Re­gi­on

Lei­te­rin­nen von Pro Fa­mi­lia in Heil­bronn über Ab­trei­bun­gen und ein um­strit­te­nes Ge­setz

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Ost (O / Ost-Ausgabe) - - VORDERSEITE - Von un­se­rer Re­dak­teu­rin Hei­ke Kin­kopf

Ein Fuß­gän­ger, der mor­gens auf der L 1110 bei Eppingen läuft, stirbt bei ei­nem Un­fall.

Ei­ne Ärz­tin aus Hes­sen gibt auf ih­rer Web­site an, dass sie Schwan­ger­schafts­ab­brü­che vor­nimmt. Da­für wird sie zu ei­ner Geld­stra­fe von 6000 Eu­ro ver­ur­teilt. Sie hat ge­gen den Pa­ra­gra­fen 219a des Straf­ge­setz­buchs ver­sto­ßen. Andrea Specht und Sa­bi­ne Hön­ni­ge for­dern die Ab­schaf­fung des Pa­ra­gra­fen. Die Di­plom-So­zi­al­päd­ago­gin­nen lei­ten die Be­ra­tungs­stel­le Pro Fa­mi­lia in Heil­bronn. Ih­re Sor­ge ist, dass Ab­trei­bungs­geg­ner an Ein­fluss ge­win­nen.

Hat Sie die Ver­ur­tei­lung der Ärz­tin über­rascht?

Andrea Specht: Ja, sehr. In der Ver­gan­gen­heit kam es schon häu­fi­ger vor, dass Ab­trei­bungs­geg­ner ver­such­ten, Ärz­te zu dif­fa­mie­ren und an­zu­kla­gen. Nur kam es nie zu ei­ner Ver­ur­tei­lung. Das Ur­teil, das in zwei­ter In­stanz be­stä­tigt wur­de, hat mich aber nicht nur über­rascht, son­dern auch be­trof­fen ge­macht.

Wie­so?

Specht: Bis­lang war die Recht­spre­chung so, dass al­len Fach­leu­ten, Mit­ar­bei­tern von Be­ra­tungs­stel­len, Ärz­ten und Ju­ris­ten, klar war, dass ei­ne In­for­ma­ti­on ge­ge­ben und kei­ne Wer­bung ge­macht wird. Das Ur­teil sagt nun, dass Ärz­te, die ih­re Ar­beit ma­chen und dar­über in­for­mie­ren, ver­ur­teilt wer­den kön­nen. Das stellt nicht nur den Ar­beits­auf­trag von Ärz­ten in­fra­ge, son­dern auch un­se­re Be­ra­tungs­tä­tig­keit.

Sa­bi­ne Hön­ni­ge: In der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on wer­den zwei Din­ge ver­mischt. Zum ei­nen geht es um den Pa­ra­gra­fen 219, der die Be­ra­tungs­tä­tig­keit re­gelt und der sagt: Frau­en kön­nen bis zur zwölf­ten Schwan­ger­schafts­wo­che ei­nen Ab­bruch vor­neh­men las­sen, wenn sie da­vor zu ei­ner Be­ra­tung ge­hen, die er­geb­nis­of­fen ist. Zum an­de­ren geht es um den um­strit­te­nen Pa­ra­gra­fen 219a. Da­rin heißt es, dass kei­ne Wer­bung für Schwan­ger­schafts­ab­brü­che ge­macht wer­den darf.

Wenn ei­ne Ärz­tin auf ih­rer Web­site Leis­tun­gen auf­lis­tet, zu de­nen ein Schwan­ger­schafts­ab­bruch ge­hört, ist das mei­nes Erach­tens ei­ne sach­li­che In­for­ma­ti­on und kei­ne Wer­bung.

Be­für­wor­ter des Ge­set­zes sa­gen, der Schutz des un­ge­bo­re­nen Le­bens sei hoch­zu­hal­ten.

Hön­ni­ge: Es gibt ein star­kes Schutz­kon­zept für das un­ge­bo­re­ne Le­ben, und das ist sehr gut so. Nur: Die­ser Schutz ist klar im Be­ra­tungs­pa­ra­graf 219 ge­re­gelt, nicht in 219a. Ge­hört der 219a ab­ge­schafft? Hön­ni­ge: Wir hät­ten gern die Strei­chung des Pa­ra­gra­fen, weil man ihn nicht braucht. Wir be­fürch­ten ei­ne Ver­ur­tei­lung und Kri­mi­na­li­sie­rung von Ärz­ten und Ärz­tin­nen.

In Pforz­heim kam es in die­sem Jahr zu De­mons­tra­tio­nen di­rekt vor der ProFa­mi­lia-Be­ra­tungs­stel­le.

Specht: Bei den De­mons­tra­tio­nen spre­chen sich Men­schen für rück­wärts­ge­wand­te re­pro­duk­ti­ve Dog­men aus. Sie sind of­fen­kun­dig nicht mit den gel­ten­den Re­ge­lun­gen für ei­nen mög­li­chen Schwan­ger­schafts­ab­bruch ein­ver­stan­den und sie wol­len po­li­tisch an Ein­fluss ge­win­nen. Ich se­he Par­al­le­len bei­spiels­wei­se zu Men­schen, die ge­gen die Se­xu­al­er­zie­hung in Schu­len, die se­xu­el­le Viel­falt und die Ho­moEhe zu Fel­de zie­hen.

Wie se­hen Sie sol­che Ent­wick­lun­gen?

Specht: Ich ha­be schon die Sor­ge, dass Ent­wick­lun­gen zu­rück­ge­dreht wer­den könn­ten und die Rech­te von Frau­en be­schnit­ten wer­den. Die Grup­pe der Men­schen, die das an­strebt, ist mit Si­cher­heit sehr klein und spie­gelt nicht die Mehr­heit un­se­rer Ge­sell­schaft wi­der. Sie ist aber viel, viel lau­ter als die Mehr­heit. Steht die Ab­trei­bungs­de­bat­te in ei­ner Rei­he mit an­de­ren kon­ser­va­ti­ven Strö­mun­gen?

Hön­ni­ge: Wir ha­ben auf der ei­nen Sei­te ei­ne gro­ße ge­sell­schaft­li­che Of­fen­heit ge­gen­über der se­xu­el­len Viel­falt, ge­nau­so selbst­ver­ständ­lich ist das Selbst­be­stim­mungs­recht von Frau­en. Auf der an­de­ren Sei­te gibt es aber sehr wohl Men­schen mit gro­ßer Angst vor se­xu­el­ler Selbst­be­stim­mung. Dort stel­len wir ei­nen Roll­back fest, der sich ge­gen die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung und ge­gen die Ei­gen­ver­ant­wor­tung wen­det. Sie be­fürch­ten ei­ne Zü­gel­lo­sig­keit mit der Fol­ge, dass Frau­en und Män­ner Sex ha­ben, nicht mehr ver­hü­ten und ein­fach ei­nen Ab­bruch vor­neh­men, wenn sie schwan­ger wer­den.

Ist das denn ei­ne Er­fah­rung, die Sie mit Frau­en ma­chen, die in Ih­re Be­ra­tungs­stel­le kom­men?

Specht: Das ist über­haupt nicht un­se­re Er­fah­rung.

Hön­ni­ge: Vie­le Frau­en schä­men sich, dass sie un­ge­wollt schwan­ger sind. Sie sa­gen: „Jetzt bin ich ja schon 30, ich müss­te doch wis­sen, wie es geht.“Da­bei soll­te kei­ner ver­ges­sen, dass es kein zu 100 Pro­zent si­che­res Ver­hü­tungs­mit­tel gibt. Frau­en in Kon­flikt­si­tua­tio­nen ha­ben häu­fig die Fa­mi­li­en­pla­nung ab­ge­schlos­sen. Sie ha­ben be­reits Kin­der und wol­len kein wei­te­res. Fi­nan­zi­el­le Aspek­te spie­len ei­ne Rol­le. Frau­en möch­ten nicht al­lein­er­zie­hend sein und Män­ner ste­hen oft nicht zu ih­rer Ver­ant­wor­tung. Oft geht es um die per­sön­li­che Le­bens­pla­nung. Mal füh­len sich Frau­en schon zu alt für ein Kind, mal wol­len sie erst ih­re Aus­bil­dung be­en­den, da­mit sie für ein Kind auch fi­nan­zi­ell sor­gen kön­nen. Die­se Frau­en über­le­gen: Was kann ich ver­ant­wor­ten? Das bringt sie in den Kon­flikt.

Wie ent­wi­ckelt sich die Zahl der Schwan­ger­schafts­ab­brü­che? Hön­ni­ge: Wenn man es über die Jah­re be­trach­tet, ist die Zahl der Ab­brü­che bun­des­weit ab­neh­mend. Was un­se­re Be­ra­tungs­stel­le an­geht, kön­nen wir sa­gen: Seit vie­len Jah­ren kom­men re­la­tiv kon­stant et­wa 1000 schwan­ge­re Frau­en und Män­ner zum The­ma Schwan­ger­schaft zur Hil­fen­be­ra­tung. Von ih­nen be­nö­ti­gen et­wa 400 ei­ne Kon­flikt­be­ra­tung, bei der wir hin­ter­her nicht wis­sen, wie sich die Frau ent­schei­den wird. Bei cir­ca 600 Schwan­ge­ren­be­ra­tun­gen geht es je­doch über­haupt nicht um die Fra­ge: Ab­trei­bung ja oder nein? Die meis­ten Schwan­ge­ren wol­len das Kind und brau­chen ein­fach Hil­fe.

„Es gibt ein star­kes Schutz­kon­zept für das un­ge­bo­re­ne Le­ben.“Sa­bi­ne Hön­ni­ge

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