Mehr Rich­ter oder Rad­we­ge?

VW-Re­kord­buß­geld fließt an Land Nie­der­sach­sen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Ost (O / Ost-Ausgabe) - - VORDERSEITE -

Was ge­schieht mit der Mil­li­ar­de Eu­ro, die VW we­gen des Die­selskan­dals be­zah­len muss? Am Tag, nach­dem der Wolfs­bur­ger Au­to­her­stel­ler das von der Braun­schwei­ger Staats­an­walt­schaft ver­häng­te Buß­geld ak­zep­tier­te, rück­te die­se Fra­ge in den Fo­kus. Zah­lungs­emp­fän­ger ist das Land Nie­der­sach­sen, das am VW-Kon­zern 20 Pro­zent der An­tei­le hält.

An­de­re Bun­des­län­der wer­den nach An­ga­ben des nie­der­säch­si­schen Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums nicht in den Ge­nuss von Aus­gleichs­zah­lun­gen über den Län­der­fi­nanz­aus­gleich kom­men. Die Bu­ße sei kei­ne steu­er­ähn­li­che Ab­ga­be, die hier be­rück­sich­tigt wer­den müs­se. Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) und Wirt­schafts­mi­nis­ter Bernd Al­t­hus­mann (CDU) sit­zen bei­de im VW-Auf­sichts­rat und be­grüß­ten, dass sich der Kon­zern zu sei­ner Ver­ant­wor­tung be­ken­ne. Die Lan­des­re­gie­rung wer­de ei­nen Vor­schlag zur Ver wen­dung der Mit­tel ma­chen, hieß es.

Wäh­rend die Jus­tiz mit dem Buß­geld neue Rich­ter­stel­len fi­nan­zie­ren möch­te, wol­len die FDP und der Steu­er­zah­ler­bund mit dem Geld Schul­den ab­bau­en. Die Grü­nen for­der ten hin­ge­gen In­ves­ti­tio­nen in die Mo­bi­li­täts­wen­de.

Ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro – nach Ein­schät­zung der Er­mitt­ler ist es das höchs­te je­mals in Deutsch­land ver­häng­te Buß­geld, das VW für die Ver­let­zung von Auf­sichts­pflich­ten im Die­selskan­dal zah­len muss.

Wer be­kommt das Buß­geld?

„Es gibt kei­ne Mög­lich­keit, das an ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen zu rei­chen“, sag­te Klaus Zie­he von der Staats­an­walt­schaft Braun­schweig. Nach dem Ge­setz fließt die Mil­li­ar­de an das Land Nie­der­sach­sen, das 20 Pro­zent der stimm­be­rech­tig­ten VWAk­ti­en hält. Dass an­de­re Bun­des­län­der über den Län­der­fi­nanz­aus­gleich von der VW-Mil­li­ar­de pro­fi­tie­ren könn­ten, hält die Lan­des­re­gie­rung für un­wahr­schein­lich: Die Mil­li­ar­den­stra­fe müs­se nicht in den Aus­gleich­stopf hin­ein­ge­rech­net wer­den.

Ist ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro auch für VW viel Geld?

Ja und nein. 2017 ver­dien­te der Kon­zern un­term Strich mehr als elf Mil­li­ar­den Eu­ro – und in den USA muss­te der Kon­zern bis­lang rund 25 Mil­li­ar­den Eu­ro be­zah­len. Al­ler­dings sind in die­ser Sum­me auch Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen für Kun­den ent­hal­ten, die Braun­schwei­ger Staats­an­walt­schaft hat die Hö­he der Bu­ße be­wusst so ge­wählt, dass ge­nü­gend Geld für even­tu­el­le Scha­dens­er­satz­zah­lun­gen in der Kas­se blei­ben. Tau­sen­de Zi­vil­ver­fah­ren sind noch an­hän­gig. Ei­ne Mil­li­ar­de be­zahlt al­ler­dings auch Volks­wa­gen nicht ein­fach aus der Por­to­kas­se. „Tau­send Mil­lio­nen Eu­ro für ei­ne Ord­nungs­wid­rig­keit ist schon ei­ne An­sa­ge und ich ge­he da­von aus, dass das na­tür­lich schmerz­haft ist“, sag­te Ober­staats­an­walt Klaus Zie­he.

Was be­deu­tet die Mil­li­ar­den­bu­ße für an­de­re VW-Ver­fah­ren?

Nicht viel. Ins­ge­samt muss sich der Kon­zern ei­nem Spre­cher zu­fol­ge noch mit gut 19 000 Kla­gen von VWKun­den aus­ein­an­der­set­zen. Die Klä­ger füh­len sich von VW hin­ters Licht ge­führt und ver­lan­gen Scha­den­er­satz oder wol­len ihr Au­to zu­rück­ge­ben. Ei­ni­ge An­wäl­te wer­ten das Buß­geld zwar nun als Vor­ent­schei­dung bei den Kun­den­kla­gen. Die Rechts­wis­sen­schaft­le­rin Ca­ro­li­ne Mel­ler-Han­nich von der Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg sieht das je­doch an­ders: „Dass al­lein auf­grund des ver­häng­ten Buß­gel­des nun Zi­vil­pro­zes­se ge­won­nen wer­den, ist sehr un­wahr­schein­lich.“Wei­te­re Buß­geld- oder Ord­nungs­wid­rig­keits­ver­fah­ren ge­gen VW in Eu­ro­pa sind der Staats­an­walt­schaft zu­fol­ge jetzt aber schwie­rig, denn da­bei gel­te der Grund­satz: kei­ne dop­pel­te Stra­fe we­gen der­sel­ben Tat.

Geld ist das ei­ne, aber müs­sen VWMit­ar­bei­ter auch ins Ge­fäng­nis? Ei­ni­ge sind be­reits in Haft. In den USA wur­den zwei VW-Mit­ar­bei­ter zu lang­jäh­ri­gen Haft­stra­fen und ho­hen Geld­bu­ßen ver­ur­teilt. Auch der frü­he­re Vor­stands­chef Martin Win­ter­korn soll vor Ge­richt ge­bracht wer­den und wird von der US-Jus­tiz per Haft­be­fehl ge­sucht. In Deutsch­land er­mit­telt die Staats­an­walt­schaft Braun­schweig ge­gen 49 mut­maß­lich Be­tei­lig­te am VW-Ab­gas­skan­dal. Die Er­mitt­lun­gen sol­len im Som­mer so weit sein, dass die Staats­an­walt­schaft die Ver­tei­di­ger in die Ak­ten schau­en lässt. Der Braun­schwei­ger Buß­geld­be­scheid be­zieht sich nur auf die Vier­zy­lin­der­mo­to­ren. Muss auch Au­di, wo die Sechs­zy­lin­der mit Be­trugs­soft­ware aus­ge­stat­tet wur­den, mit ei­nem Buß­geld rech­nen?

Nicht so­fort. Für die Er­mitt­lun­gen ge­gen die Toch­ter mit Sitz in In­gol­stadt ist die Staats­an­walt­schaft Mün­chen 2 zu­stän­dig. An­ders als bei VW steht bei Au­di die Zahl der be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge noch nicht end­gül­tig fest, weil im­mer wie­der wei­te­re Fahr­zeu­ge mit der il­le­ga­len Soft­ware ge­fun­den wer­den. Au­ßer­dem müs­sen sich die Münch­ner prio­ri­tär um das Straf­ver­fah­ren ge­gen den ehe­ma­li­gen Au­di-Mo­to­ren­chef Wolf­gang Hatz küm­mern, der schon seit dem ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber in Un­ter­su­chungs­haft sitzt.

Wie lan­ge darf Un­ter­su­chungs­haft ei­gent­lich dau­ern?

Nach der Straf­pro­zess­ord­nung darf ein Beschuldigter nur län­ger als sechs Mo­na­te in U-Haft blei­ben, wenn die Er­mitt­ler zei­gen kön­nen, dass ih­re Ar­beit be­son­ders schwie­rig oder um­fang­reich ist. Au­ßer­dem muss die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ge­wahrt blei­ben. Das Ver­fah­ren ge­gen Hatz muss al­so zu­erst ab­ge­ar­bei­tet wer­den.

Muss Daim­ler nach dem die­se Wo­che ver­häng­ten Rück­ruf auch mit ei­ner so ho­hen Stra­fe rech­nen? Ak­tu­ell nicht, aus­ge­schlos­sen ist das aber nicht. Die Staats­an­walt­schaft Stutt­gart er­mit­telt bis­lang ge­gen Daim­ler-Mit­ar­bei­ter we­gen des Ver­dachts des Be­trugs und der straf­ba­ren Wer­bung. Ein Ord­nungs­wid­rig­keits­ver­fah­ren ge­gen das gan­ze Un­ter­neh­men wie bei VW gibt es der­zeit nicht. Das kann sich aber schnell än­dern.

Fo­tos: dpa

In der Wolfs­bur­ger Kon­zern­zen­tra­le hat der Buß­geld­be­scheid am Mitt­woch den Ter­min­plan kräf­tig durch­ein­an­der­ge­wir­belt.

Der Braun­schwei­ger Ober­staats­an­walt Klaus Zie­he lei­tet die Er­mitt­lun­gen ge­gen VW.

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