tern ver­fängt.

Thea­ter­fans Twens, die in der Bo­xx ein­fach nur fei­ern möch­ten. Four­ty-So­me­things, die sich bei ei­nem Gläs­chen Wein, be­seel­ter Mu­sik von DJ Je­an-Sol Part­re und ge­dämpf­ten Licht auf den So­fas un­ter­hal­ten möch­ten, Thea­ter­fans aus der Ge­ne­ra­ti­on 70 plus, die neu­gie­rig sind auf das neue Thea­ter­for­mat „Bo­xx@Night“, ein spä­ter Nach­kömm­ling aus der Ge­ne­ra­ti­on der „Nacht­schat­ten“-Par­tys. Lang, lang ist’s her.

Doch vor der Par­ty geht es erst ein­mal in die Bo­xx, die Schau­spie­ler To­bi­as D. We­ber für die­se Nacht ge­ka­pert hat. Vor vie­len Jah­ren, bei ei­nem En­ga­ge­ment am Thea­ter Chem­nitz, hat­te er die an­ar­chi­sche Ge­schich­te „Lor­an­ga, Lol­li­pop und lau­ter Ti­ger“schon ein­mal als Li­veHör­spiel auf die Büh­ne ge­bracht. Jetzt hat er sie für sei­ne Kol­le­gen Stel­la Go­ritz­ki, Ga­b­ri­el Kem­me­ther, Frank Lie­nert-Mon­da­nel­li, Oli­ver Fi­rit und Sa­scha Kirsch­ber­ger neu ein­ge­rich­tet. An Ar­beits­ti­schen sieht man sechs Schau­spie­ler in ein­träch­ti­ger Run­de: Sah­ne sprü­hen, Roh­re mal­trä­tie­ren, Tü­re knar­zen las­sen. Es muss viel ge­wer­kelt wer­den bei so ei­nem Live-Hör­spiel. Ein­spre­chen schön und gut, auch das Ein­sin­gen von Pau­sen­mu­sik, darun- ter die schreck­lich schö­ne deut­sche In­ter­pre­ta­ti­on „Tan­ze Sam­ba mit mir“, ein Hit von Raf­fa­el­la Car­rà: ge­schenkt.

Ti­ger Bei den Ge­räu­schen wird’s schon kniff­li­ger. Die Gi­raf­fe, die ei­gent­lich ge­ra­de ge­sat­telt wer­den soll­te, knus­pert ge­ra­de das Dach weg, was tun? Was tun, wenn man sei­nen Freund vor den Ti­gern ret­ten möch­te? Ge­mach, ge­mach: Auch Ti­ger müs­sen schla­fen.

Es ist ei­ne Schau. Wie die gan­ze Ge­schich­te von Lor­an­ga (To­bi­as D. We­ber), ei­nem der in­ter­es­san­tes­ten Ar­beits­ver­wei­ge­rer seit Her­man Mel­vil­les „Bart­le­by“, süch­tig macht. Wenn Bar­bro Lind­gren-Ens­kog (1937) ei­nen Dieb höf­lich an­fra­gen lässt, ob er jetzt, da er schon ein­mal da sei, viel­leicht et­was steh­len dür­fe, dann ist auch das Pu­bli­kum ge­neigt, auf­zu­hor­chen. Doch Pa­pa Lor­an­ga hat so sei­ne ganz ei­ge­nen Ein­sich­ten, wenn er sei­nen noch nicht gar so läs­si­gen Sohn Lol­li­pop (Ga­b­ri­el Kem­me­ther) zur Rä­son ruft. „Reg dich nicht auf, es ist schließ­lich sein Be­ruf“, so sei­ne Ein­schät­zung. Und an den Dieb ge­wandt: Er mö­ge das Die­bes­gut bit­te am nächs­ten Sonn­tag re­tour brin­gen.

Die Si­tua­ti­on ist von so ei­ner hin­ter­sin­ni­gen An­ar­chie, die Lust macht: Ver­wir­re dei­nen Nächs­ten, sei wi­der­stän­dig. Ein köst­li­cher Ge­sprächs­stoff für die Par­ty da­nach.

Foto: Mat­thi­as Hei­bel

Mehr An­ar­chie wa­gen: Schau­spie­ler To­bi­as D. We­ber (drit­ter von links) hat für die „Bo­xx@Night“ein Kin­der­stück aus Schwe­den ein­ge­rich­tet.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.