Martin Lu­ther Su­per­star

Kei­ner ist im 16. Jahr­hun­dert so oft ab­ge­bil­det wor­den wie der Re­for­ma­tor

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - KULTUR - Von Chris­ta Sigg

Er wi­der­ruft ein­fach nicht, die­ser Lu­ther. Das ist das Er­geb­nis zahl­rei­cher Dis­pu­te mit den Kir­chen­obe­ren, und na­tür­lich macht der jun­ge Theo­lo­gie­pro­fes­sor auch im April 1421 auf dem Reichs­tag zu Worms kei­nen Rück­zie­her. 1877 schil­dert der His­to­ri­en­ma­ler An­ton von Wer­ner die­sen Auf­tritt vor Kai­ser Karl V. vol­ler Pa­thos. Lu­ther greift sich beim Spre­chen so­gar ans Herz, er kann ja nicht an­ders, als an sei­nen 95 The­sen ge­gen ei­ne kor­rup­te Kir­che und für den rech­ten Glau­ben fest­zu­hal­ten.

Die Rei­se nach Worms wur­de zum Tri­umph­zug, das fin­det in der Bil­der­welt des 19. Jahr­hun­derts noch ein­mal gro­ßen Wi­der­hall. Und von Wer­ner packt in sein Ge­mäl­de gleich noch ei­nen Aus­blick auf die na­he Zu­kunft: Di­rekt hin­ter Lu­ther ist der spa­ni­sche Her­zog von Al­ba zu se­hen, der 45 Jah­re spä­ter die Pro­tes­tan­ten in den Nie­der­lan­den gna­den­los ver­fol­gen wird. Et­was un­ter- halb blickt Kö­nig Chris­ti­an III. von Dä­ne­mark – er war 1421 tat­säch­lich auf dem Reichs­tag – fas­zi­niert auf den Red­ner. Als glü­hen­der Lu­the­ra­ner soll­te er die Re­for­ma­ti­on in sei­nen Län­dern ein­füh­ren.

Sol­che De­tails er­fährt man in Tho­mas R. Hoff­manns Buch „Lu­ther im Bild“, das die Ent­ste­hung ei­ner Iko­ne be­schreibt und mit vie­len Bei­spie­len aus der Kunst­ge­schich­te ver­an­schau­licht. Hier geht es nicht um neue Deu­tun­gen oder Er­kennt­nis­se, son­dern um die me­di­en­wirk­sa­men Fa­cet­ten ei­nes Su­per­stars, die Hoff­mann kom­pakt und gut nach­voll­zieh­bar zu­sam­men­fasst.

Bri­sanz Nie­mand wur­de im 16. Jahr­hun­dert so häu­fig ab­ge­bil­det wie Martin Lu­ther. Da­bei war es da­mals den obers­ten Schich­ten vor­be­hal­ten, sich por­trä­tie­ren zu las­sen. Schon das Selbst­bild­nis Al­brecht Dü­rers, ge­malt um 1500, galt als Af­front. Wenn al­so 1520 das ers­te in­di­vi­du­el­le Lu­ther-Por­trät die Wit­ten­ber­ger Werk­statt von Lu­cas Cra- nach d. Ä. ver­ließ, dann hat­te das ei­ne un­ge­mei­ne Bri­sanz. Es gibt vie­le wei­te­re Bei­spie­le aus die­ser Zeit, doch es sind die von Lu­thers Freund Lu­cas ge­schaf­fe­nen Pro­to­ty­pen, die in sa­gen­haf­ten Auf­la­gen um die Welt gin­gen und bis heu­te das Bild des Re­for­ma­tors prä­gen. Das geht los mit dem ein­fa­chen Au­gus­ti­ner­mönch, dem so ge­nann­ten „klei­nen Lu­ther“. Dann fol­gen der Ge­lehr­te mit auf­fal­len­dem Dok­tor­hut, der Auf­rüh­rer auf der Flucht in der Ver­klei­dung des welt­li­chen Jun­kers Jörg mit Bart, Jah­re spä­ter der ge­al­ter­te Glau­bens­kämp­fer und schließ­lich Lu­ther auf dem To­ten­bett.

Da­zwi­schen sind es aber auch die Dop­pel­por­träts, die rei­ßen­den Ab­satz fin­den. Die Hei­rat ei­nes ehe­ma­li­gen Or­dens­bru­ders und ei­ner ent­lau­fen Non­ne war 1525 ein hand­fes- ter Skan­dal und zugleich ein An­griff auf das Zö­li­bat. Der Theo­lo­ge traf da­mit ei­nen be­son­ders wun­den Punkt der Kir­che, in de­ren Rei­hen sich zahl­lo­se Geist­li­che be­fan­den, die mit ei­ni­ger Selbst­ver­ständ­lich­keit im Kon­ku­bi­nat leb­ten.

Vor­la­gen Die Me­dail­lons, die den Re­for­ma­tor und sei­ne klu­ge Hau­sund Ge­schäfts­frau Kat­ha­ri­na von Bo­ra zei­gen, wa­ren als Be­kennt­nis zur Ehe zu ver­ste­hen und so ge­fragt, dass sie in Se­rie gin­gen. Ver­mut­lich hat Cra­nach selbst die leicht ko­pier­ba­ren Vor­la­gen für sei­ne bes­tens aus­ge­bil­de­ten Ma­ler ge­zeich­net, die dann im Paus- und Scha­blo­nen­ver­fah­ren ver­viel­fäl­tigt wer­den konn­ten. Das Si­g­net des Meis­ters, die ge­flü­gel­te Schlan­ge mit dem Ring im Maul, kam auf je­des Ex­em­plar.

Und heu­te? Bis zum Ju­bi­lä­um 500 Jah­re Re­for­ma­ti­on wa­ren die Darstel­lun­gen über­schau­bar. Chris­toph Wet­zel et­wa hat 1999 noch ei­nen nach­denk­li­chen, alt­meis­ter­lich an­mu­ten­den „Lu­ther un­term Kreuz“ ge­malt. In­zwi­schen geht es eher pop­pig bunt zu. Da­für ste­hen vor al­lem die tau­send­fach pro­du­zier­ten ro­ten, blau­en, grü­nen und schwar­zen Plas­tik­pre­di­ger, die der Nürn­ber­ger Kon­zept­künst­ler Ott­mar Hörl 2010 in Wit­ten­berg ver­teilt hat. Seit­her ge­hen die Ein-Me­ter-Zwer­ge weg wie war­me Sem­meln und wer­den wohl nur noch vom Play­mo­bil-Lu­ther über­holt.

INFO Le­se­tipp

Tho­mas R. Hoff­mann: „Lu­ther im Bild“, Bel­ser Ver­lag, 16,99 Eu­ro.

Foto: akg-images

„Lu­ther auf dem Reichs­tag zu Worms“: 1877 ver­lieh der His­to­ri­en­ma­ler An­ton von Wer­ner die­sem Auf­tritt künst­le­ri­schen Aus­druck. Das Öl­ge­mäl­de ge­hört der Staats­ga­le­rie Stutt­gart.

500 Jah­re Re­for­ma­ti­on

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