Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Ost (O / Ost-Ausgabe) - - WIRTSCHAFT · ROMAN -

Im Ge­gen­teil. Gu­ten Abend, gu­ten Abend, wur­den sie bei ih­rem Ein­tre­ten von meh­re­ren Kun­den be­grüßt. Gu­ten Abend, Doktor. Schön, Sie wie­der bei uns zu se­hen, Don Ma­nu­el.

Nach ei­ner be­schei­de­nen Abend­mahl­zeit in der Jung­ge­sel­len­woh­nung des Arz­tes hat­ten sie sich ver­ge­wis­sert, dass dieGo­ros­tiza wei­ter­hin schlief, die Mu­latt­in ne­ben­an ruh­te und San­tos Hu­e­sos im Flur Nacht­wa­che hal­ten wür­de. Und da sie da­von aus­ge­hen konn­ten, dass sich bis zum Mor­gen nichts Un­er­war­te­tes er­eig­ne­te, hat­te Ma­nu­el Ysa­si ihm vor­ge­schla­gen, drau­ßen ein we­nig Luft zu schnap­pen.

»Sie kön­nen wohl Ge­dan­ken le­sen, Doktor.«

»Wo sich die ge­ho­be­ne Ge­sell­schaft ver­gnügt, wis­sen Sie ja schon. Was hal­ten Sie da­von, wenn ich Ih­nen jetzt das an­de­re Je­rez zei­ge?«

Und so wa­ren sie in die­ser Ta­ver­ne an der Pla­za de la Cruz Vie­ja ge­lan­det, in ei­nem Vier­tel, das frü­her ein­mal ein au­ßer­halb der Stadt­mau­er ge­le­ge­ner Vo­r­ort und jetzt Teil der Süd­stadt war.

Sie setz­ten sich ein­an­der ge­gen­über an ei­nen der we­ni­gen frei­en Ti­sche un­ter dem Licht der Öllam­pen, nicht weit vomT­re­sen. An der Wand da­hin­ter reih­te sich ein brei­tes Sor­ti­ment von Fla­schen und Wein­fäs­sern; ein jun­ger Mann, noch kei­ne zwan­zig, trock­ne­te schwei­gend und ernst Ge­schirr ab und warf der jun­gen Gi­ta­na schmach­ten­de Bli­cke zu. Sie dreh­te wei­ter Zi­ga­ret­ten, oh­ne auf­zu­schau­en.

Er war so­fort zur Stel­le und brach­te un­auf­ge­for­dert zwei schma­le Glä­ser mit ei­ner bern­stein­far­be­nen Flüs­sig­keit.

»Wie geht es dei­nem Va­ter, Klei­ner?«

»Na ja, nicht be­son­ders gut. Er will sich nicht so recht­er­ho­len.«

»Sag ihm, ich kom­me am Mon­tag mal nach ihm se­hen. Er soll wei­ter Sen­fum­schlä­ge ma­chen und die Dämp­fe vonPi­ni­en­sud in­ha­lie­ren.«

»Ich rich­te es ihm aus, Don Ma­nu­el.«

Der Jun­ge war noch nicht ge­gan­gen, als ein Gast mit di­cken Ko­te­let­ten und Au­gen wie schwar­ze Oli­ven an den Tisch trat.

»Noch zwei für den Doktor und sei­nen Be­glei­ter, Tomás, auf mei­ne Rech­nung, heu­te ge­hen die auf mich.«

»Lass gut sein, Rai­mun­do, nicht nö­tig«, wehr­te Ysa­si ab.

»Und ob, Don Ma­nué, bei al­lem, was ich Ih­nen schul­dig bin.«

Dann wand­te er sich an Mau­ro Lar­rea.

»Die­sem Mann ver­dan­ke ich das Le­ben von mei­nem Sohn, falls Sie das nicht wis­sen. Das gan­ze Le­ben von mei­nem klei­nen Jun­gen, der so krank war, furcht­bar krank.«

In die­sem Mo­ment feg­te ei­ne Frau her­ein. Sie trug das Haar in ei­nem stram­men Kno­ten, Hanf­schu­he und ein gro­bes Um­schlag­tuch aus bil­li­gem Stoff, blick­te sich auf­ge­regt nach al­len Sei­ten um, und kaum hat­te sie den Doktor ent­deckt, pflanz­te sie sich nach drei schnel­len Schrit­ten vor ihm auf.

»Ach, Don Ma­nué, Don Ma­nué, kom­men Sie ein Mo­ment­chen mit mir und se­hen Sie sich mei­nen Am­bro­sio an, ich bit­te Sie, nur ein Mo­ment­chen«, fleh­te sie. »Man hat mir ge­sagt, dass Sie auf dem Weg hier­her sind, und da bin ich gleich los, um Sie zu ho­len, Doktor, er ist am Ster­ben. Heu­te Nach­mit­tag hat er in al­ler Ru­he sei­ne Stroh­kör­be ge­floch­ten, und auf ein­mal war er ganz ko­misch.« Sie grub ih­re Fin­ger wie Klau­en in die Hand des Arz­tes und zerr­te dar­an. »Kom­men Sie ein Mo­ment­chen, Don Ma­nué, um Him­mels wil­len bit­te ich Sie, es ist gleich ne­ben­an, bei der Kir­che.«

»War wohl kein gu­ter Zeit­punkt, aus­ge­rech­net hier ein­zu­keh­ren, Mau­ro«, knurr­te der Doktor und ent­riss der Frau en­er­gisch sei­ne Hand. »Könn­ten Sie mich wohl für ei­ne Vier­tel­stun­de ent­schul­di­gen?«

Mau­ro konn­te ge­ra­de noch sa­gen, klar, Doktor, kein Pro­blem, da war Ma­nu­el Ysa­si schon an der Tür, warf sich denSchul­ter­man­tel um und folg­te der auf­ge­lös­ten Frau nach drau­ßen.

Der Kell­ner stell­te zwei wei­te­re Glä­ser Wein auf den Tisch und wid­me­te sich dann wie­der sei­ner Ar­beit hin­ter der The­ke und sei­nen sehn­suchts­vol­len Bli­cken. Der an­de­reGast kehr­te zu sei­ner Grup­pe am En­de des Rau­mes zu­rück, wo je­mand auf der Gi­tar­re zum Klat­schen sei­nes Ne­ben­manns klim­per­te, wäh­rend ein drit­ter mit sach­ter Stim­me ei­ne Co­p­la über ge­schei­ter­te Lie­be an­stimm­te.

Mau­ro war fast froh, al­lein da­sit­zen und den Wein ge­nie­ßen zu kön­nen, oh­ne mit je­man­dem re­den zu müs­sen. Oh­ne zu schau­spie­lern, oh­ne zu lü­gen.

Al­ler­dings währ­te die­se Freu­de nicht lan­ge.

»Ich ha­be ge­hört, Sie hät­ten jetzt das Haus vom Dä­um­ling.«

Er wieg­te sein Glas in der Hand, be­trach­te­te den Ma­ha­go­ni­ton des Wei­nes und war so ver­sun­ken, dass er nicht mit­be­kom­men hat­te, wie sich die al­te Zi­geu­ne­rin ei­nen Ho­cker her­an­rück­te. Oh­ne um Er­laub­nis zu fra­gen, setz­te sie sich im rech­ten Win­kel zu ihm an den Tisch. Aus der Nä­he sah sie noch ver­leb­ter aus als von wei­tem, ih­re Haut wie ge­gerb­tes, tief zer­furch­tes Le­der, ihr schüt­te­res, öli­ges Haar zu ei­nem win­zi­gen Dutt ge­steckt. Von den Oh­ren bau­mel­ten lan­ge Kreo­len aus Koral­len, die ihr die Ohr­läpp­chen bis un­ter­halb des Kinns zo­gen.

»Und dass Don Lui­si­to das Zeit­li­che ge­seg­net hat, das hab ich auch ge­hört, Gott sei ihm gnä­dig. Er hat im­mer gern ei­nen drauf­ge­macht, ob­wohl er so ein klei­ner Wicht war, aber zu­letzt wirk­te er arg ge­knickt.

Fort­set­zung folgt

Aus dem Spa­ni­schen von Pe­tra Zick­mann

Wenn ich jetzt nicht ge­he Von Ma­ría Du­e­ñas © 2017 In­sel Ver­lag 124. Fort­set­zung

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