Mei­nungs­star­ker Dis­si­dent und Kos­mo­po­lit

Schrift­stel­ler Györ­gy Kon­rad wird am Mon­tag 85

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Ost (O / Ost-Ausgabe) - - KULTUR -

„In je­ner Zeit, in den Jah­ren der Dik­ta­tur, sind wir Abend für Abend emi­griert, in­dem wir la­sen“, schreibt der Schrift­stel­ler Györ­gy Kon­rad in sei­nen jüngst er­schie­ne­nen Ro­man-Me­moi­ren. „An­stel­le der fal­schen Re­de, die in die Woh­nung ein­drang, trans­fe­rier­te mich die wah­re Re­de in ei­ne an­de­re Welt. Ein gu­tes Buch in mei­ner Ta­sche war ein Qu­ell des Ge­nus­ses, so wie für den Halb­wüch­si­gen die Kon­di­to­rei oder das Bor­dell ei­ner war.“

Ho­lo­caust Kon­rad, der am Mon­tag 85 Jah­re alt wird, über­leb­te als Kind den Ho­lo­caust, dem fast al­le Ju­den aus sei­nem Ge­burts­ort Be­ret­ty­ou­j­fa­lu in Os­t­un­garn zum Op­fer fie­len. Bis zu sei­nem 56. Le­bens­jahr leb­te er un­ter dem kom­mu­nis­ti­schen Re­gime. Er zähl­te zu des­sen pro­mi­nen­tes­ten Dis­si­den­ten. Als stu­dier­ter So­zio­lo­ge ar­bei­te­te der

Sohn ei­nes Ei­sen­händ­lers in der Haupt­stadt Bu­da­pest in der Ju­gend­für­sor­ge und für die Stadt­ver­wal­tung. Das Ro­man­de­büt „Der Be­su­cher“ver­öf­fent­lich­te er 1969. Der scho­nungs­lo­se Blick auf die of­fi­zi­ell ver­leug­ne­ten Zo­nen des Elends im Re­al­so­zia­lis­mus brach­te ihn zu­neh­mend in Op­po­si­ti­on zum Re­gime. Die zu­sam­men mit Ivan Szele­nyi ver­fass­te sys­tem­kri­ti­sche so­zio­lo­gi­sche Ana­ly­se „Die In­tel­li­genz auf dem Weg zur Klas­sen­macht“konn­te nur im Un­ter­grund er­schei­nen. Kon­rad han­del­te sich da­mit in Un­garn ein weit­ge­hen­des Ver­öf­fent­li­chungs- und Rei­se­ver­bot ein, konn­te aber mit der Zeit im Wes­ten pu­bli­zie­ren.

Leich­tig­keit Kon­rads Ro­ma­ne und es­say­haf­te Er­zäh­lun­gen – spä­ter folg­ten un­ter an­de­rem „Geis­ter­fest“(1986), „Me­lin­da und Dra­go­man“(1991), „Glück“(2003), „Son­nen­fins­ter­nis auf dem Berg“(2005) und „Das Buch Kal­li­ga­ro“(2007). Mit spie­le­ri­scher Leich­tig­keit schafft sich Kon­rad sei­ne ei­ge­nen er­zäh­le­ri­schen Ge­set­ze, fügt Por­träts, An­ek­do­ten und Ab­hand­lun­gen in den Er­zähl­fluss ein.

Im­mer wie­der er­hebt er sei­ne Stim­me, wenn er die Men­schen­rech­te und Gr­und­frei­hei­ten ge­fähr­det sieht. Im ei­ge­nen Land, wo der mar­kant rechts­ori­en­tier­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Vik­tor Or­ban seit 2010 mit au­to­ri­tä­ren Me­tho­den und po­pu­lis­ti­scher Rhe­to­rik re­giert, kön­nen sei­ne Ein­wür­fe mit den Ent­wick­lun­gen kaum mehr Schritt hal­ten.

Fo­to: dpa

Györ­gy Kon­rad

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