Ka­na­da will sich nicht zer­quet­schen las­sen

Nach dem Eklat zwi­schen Trump und Tru­deau sind die Be­zie­hun­gen zwi­schen den USA und dem Nach­barn im Nor­den ge­trübt

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Ost (O / Ost-Ausgabe) - - MEINUNGEN - Von un­se­rer Re­dak­teu­rin Va­le­rie Blass

Zum Start der Fuß­ball-WM

Stutt­gar­ter Zei­tung

So ein Fuß­ball­fest, ver­si­chern So­zio­lo­gen, ist das letz­te gro­ße Ge­mein­schafts­er­leb­nis un­se­rer Zeit. Im ge­mein­sa­men Zit­tern um den Sieg oder im Trau­ern nach der Nie­der­la­ge fei­ert die So­li­da­ri­tät ih­re kurz­zei­ti­ge Re­nais­sance. Wo sonst ge­biert die in die Un­über­sicht­lich­keit ge­stürm­te glo­ba­li­sier­te Welt so viel ge­si­cher­te Er­kennt­nis? Der Ball ist rund. Ein Spiel dau­ert 90 Mi­nu­ten. Knapp vor­bei ist auch da­ne­ben. Und nir­gend­wo an­ders sam­melt sich so viel un­ver­däch­ti­ger Pa­trio­tis­mus: Wer Tho­mas Mül­ler in sei­ner Ab­sicht be­stärkt, über rechts zu kom­men, wählt viel­leicht so­gar die SPD.

Mit­tel­baye­ri­sche Zei­tung

Der Fuß­ball un­se­rer Ta­ge hat sich ver­än­dert. Nicht nur, dass Fuß­ball zu­vor­derst in Deutsch­land je­den an­de­ren Sport er- und un­ter­drückt. Nein, die Ki­cker sind in ei­ner Welt an­ge­kom­men, die längst fern­ab jeg­li­cher Rea­li­tät ist. Die gi­gan­ti­schen Trans­fer­sum­men und gi­gan­ti­schen Ge­häl­ter sind ein Aus­druck da­von. Wo­her das kommt, ist ein­fach zu sa­gen. Vie­le kri­ti­sie­ren, vie­le schimp­fen auf die­ses und je­nes – aber spie­len al­le Spiel­chen mit.

Köl­ner Stadt-An­zei­ger

Es gibt vie­le Grün­de, die­ser Aus­ge­burt des Gi­gan­tis­mus ma­xi­mal skep­tisch ge­gen­über­zu­ste­hen, ihr so­gar ein Miss­lin­gen zu pro­phe­zei­en. Ein Mys­te­ri­um wehrt sich je­doch hart­nä­ckig da­ge­gen. Es ist dies das We­sen die­ses Spiels, tief ein­ge­schlos­sen in je­dem ein­zel­nen Ball, der in der La­ge ist, ei­nen Weg ins Tor zu neh­men. Man mag es die See­le des Fuß­balls nen­nen, sei­ne Fas­zi­na­ti­on, das al­les ver­bin­den­de Band oder, um sich an die For­mu­lie­rung des gro­ßen Phi­lo­so­phen Im­ma­nu­el Kant an­zu­leh­nen: „Das Ding an sich“– ein exis­ten­zi­el­ler Kern, der sich der Sin­nes­wahr­neh­mung ent­zieht. Men­schen wer­den ihn nicht zer­stö­ren kön­nen, auch wenn sie sich wie in die­sen Ta­gen noch so sehr dar­um be­mü­hen.

Fran­ken­post (Hof)

Der von Kor­rup­ti­ons­af­fä­ren ge­präg­te Welt­ver­band Fi­fa hat die WM 2026 an die USA, Ka­na­da und Me­xi­ko ver­ge­ben. 48 Mann­schaf­ten tre­ten an – so vie­le wie noch nie. Es geht um im­mer mehr Geld und Macht, um Fern­seh­rech­te und Spon­so­ring. Im Be­trach­ter am Spiel­feld­rand wächst die Sehn­sucht nach mehr ehr­li­chem Sport, nach dem Elf-Freun­de-Prin­zip. Aber wer glaubt, die­ser Wunsch könn­te in Er­fül­lung ge­hen, der träumt nicht von ei­nem Som­mer­mär­chen, son­dern lässt sich mit­ten im Som­mer ein Mär­chen auf­ti­schen.

Ka­na­di­er sind be­kannt für ihr aus­glei­chen­des We­sen. Sie gel­ten als to­le­rant und lo­cker im Um­gang. Doch nach über 500 Ta­gen Prä­si­dent­schaft von Do­nald Trump und wie­der­hol­ten Atta­cken ge­gen den Nach­barn im Nor­den ist das Maß bei Pre­mier Jus­tin Tru­deau und der Öf­fent­lich­keit of­fen­bar voll ge­we­sen. „Wir sind freund­li­che Leu­te, aber wir las­sen uns nicht her­um­schub­sen“, sag­te Tru­deau, als er zu En­de des G7-Gip­fels in Qu­e­bec Maß­nah­men ge­gen die von den USA ge­plan­ten Han­dels­z­öl­le an­kün­dig­te.

Wu­t­aus­bruch „Un­ver­schämt, schwach, an­ma­ßend“: Die Ant­wort des be­lei­dig­ten Trump ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. In ei­nem Wu­t­aus­bruch zog er nach Tru­deaus öf­fent­li­chem Auf­tritt per Twitter die zu­vor ge­ge­be­ne Zu­stim­mung zur G7-Ab­schluss­er­klä­rung zu­rück. Ein bei­spiel­lo­ser Eklat. Seit­dem ist die Stim­mung zwi­schen den Ver­tre­tern bei­der Län­der auf dem Tief­punkt. „Ein ver­gleich­ba­res Zer­würf­nis gab es noch nie“, sagt Ur­su­la Lehm­kuhl, Pro­fes­so­rin für In­ter­na­tio­na­le Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Tri­er und Ka­na­da-Ex­per tin.

Das könn­te Kon­se­quen­zen ha­ben, die bis­lang noch nicht ge­nau zu über­bli­cken sind. „Der Wirt­schafts­raum ist der am engs­ten ver­wo­be­ne der Welt“, so Lehm­kuhl. Das Ver­hält­nis zwi­schen den Nach­barn und Ver­bün­de­ten sei schon man­ches Mal von Span­nun­gen ge­kenn­zeich­net ge­we­sen. „Ne­ben euch zu le­ben ist wie mit ei­nem Ele­fan­ten zu schla­fen“, sag­te Pier­re Tru­deau 1969 in An­spie­lung auf den gro­ßen Bru­der im Sü­den – man müs­se im­mer Angst ha­ben, zer­quetscht zu wer­den. Tru­deau, Va­ter des ak­tu­el­len Re­gie­rungchefs in Ottawa, war mit ei­ner kur­zen Un­ter­bre­chung Pre­mier­mi­nis­ter zwi­schen 1968 und 1984.

Die Gren­ze zwi­schen Ka­na­da und den USA, zwi­schen At­lan­tik und Pa­zi­fik, ist mit 8891 Ki­lo­me­tern die welt­weit längs­te ge­mein­sa­me Gren­ze zwei­er Staa­ten. Mil­lio­nen von Pend­lern über­que­ren sie täg­lich, ge­nau­so wie Tau­sen­de Lkw, die Wa­ren hin- und her trans­por­tie­ren. Ka­na­da ist zwar von der Land­flä­che her et­was grö­ßer als die USA, hat aber mit 36 Mil­lio­nen Ein­woh­ner nur et­wa ein Zehn­tel der Be­völ­ke­rung des Nach­barn im Sü­den (325 Mil­lio­nen). Wirt­schaft­lich, kul­tu­rell, mi­li­tä­risch sind die USA der deut­lich do­mi­nan­te­re der bei­den Part­ner.

Un­be­re­chen­bar In­wie­weit es über­haupt recht­lich mög­lich sein wird, das be­ste­hen­de Han­dels­ab­kom­men aus dem Jah­re 1987 auf­zu­kün­di­gen, das Ro­nald Rea­gan für die USA und Bri­an Mul­ro­ney für Ka­na­da ge­schlos­sen ha­ben, und Zöl­le ein­zu­füh­ren, sei noch gar nicht klar, sagt Lehm­kuhl. „Al­ler­dings, wenn sich die größ­te Wirt­schafts­macht der Welt der­art po­pu­lis­tisch ver­hält, weiß man auch nicht, ob sie ihr Vor­ha­ben wo­mög­lich auch oh­ne recht­li­che Grund­la­ge durch­zieht. Wir wis­sen nicht, was Trump macht.“

Fest steht für sie, dass Ka­na­da tun wird, was es schon in der Ver­gan­gen­heit häu­fi­ger ge­tan hat, wenn es sich von den USA ab­gren­zen woll­te – Ko­ali­tio­nen mit an­de­ren Mit­tel­mäch­ten ein­ge­hen, sein Ver­hält­nis zu Asi­en und Eu­ro­pa wei­ter aus­bau­en. „Eu­ro­pa war im­mer wie­der Flucht­punkt, wenn es Kri­sen im Ver­hält­nis Ka­na­da–USA gab.“Das lie­ge si­cher­lich auch dar­an, dass der ka­na­di­sche Staat ganz ähn­lich auf­ge­baut sei wie die eu­ro­päi­schen Staa­ten: mit ei­nem star­ken Fö­de­ra­lis­mus, ei­nem aus­ge­präg­ten Wohl­fahrts­sys­tem und ei­nem Steu­er­sys­tem, das es er­mög­li­che, öf­fent­li­che In­ves­ti­tio­nen in Kul­tur oder In­fra­struk­tur staat­lich zu fi­nan­zie­ren. „Das wirkt sich auf die Ge­sell­schaft aus“, die­se sei von ei­nem aus­ge­präg­ten Ge­fühl des Mit­ein­an­der ge­kenn­zeich­net, sagt Lehm­kuhl. In­di­vi­dua­lis­mus, El­len­bo­gen­men­ta­li­tät und ex­plo­si­ve Ten­den­zen in Kri­sen­si­tua­tio­nen präg­ten hin­ge­gen die USMen­ta­li­tät: „Je­der ist sich selbst der Nächs­te, und da­für steht Trump sinn­bild­lich.“

Kla­re Kan­te Die „Bro­mance“(Eng­lisch für Män­ner­freund­schaft), die es zwi­schen Ba­rack Oba­ma und Tru­deau ge­ge­ben hat­te, wird mit Trump wohl nie mehr ent­ste­hen. Al­ler­dings hat Jus­tin Tru­deau im ei­ge­nen Land viel Zu­stim­mung da­für ge­ern­tet, dass er sich dem Ego­ma­nen im Wei­ßen Haus ent­ge­gen­ge­stellt hat. Nach ei­nem Um­fra­ge­tief zu Jah­res­an­fang ste­he die Be­völ­ke­rung wie­der ge­schlos­sen hin­ter ih­rem Pre­mier, sagt Lehm­kuhl. „Er hat kla­re Kan­te ge­zeigt, und das ist bei den Ka­na­di­ern gut an­ge­kom­men.“

„Ein ver­gleich­ba­res Zer­würf­nis gab es noch nie.“

Ur­su­la Lehm­kuhl

„Eu­ro­pa war im­mer wie­der Flucht­punkt, wenn es Kri­sen im Ver­hält­nis Ka­na­da–USA gab.“Ur­su­la Lehm­kuhl

Foto: Ar­chiv/dpa

Nur ei­ner lä­chelt: Jus­tin Tru­deau (rechts) und Do­nald Trump beim Gip­fel­tref­fen in La Mal­baie.

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