Das stän­di­ge Fei­len am Klang

Di­ri­gent Ma­riss Jan­sons wird 75 Jah­re alt

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - KULTUR - Von Georg Et­scheit, dpa

Im ver­gan­ge­nen Som­mer war Ma­riss Jan­sons wie­der ganz in sei­nem Ele­ment. Bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len di­ri­gier­te der let­ti­sche Ma­e­s­tro ei­ne sei­ner Lieb­lings­opern: Dmi­tri Schosta­ko­witschs „La­dy Mac­beth von Mzensk“. Ju­bel war dem Di­ri­gen­ten da­nach ge­wiss. Denn all­zu oft er­lebt man Jan­sons, der an die­sem Sonn­tag 75 Jah­re alt wird, nicht bei ei­ner Opern­auf­füh­rung – ob­wohl ihm die­ses Gen­re am meis­ten liegt. Für Jan­sons ver­bin­det sich mit der Oper ei­ne Grenz­er­fah­rung. 1996 er­litt er bei ei­ner Auf­füh­rung von Puc­ci­nis „La Bo­hè­me“ei­nen Herz­in­farkt, den er nur knapp über­leb­te. Fast hät­te er das Schick­sal sei­nes Va­ters ge­teilt: Ar­vids Jan­sons, ein in der So­wjet­uni­on ge­fei­er­ter Di­ri­gent, war 1984 ei­nem am Pult er­lit­te­nen Herz­in­farkt er­le­gen.

Er­in­ne­run­gen an die­ses ein­schnei­den­de Er­leb­nis wur­den im ver­gan­ge­nen Ok­to­ber wie­der wach, als Jan­sons bei ei­nem Auf­tritt mit den BR-Sym­pho­ni­kern in Re­gens­burg ei­nen Schwä­che­an­fall er­litt. Doch im No­vem­ber lei­te­te er schon wie­der ei­ne um­ju­bel­te Auf­füh­rung von An­ton Bruck­ners mo­nu­men­ta­ler 8. Sym­pho­nie in Mün­chen.

Wor­kaho­lic Jan­sons gilt als de­tail­ver­ses­se­ner Ar­bei­ter, als künst­le­ri­scher Wor­kaho­lic, den kaum et­was hin­ter sei­nen Par­ti­tu­ren her­vor­zu­ho­len ver­mag. Manch­mal ge­lingt es sei­ner Frau Iri­na, die ihn stets be­glei­tet, und neu­er­dings sei­nem klei­nen Hund. „Ei­nen Hund zu ha­ben ist fan­tas­tisch“, ge­stand er jüngst. Star­al­lü­ren, Ei­tel­keit, ar­ro­gan­te Selbst­be­spie­ge­lung sind Jan­sons fremd. Da­für liegt ihm der Dia­log mit sei­nen Mu­si­kern und auch mit der Öf­fent­lich­keit am Her­zen. Zu sei­nen wich­tigs­ten The­men ab­seits des Mu­sik­ma­chens zähl­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sein Ein­satz für ei­nen neu­en Kon­zert­saal in Mün­chen.

Der 1943 im let­ti­schen Ri­ga ge­bo­re­ne Jan­sons zählt zu den be­deu­tends­ten Di­ri­gen­ten­per­sön­lich­kei­ten welt­weit. Nach Stu­di­en un­ter an­de­rem bei Her­bert von Ka­ra­jan in Salz­burg mach­te der le­gen­dä­re rus­si­sche Di­ri­gent Jew­ge­ni Mra­win­ski 1973 den ge­ra­de 30-Jäh­ri­gen zu sei­nem As­sis­ten­ten. Der Chef der Le­nin­gra­der Phil­har­mo­ni­ker präg­te Stil und Re­per­toire des jun­gen let­ti­schen So­wjet­bür­gers ent­schei­dend. Seit­her wird Jan­sons der rus­si­schen Schu­le zu­ge­rech­net.

Auf­bau­ar­beit 1979 über­nahm Jan­sons die Os­lo­er Phil­har­mo­ni­ker. In gut 20-jäh­ri­ger Auf­bau­ar­beit form­te er aus dem Pro­vinz­or­ches­ter ei­nen welt­be­kann­ten Klang­kör­per und mach­te auch durch viel­fach ge­lob­te CD-Ein­spie­lun­gen auf sich auf­merk­sam. 1997 über­nahm er zu­dem von Lo­rin Maa­zel die Lei­tung des Pitts­burgh Sym­pho­ny Orches­tra. 2003 wech­sel­te er, wie­der als Nach­fol­ger Maa­zels, zum Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks, dem er ei­nen bis heu­te an­dau­ern­den Hö­hen­flug be­schert. Die 2004 zu­sätz­lich über­nom­me­ne Lei­tung des Ams­ter­da­mer Con­cert­ge­bouw Orches­ters hat er 2015 ab­ge­ge­ben.

Sein Ver­trag mit den BR-Sym­pho­ni­kern läuft bis 2021. Ob Jan­sons „sei­nen“neu­en Münch­ner Kon­zert­saal noch als de­ren Chef­di­ri­gent er­öff­nen wird, ist un­ge­wiss.

Fo­to: dpa

Ma­riss Jan­sons

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