Punk­te­sys­tem soll Men­schen ver­bes­sern

Di­gi­ta­le Über­wa­chung wird aus­ge­baut – In­di­vi­du­el­les Ver­hal­ten ent­schei­det über Zu­kunfts­chan­cen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Ost (O / Ost-Ausgabe) - - HINTERGRUND - Von Andre­as Land­wehr, dpa

Yu Gan­qing ist ge­nervt, dass er heu­te ins Bür­ger­amt muss. Sei­ne Ar­beit un­ter­bre­chen, Din­ge lie­gen­las­sen. Aber an­ders geht es nicht. Yu Gan­qing be­nö­tigt ei­ne Be­schei­ni­gung über sei­ne „so­zia­le Ver­trau­ens­wür­dig­keit“. Das Füh­rungs­zeug­nis muss sich der 30Jäh­ri­ge auf dem Bür­ger­amt in Rong­cheng aus­dru­cken las­sen. Es ent­hält ei­nen Punk­te­stand. Die­se Be­no­tung er­rech­nen die Be­hör­den mit ei­nem welt­weit bei­spiel­lo­sen So­zi­al­kre­dit-Sys­tem, das die kom­mu­nis­ti­sche Füh­rung bis 2020 in ganz Chi­na ein­füh­ren will. Es trennt zwi­schen gu­ten und schlech­ten Bür­gern. „Ich brau­che das Pa­pier, um den Kre­dit für ei­ne Woh­nung zu be­an­tra­gen“, sagt der An­ge­stell­te.

Die ost­chi­ne­si­sche Küs­ten­stadt am Gel­ben Meer wirbt mit dem Spruch „At­me frei, fühl dich frei in Rong­cheng“. Sie ist ein Win­ter­pa­ra­dies für Schwä­ne. Seit gut zwei Jah­ren ge­hört der Ort in der Pro­vinz Shan­dong zu den Vor­rei­tern von über 40 Pi­lot­pro­jek­ten für das Re­gis­ter. Der Zen­tral­com­pu­ter sam­melt Da­ten von 50 Be­hör­den. Er ver­gibt Plus­punk­te für ge­woll­tes Ver­hal­ten. Und er zieht Punk­te ab, wenn Men­schen ir­gend­wie ab­wei­chen und ge­gen Regeln ver­sto­ßen.

Wie Big Bro­ther in Ge­or­ge Or­wells Ro­man „1984“greift die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei un­ter Staats- und Par tei­chef Xi Jin­ping da­mit tief in die Pri­vat­sphä­re der Men­schen ein.

Die Kon­trol­le des Mil­li­ar­den­vol­kes mit di­gi­ta­len Mit­teln und die All­macht des Prä­si­den­ten Xi Jin­ping das sei­en zwei Säu­len ei­ner „neu­en Form des To­ta­li­ta­ris­mus“, so Kri­ti­ker. Denn der 64-Jäh­ri­ge soll nach ei­ner Ver­fas­sungs­än­de­rung bis ans Le­bens­en­de im Amt blei­ben kön­nen. Man­che er­in­nern des­halb an al­te Zei­ten, als Staats­grün­der Mao Tse­tung un­ein­ge­schränkt herrsch­te und Chi­na ins Cha­os stürz­te. Ei­ni­ge De­tails des Kon­zepts:

1000 Punk­te: „Dem Vol­ke die­nen“, die­ser Pro­pa­gan­da-Spruch aus Ma­os Ta­gen steht auf ei­ner Mar­mor­wand des Bür­ger­am­tes von Rong­cheng. Yu Gan­qing war­tet in der ho­hen, of­fe­nen Hal­le um­ge­ben von Säu­len und Com­pu­tern. Die Be­am­tin am Schal­ter sucht sei­nen Na­men im Com­pu­ter und druckt den Nach­weis aus: 1000 Punk­te. Stu­fe A. Das be­deu­tet: Er ist ein „gu­ter Bür­ger“, hat sich nichts zu­schul­den kom­men las­sen.

Yu Gan­qing hat nicht ge­gen die Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung ver­sto­ßen. Er zahlt sei­ne Rech­nun­gen. Po­li­tisch ist er nicht auf­ge­fal­len. So muss er auch nicht fürch­ten, im Punk­te­sys­tem nach un­ten zu rut­schen. „Da ich ver­hei­ra­tet bin, muss ich auch den Be­wer­tungs­bo­gen für mei­ne Frau aus­dru­cken las­sen.“Sonst gibt es kein Dar­le­hen.

„Es macht zu­sätz­lich Ar­beit“, klagt Yu Gan­qing. Aber das Re­gis­ter stellt er nicht in Fra­ge. Ob es die Leu­te bes­ser macht? „Viel­leicht“, sagt der 30-Jäh­ri­ge, greift sei­ne Pa­pie­re und eilt da­von.

Lan­ge galt das In­ter­net als Ge­fahr für Dik­ta­tu­ren, weil Men­schen sich breit in­for­mie­ren und sich zu­sam­men­tun könn­ten. Doch Chi­nas Füh­rer nut­zen die Da­ten­mas­sen – Big Da­ta – zur Über­wa­chung. Mehr noch. Mit den neu­en di­gi­ta­len Mög­lich­kei­ten sol­len die Men­schen er­zo­gen wer­den. „Es ist zwei­fel­los das ehr­gei­zigs­te or well­sche Vor­ha­ben der Mensch­heits­ge­schich­te“, sagt Se­bas­ti­an Heil­mann, Di­rek­tor des Chi­na-In­sti­tuts Me­rics in Ber­lin.

Gu­tes tun: Vie­le Men­schen in Rong­cheng be­to­nen da­ge­gen die Vor­tei­le. So be­ur­teilt die Kran­ken­haus­an­ge­stell­te Lu Qun­y­ing das Sys­tem po­si­tiv. „Es er­mu­tigt, Gu­tes zu tun“, sagt sie, wäh­rend sie im Bür­ger­amt steht. „Wir brau­chen Vor­schrif­ten oder ein Sys­tem, um die Men­schen zu über wa­chen.“Ge­ra­de weil Chi­na noch nicht so weit ent­wi­ckelt sei. Über­haupt: „Die Stadt ist jetzt sau­be­rer.“

Vie­le fin­den das Re­gis­ter gar nicht un­ge­wöhn­lich. War­um? Die Ant­wor­ten lie­gen in Chi­nas Ge­schich­te. Schon das kon­fu­zia­ni­sche Staats­mo­dell küm­mer­te sich um Tu­gend­haf­tig­keit. Als der Kom­mu­nis­mus kam, führ­ten „Ar­beits­ein­hei­ten“(Dan­wei) ei­ne Per­so­nal­ak­te für je­den Ge­nos­sen. Die „Dang’an“ent­hielt Wer­de­gang, Be­wer­tun­gen von Vor­ge­setz­ten, po­li­ti­sche Hal­tung, Re­gel­ver­stö­ße und auch pri­va­te In­for­ma­tio­nen. Die Ak­te be­glei­te­te Men­schen ihr Le­ben lang, war qua­si Vor­läu­fer des So­zi­al­kre­dit-Sys­tems.

Hil­fe für El­tern: Ein­zel­ne Nach­bar­schaf­ten in Rong­cheng sind so­gar noch ehr­gei­zi­ger als das städ­ti­sche Sys­tem. Im Dorf Da­x­un­jiang­jia wird zu­sätz­lich be­no­tet, ob Nach­barn strei­ten. Und wie Kin­der ih­re al­ten El­tern un­ter­stüt­zen. Herr Mu Hong­qing zum Bei­spiel wird mit Fo­to auf ei­ner rot um­rahm­ten Ta­fel an der Au­ßen­wand des Dorf­ko­mi­tees lo­bend er­wähnt: „Er be­sucht im­mer sei­ne El­tern, re­spek­tiert die Nach­bar­schaft, hilft an­de­ren, hält Ver­spre­chen, ge­horcht dem Dorf­ko­mi­tee.“

Ei­ne zwei­te Lis­te lässt al­le wis­sen, wie Kin­der ih­ren El­tern un­ter die Ar­me grei­fen: Ne­ben den Na­men ste­hen die Geld­be­trä­ge, aber auch Wa­ren wie Spei­se­öl. Ge­lobt wird, wenn sie Arzt­rech­nun­gen be­zah­len und oft zu Be­such kom­men.

Dorf­be­woh­ner und Bau­er Mu Lin­ming ist be­geis­tert: „Es zeigt, wer gut ist und wer nicht.“Der 62Jäh­ri­ge bit­tet in sein Haus, schenkt den Be­su­chern Äp­fel und Erd­nüs­se. „Un­ser Dorf war im­mer gut“, sagt er. „Aber nach Ein­füh­rung des Sys­tems ist es noch bes­ser ge­wor­den.“

Al­le Bür­ger über 18 Jah­re – mehr als 600 000 Ein­woh­ner und 140 000 Zu­ge­zo­ge­ne – sind in Rong­cheng er­fasst, be­rich­te­te He Jun­ning, Di­rek­tor der „So­zi­al­kre­dit-Ver wal­tung“. Je­der star­tet mit 1000 Punk­ten. Das ist Stu­fe A. Die Be­hör­den lie­fern In­for­ma­tio­nen über Ver­kehrs­de­lik­te, Fest­nah­men, Spen­den und Frei­wil­li­gen­ar­beit. Sein So­zi­al­kre­dit­amt hat acht Mit­ar­bei­ter. Ih­re Auf­ga­be: „Wir be­schäf­ti­gen uns mit der Prü­fung und Ge­neh­mi­gung der In­for­ma­tio­nen für die Kre­dit­punk­te, die uns lo­ka­le Stel­len lie­fern.“

Schwie­ger­sohn-Tüv: Wer 1000 Yuan für ei­nen gu­ten Zweck spen­det, be­kommt 5 Punk­te. Wem die Stadt ei­ne Aus­zeich­nung ver­leiht, er­hält 30. Bei 1300 Punk­ten ist der Höchst­stand AAA er­reicht. Dann gibt es Er­mä­ßi­gun­gen bei Hei­zungs­oder Was­ser­rech­nun­gen. AAA-Bür­ger müs­sen kei­ne Kau­ti­on für Leih­fahr­rä­der und in der Bü­che­rei hin­ter­le­gen. Will ein Be­am­ter be­för­dert wer­den, braucht er vie­le Punk­te. Fir­men las­sen sich bei Ein­stel­lun­gen die Punk­te zei­gen. Auch man­che El­tern wol­len wis­sen, wo der Ver­lob­te der Toch­ter denn so steht: Schwie­ger­sohn-Tüv.

In Deutsch­land gibt es et­wa die Schu­fa, die über die fi­nan­zi­el­le Kre­dit­wür­dig­keit Aus­kunft er­teilt. In Chi­na sol­len nicht al­lein die fi­nan­zi­el­le, son­dern auch die pri­va­te, po­li­zei­li­che, po­li­ti­sche und mo­ra­li­sche Vor­ge­schich­te in die­ser „So­zi­alSchu­fa“zu­sam­men­flie­ßen.

Ein ein­fa­cher Ver­kehrs­ver­stoß kos­tet fünf Punk­te. „Wer be­trun­ken Au­to fährt, fällt di­rekt auf Stu­fe C“, sagt Di­rek­tor He. Das sind 600 bis 859 Punk­te. Dar­un­ter gibt es nur Stu­fe D. So je­mand fin­det kaum Jobs und wird nicht be­för­dert.

Fo­tos: dpa

An­ge­tan vom Sys­tem: Bau­er Mu Lin­ming und sei­ne Frau.

He Jun­ning, Di­rek­tor der So­zi­al­kre­dit­be­hör­de, in Rong­cheng.

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