Ablen­kung

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Ost (O / Ost-Ausgabe) - - VORDERSEITE - Von Mar­tin Ferber

An­ge­la Mer­kel pro­fi­tiert von den Que­re­len in­ner­halb der SPD, die al­les über­la­gern. Auf­trit­te in Bier­zel­ten und gro­ßen Hal­len sind ih­re Sa­che nicht. An­ge­la Mer­kel weiß nur all­zu gut, dass selbst nach zwölf Jah­ren im Amt der Bun­des­kanz­le­rin ih­re rhe­to­ri­schen Mittel eher be­grenzt sind, um in die­ser eben­so schwie­ri­gen wie an­spruchs­vol­len Um­ge­bung zu be­ste­hen. Den po­li­ti­schen Ascher­mitt­woch in Nie­der­bay­ern mit sei­nen Ri­tua­len, sei­nen der­ben Sprü­chen, Kraft­aus­drü­cken und dem Nie­der­ma­chen des po­li­ti­schen Geg­ners mei­det sie kon­se­quent, statt­des­sen tritt sie in ih­rer meck­len­bur­gi­schen Hei­mat auf, wo sie mit ih­rer sprö­den und küh­len Art an­kommt.

Da­bei könn­ten in die­sem Jahr die Sä­le gar nicht groß ge­nug sein. An­ge­la Mer­kel hät­te viel zu er­klä­ren, in der CDU herr­schen Un­ru­he und Un­si­cher­heit, es bro­delt an der Ba­sis, und der Druck ist ge­wal­tig. Doch Kom­mu­ni­ka­ti­on ist Mer­kels Stär­ke nicht, war es noch nie. Mit ih­rem Auf­tritt im un­ge­lieb­ten Fern­seh­stu­dio glaubt sie, ge­nug er­klärt zu ha­ben, mit der No­mi­nie­rung von ei­ni­gen Jün­ge­ren für Ka­bi­netts­pos­ten hofft sie, die Kri­tik zu ent­schär­fen und ins Lee­re lau­fen zu las­sen. Ty­pisch Mer­kel eben.

Ihr größ­tes Glück der­zeit – die SPD zieht mit ih­ren nicht en­den wol­len­den Per­so­nal­que­re­len die ge­sam­te öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit auf sich und lenkt von den in­ter­nen De­bat­ten der CDU ab. Wäh­rend sich die SPD auf of­fe­ner Büh­ne zer­legt und ihr Lei­den an der GroKo und sich sel­ber als gro­ßes Dra­ma in­sze­niert, duckt sich Mer­kel im Schat­ten von Schulz und Ga­b­ri­el, Nah­les und Scholz weg und setzt auf den Er­mü­dungs­ef­fekt. Kurz­fris­tig mag ih­re Stra­te­gie auf­ge­hen, Ge­schlos­sen­heit war in der Uni­on schon im­mer ein ho­hes Gut, fürs Re­gie­ren ist man be­reit, Kom­pro­mis­se ein­zu­ge­hen.

Lang­fris­tig aber muss Mer­kel ih­rer Par­tei mehr bie­ten als ein halb­her­zi­ges „Ich ha­be ver­stan­den“. Denn ist erst ein­mal die neue SPDSpit­ze im Amt, ha­ben die So­zi­al­de­mo­kra­ten be­reits hin­ter sich, was die Christ­de­mo­kra­ten noch vor sich ha­ben – den Er­neue­rungs­pro­zess.

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