Teu­re Ver­spre­chen von Uni­on und SPD

Durch­bruch bei Son­die­run­gen – Ei­ni­gung auf Re­ge­lun­gen bei Kran­ken­kas­sen, Fa­mi­li­en­nach­zug und In­ves­ti­tio­nen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - VORDERSEITE - Von un­se­rer Re­dak­ti­on

Die Spit­zen von Uni­on und SPD steu­ern mit ei­nem um­fang­rei­chen Kom­pro­miss zu Flücht­lin­gen, Ren­te und In­ves­ti­tio­nen auf ei­ne neue gro­ße Ko­ali­ti­on zu. In der SPD gibt es al­ler­dings star­ke Wi­der­stän­de. Die Par­tei­füh­rung will die zwei­feln­de Ba­sis un­ter an­de­rem mit den ge­plan­ten so­zia­len Ver­bes­se­run­gen und Mil­li­ar­den­aus­ga­ben des Bun­des über­zeu­gen. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) möch­te mög­li­che Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen bis zur Kar­ne­vals­zeit Mit­te Fe­bru­ar ab­schlie­ßen.

Par­tei­tag Mer­kel, SPD-Chef Mar­tin Schulz und der CSU-Vor­sit­zen­de Horst See­ho­fer ei­nig­ten sich am Frei­tag in Ber­lin nach ei­ner mehr als 24-stün­di­gen Schluss­run­de der Son­die­run­gen auf Gr­und­zü­ge der Zu­sam­men­ar­beit. Über den Start von Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ent­schei­det ein SPD-Par­tei­tag am 21. Ja­nu­ar. Über ei­ne neue gro­ßen Ko­ali­ti­on stim­men dann die SPD-Mit­glie­der ab. Die CDU will auf ei­nem Par­tei­tag ent­schei­den.

An­ders als von der SPD ge­for­dert soll es kei­ne Steu­er­er­hö­hun­gen ge­ben, aber ei­ne Ent­las­tung klei­ner und mitt­le­rer Ein­kom­men. Die ge­plan­te Rück­kehr zu von Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern ge­teil­ten Kran­ken­kas­sen­bei­trä­gen, ein hö­he­res Kin­der­geld und ei­ne Grund­ren­te für lang­jäh­ri­ge Ge­ring­ver­die­ner sol­len Ver­bes­se­run­gen für Mil­lio­nen Bür­ger brin­gen. Auch ge­plan­te Mil­li­ar­den­aus­ga­ben für Ki­tas, Schu­len, den Woh­nungs­bau und Kom­mu­nen ver­buch­ten SPD-Ver­tre­ter als Er­fol­ge. Ob­wohl die Wün­sche der drei Par­tei­en ins­ge­samt an die 100 Mil­li­ar­den Eu­ro teu­er ge­wor­den wä­ren, sol­le jetzt der fi­nan­zi­el­le Spiel­raum von bis zu 45 Mil­li­ar­den Eu­ro ein­ge­hal­ten wer­den, hieß es. Die Uni­on poch­te auf ei­nen Ver­zicht auf neue Schul­den.

Der Flücht­lings­zu­zug soll auf 180 000 bis 220 000 pro Jahr be­grenzt wer­den. Der Fa­mi­li­en­nach­zug für Flücht­lin­ge mit ein­ge­schränk­tem Schutz­sta­tus soll zu­nächst wei­ter aus­ge­setzt blei­ben, bis ei­ne Neu­re­ge­lung ge­fun­den ist, und dann auf 1000 Men­schen pro Mo­nat be­grenzt wer­den. Schulz zeig­te sich op­ti­mis­tisch, dass die SPD ihm fol­gen wird. „Ich glau­be, dass wir her­vor­ra­gen­de Er­geb­nis­se er­zielt ha­ben.“See­ho­fer sprach von ei­nem „Auf­bruch“, die Kanz­le­rin von ei­nem „Pa­pier des Ge­bens und des Neh­mens“.

Al­le drei Par­tei­vor­sit­zen­den sind nach mas­si­ven Ver­lus­ten bei der Bun­des­tags­wahl an­ge­schla­gen. Schulz will zu­sam­men mit der Par­tei­spit­ze in den nächs­ten Ta­gen bei der Ba­sis für ei­ne Neu­auf­la­ge der un­ge­lieb­ten gro­ßen Ko­ali­ti­on wer­ben. Die Ju­sos wol­len da­ge­gen Wi­der­stand mo­bi­li­sie­ren.

Re­ak­ti­on Ins­ge­samt sei das Pa­pier ak­zep­ta­bel, er­klär­te der Ho­hen­lo­her Ab­ge­ord­ne­te Chris­ti­an von Stet­ten (CDU). Er schränk­te aber ein: „In dem Son­die­rungs­pa­pier sind ei­ni­ge, die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on be­las­ten­de Punk­te fest­ge­schrie­ben, wel­che ich so nicht for­mu­liert hät­te.“Der SPD-Ab­ge­ord­ne­te Jo­sip Ju­ra­to­vic sprach von ei­ner ein­deu­tig so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Hand­schrift. Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron be­grüß­te die Ent­wick­lung. Er sei „glück­lich und zu­frie­den“, dass Mer­kel bei der Re­gie­rungs­bil­dung vor­an­schrei­ten kön­ne.

Ar­beit­ge­ber­prä­si­dent In­go Kra­mer kri­ti­sier­te die ge­plan­te Rück­kehr zur pa­ri­tä­ti­schen Fi­nan­zie­rung Kran­ken­ver­si­che­rung. Er be­deu­te ei­ne Mehr­be­las­tung der Wirt­schaft von fünf Mil­li­ar­den Eu­ro. Ei­ne Rück­kehr zu ei­nem pa­ri­tä­ti­schen Bei­trags­satz ha­be er­heb­li­che ne­ga­ti­ve Wir­kun­gen „auf das Wirt­schafts­wachs­tum und die Be­schäf­ti­gung“, warn­te auch der Heil­bron­ner Süd­west­me­tall-Ge­schäfts­füh­rer Rolf Blaett­ner: „Sie wird die Ar­beits­kos­ten wei­ter nach oben trei­ben und da­mit die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Un­ter­neh­men wei­ter be­ein­träch­ti­gen.“

Kom­men­tar „Re­al­po­li­tik“

„In dem Son­die­rungs­pa­pier sind ei­ni­ge, die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on be­las­ten­de Punk­te.“Chris­ti­an von Stet­ten

CDU, CSU und SPD sind sich ei­nig: „Wir wol­len si­chern, was gut ist, aber gleich­zei­tig den Mut zur Er­neue­rung und Ve­rän­de­rung be­wei­sen“, heißt es in der Prä­am­bel des 28sei­ti­gen Son­die­rungs­pa­piers, auf das sich die De­le­ga­tio­nen der drei Par­tei­en nach mehr als 24-stün­di­gen Ver­hand­lun­gen am frü­hen Frei­tag­vor­mit­tag ge­ei­nigt ha­ben. Das Wah­l­er­geb­nis ha­be ge­zeigt, „dass vie­le Men­schen un­zu­frie­den wa­ren“. Dar­aus wer­de man „die ent­spre­chen­den Schlüs­se“zie­hen. Im Ein­zel­nen ha­ben sich die bis­he­ri­gen und wahr­schein­lich auch künf­ti­gen Ko­ali­tio­nä­re auf fol­gen­de Schwer­punk­te ge­ei­nigt:

■ Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge: Die Uni­on setz­te sich mit ih­rer For­de­rung nach ei­ner Ober­gren­ze beim Zu­zug von Flücht­lin­gen durch. Künf­tig sol­len 180 000 bis 220 000 Men­schen pro Jahr auf­ge­nom­men wer­den. Der bis März aus­ge­setz­te Fa­mi­li­en­nach­zug bei Flücht­lin­gen mit sub­si­diä­rem Schutz wird so lan­ge wei­ter aus­ge­setzt, bis ei­ne Neu­re­ge­lung ge­fun­den ist. Da­nach soll er auf 1000 Men­schen pro Mo­nat be­grenzt wer­den. Asyl­ver­fah­ren wer­den künf­tig in zen­tra­len Auf­nah­me-, Ent­schei­dungs- und Rück­füh­rungs­zen­tren durch­ge­führt. Für Asyl­be­wer­ber herrscht Re­si­denz­pflicht, zu­dem sol­len Sach- statt Geld­leis­tun­gen ge­währt wer­den. Tu­ne­si­en, Al­ge­ri­en und Ma­rok­ko wer­den zu si­che­ren Her­kunfts­staa­ten er­nannt. Zur Re­ge­lung der ge­steu­er­ten Zu­wan­de­rung in den Ar­beits­markt wird ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz er­ar­bei­tet.

■ Steu­ern und Fi­nan­zen: Steu­er­er­hö­hun­gen für Be­zie­her gro­ßer Ein­kom­men, wie von der SPD ge­for­dert, wird es nicht ge­ben. Der Spit­zen­steu­er­satz bleibt bei 42 Pro­zent und bei 45 Pro­zent ab 250 000 Eu­ro. Der „So­li“wird bis 2021 schritt­wei­se um zehn Mil­li­ar­den Eu­ro ge­senkt.

■ So­zi­al­ab­ga­ben: Mit ih­rer For­de­rung nach Ab­schaf­fung der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung und Ein­füh­rung ei­ner Bür­ger­ver­si­che­rung konn­te sich die SPD nicht durch­set­zen. Da­ge­gen stimm­te die Uni­on zu, zur pa­ri­tä­ti­schen Bei­trags­fi­nan­zie­rung durch Ar­beit­ge­ber und Ar­beit- neh­mer zu­rück­zu­keh­ren. Der Zu­satz­bei­trag von durch­schnitt­lich 1,0 Pro­zent des Ein­kom­mens, den bis­lang al­lein die Ver­si­cher­ten be­zah­len muss­ten, wird ab­ge­schafft, die Bei­trags­zah­ler wer­den da­durch ent­las­tet, eben­so durch die Sen­kung des Bei­trags zur Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung um 0,3 Pro­zent­punk­te.

■ Ren­te: Das Ren­ten­ni­veau, das ei­gent­lich auf 45 Pro­zent sin­ken soll­te, bleibt bis 2025 bei 48 Pro­zent. Die Ren­ten­for­mel wird ge­än­dert, ei­ne Kom­mis­si­on soll sich mit der Zu­kunft der Ren­te be­schäf­ti­gen. Ziel ist ei­ne „dop­pel­te Hal­t­el­i­nie, die Bei­trä­ge und Ni­veau lang­fris­tig ab­si­chert“. Für Men­schen, die min­des­tens 35 Jah­re Bei­trä­ge be­zahlt und in die­ser Zeit Kin­der er­zo­gen oder An­ge­hö­ri­ge ge­pflegt ha­ben, soll es ei­ne so­li­da­ri­sche Grund­ren­te ge­ben, die zehn Pro­zent ober­halb des re­gio­na­len Grund­si­che­rungs­sat­zes liegt. Für Müt­ter, die vor 1992 Kin­der be­kom­men ha­ben, wird auch das drit­te Jahr an­ge­rech­net, zu­dem soll für die­se Müt­ter, die drei und mehr Kin­der zur Welt ge­bracht ha­ben, ei­ne Müt­ter­ren­te II ein­ge­führt. Für Selb­stän­di­ge wird ei­ne Pflicht zur Al­ters­vor­sor­ge ein­ge­führt. Zu­dem sol­len An­rei­ze zum frei­wil­li­gen län­ge­ren Ar­bei­ten ge­schaf­fen wer­den.

■ Pfle­ge: Die Ar­beits­be­din­gun­gen und die Be­zah­lung für Be­schäf­tig­te in der Al­ten- und Kran­ken­pfle­ge wer­den „so­fort und spür­bar“ver­bes­sert, un­ter an­de­rem durch ei­ne Be­zah­lung nach Ta­rif. In Pfle­ge­ein­rich­tun­gen sol­len 8000 neue Stel­len ge­schaf­fen wer­den. Kran­ken­häu­ser er­hal­ten mehr Geld, um die Ta­rif­er­hö­hun­gen der Pfle­ge­kräf­te be­zah­len zu kön­nen.

■ Fa­mi­lie: Das Kin­der­geld wird in zwei Schrit­ten um 25 Eu­ro pro Mo­nat er­höht – ab 1. Ju­li 2019 gibt es zehn Eu­ro mehr, ab 1. Ja­nu­ar 2021 noch ein­mal 15 Eu­ro mehr. Ent­spre­chend steigt auch der steu­er­li­che Frei­be­trag. Für ein­kom­mens­schwa­che Fa­mi­li­en wird der Kin­der­zu­schlag er­höht. Um das Be­treu­ungs­an­ge­bot für Fa­mi­li­en mit Kin­dern zu ver­bes­sern, wird ein Rechts­an­spruch auf Ganz­ta­ges­be­treu­ung im Grund­schul­al­ter ge­schaf­fen.

■ Schu­len und Bil­dung: Das Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot wird ge­lo­ckert, mit ei­nem na­tio­na­len Bil­dungs­rat, ei­ner ge­mein­sa­men Ein­rich­tung des Bun­des und der Län­der, sol­len die Bil­dungs­chan­cen von Kin­dern ver­bes­sert wer­den. Zu­dem will der Bund mehr Mit­tel be­reit­stel­len, um die Län­der bei ih­ren In­ves­ti­tio­nen in die Schu­len zu un­ter­stüt­zen, nicht nur bei der bau­li­chen Sa­nie­rung, son­dern künf­tig auch in Be­treu­ungs­an­ge­bo­te oder die Di­gi­ta­li­sie­rung. ■ Kli­ma­schutz: Uni­on und SPD be­ken­nen sich zwar zu den Kli­ma­zie­len von Paris, räu­men aber in­di­rekt ein, dass die selbst­ge­steck­ten Zie­le bei der Re­duk­ti­on des CO2-Aus­sto­ßes bis 2020 nicht mehr er­reicht wer­den kön­nen. Die Lü­cke soll al­ler­dings „so schnell wie mög­lich“ge­schlos­sen wer­den, un­ter an­de­rem durch ei­nen stär­ke­ren Aus­bau der er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en. Ei­ne vor- zei­ti­ge Ab­schal­tung von Koh­le­kraft­wer­ken ist nicht vor­ge­se­hen.

■ Ar­beits­markt: Wie be­reits im bis­he­ri­gen Ko­ali­ti­ons­ver­trag ver­ein­bart, soll es künf­tig ein Recht auf be­fris­te­te Teil­zeit und so­mit ei­nen An­spruch auf ei­ne Rück­kehr auf Voll­zeit ge­ben, al­ler­dings erst bei Un­ter­neh­men mit mehr als 45 Mit­ar­bei­tern. Uni­on und SPD be­ken­nen sich zum Ziel der Voll­be­schäf­ti­gung und wol­len mit ei­nem „ganz­heit­li­chen An­satz“Lang­zeit­ar­beits­lo­sen Per­spek­ti­ven er­öff­nen.

■ Woh­nungs­bau: Um die Woh­nungs­not zu be­he­ben, sol­len 1,5 Mil­lio­nen neue Woh­nun­gen vor al­lem in Bal­lungs­räu­men ge­baut wer­den. Das Wohn­geld wird an­ge­passt, um den Miet­preis­an­stieg zu dämp­fen, wird die Mo­der­ni­sie­rungs­um­la­ge auf die Mie­ter ge­senkt.

■ In­ne­re Si­cher­heit: Die Zahl der Po­li­zis­ten soll um ins­ge­samt 15 000 stei­gen, 7500 im Bund, 7500 in den Län­dern, zu­dem sol­len 2000 neue Stel­len in der Jus­tiz ge­schaf­fen wer­den. Um Zo­nen un­ter­schied­li­cher Si­cher­heit in Deutsch­land zu ver­hin­dern, soll ein ge­mein­sa­mes Mus­ter­po­li­zei­ge­setz er­ar­bei­tet wer­den, auch beim Um­gang mit ter­ro­ris­ti­schen Ge­fähr­dern soll es ge­mein­sa­me Stan­dards und kla­re Zu­stän­dig­keits­re­geln ge­ben.

■ Äu­ße­re Si­cher­heit: Die Aus­ga­ben für die Bun­des­wehr sol­len er­höht wer­den, al­ler­dings fin­det sich das Zwei-Pro­zent-Ziel der Na­to im Son­die­rungs­er­geb­nis nicht. Die Rüs­tungs­ex­por­te will die Ko­ali­ti­on wei­ter be­gren­zen, die Bun­des­re­gie­rung wird „ab so­fort“kei­ne Aus­fuh­ren an Län­der ge­neh­mi­gen, die sich am Je­men-Krieg be­tei­li­gen. Das be­trifft vor al­lem Sau­di-Ara­bi­en.

■ Eu­ro­pa: Die EU und die Eu­ro­zo­ne sol­len um­fas­send re­for­miert wer­den. Um die EU fi­nan­zi­ell zu stär­ken, ist Deutsch­land be­reit, mehr Geld in den EU-Haus­halt zu zah­len.

■ Ver­kehr: Um Fahr­ver­bo­te in den In­nen­städ­ten zu ver­hin­dern, will der Bund deut­lich mehr Mit­tel für den Aus­bau des öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs so­wie zur För­de­rung der Elek­tro­mo­bi­li­tät zur Ver­fü­gung stel­len.

Fo­tos: dpa

Of­fen­bar ha­ben sich die Ver­hand­ler auf Re­ge­lun­gen beim Fa­mi­li­en­nach­zug für Flücht­lin­ge so­wie bei der Ren­te ge­ei­nigt.

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