Di­ri­gent, Pia­nist, Men­tor

Ba­ren­boim ist 75 Jah­re alt

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis West (W / West-Ausgabe) - - VORDERSEITE - Von Es­te­ban En­gel, dpa

In­ter­na­tio­nal ge­fragt, so­zi­al en­ga­giert: Da­ni­el Ba­ren­boim ist 75 Jah­re alt.

Ei­ne Ge­burts­tags­par­ty hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren kommt für Da­ni­el Ba­ren­boim nicht in­fra­ge. Zu sei­nem 75. Ge­burts­tag lädt er heu­te sei­nen Freund Zu­bin Meh­ta zum Kon­zert in die Ber­li­ner Phil­har­mo­nie ein. Seit ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert steht Ba­ren­boim an der Spit­ze der Staats­oper Un­ter den Lin­den. In die­sen Ta­gen den­ke er oft an Ro­meo und Ju­lia, wie er im In­ter­view sagt.

Herr Ba­ren­boim, zu Ih­rem 75. Ge­burts­tag spie­len Sie Kla­vier, Zu­bin Meh­ta di­ri­giert. Was ver­bin­det Sie? Da­ni­el Ba­ren­boim: Zu­bin Meh­ta ist wie von der Fa­mi­lie. Wir ken­nen uns seit 1956, als wir den­sel­ben Di­ri­gen­ten­kurs in Sie­na be­such­ten. Er war ein Jahr vor­her aus In­di­en nach Eu­ro­pa ge­kom­men, noch ganz jung, und ich war mit mei­nen El­tern in Ita­li­en, und sie ha­ben ihn auf­ge­nom­men. Wir ken­nen uns da­mit jetzt seit 61 Jah­ren und ha­ben nie ein bö­ses Wort für­ein­an­der ge­habt – für zwei Men­schen, die den glei­chen Be­ruf aus­üben, ist das schon er­staun­lich.

Sie spie­len in der Ber­li­ner Phil­har­mo­nie ein Stück des jun­gen Kom­po­nis­ten Jo­han­nes Bo­ris Bo­row­ski und Beet­ho­vens 5. Kla­vier­kon­zert ... Ba­ren­boim: Ich bin jetzt 67 Jah­re auf der Büh­ne. Des­we­gen woll­te ich mit ei­nem Auf­trags­werk fei­ern, eben Bo­row­skis „Stret­ta“. Ich ma­che das nicht aus Pflicht, son­dern wäh­le bei zeit­ge­nös­si­schen Kom­po­nis­ten je­ne aus, die mich an­spre­chen. Mit mei­nen Orches­tern, frü­her in Pa­ris und Chi­ca­go, jetzt mit der Staats­ka­pel­le in Ber­lin, ha­be ich mich vor al­lem Pierre Bou­lez und El­liott Car­ter ge­wid­met.

Wir sit­zen hier in der Ba­ren­bo­imSaid-Aka­de­mie, die Staats­oper wur- de ge­ra­de wie­der­er­öff­net. Was ha­ben Sie noch vor?

Ba­ren­boim: Ich möch­te et­was für die mu­si­ka­li­sche Bil­dung an Schu­len un­ter­neh­men. Ab dem kom­men­den Jahr wer­de ich ein Pro­gramm star­ten, an wel­cher Schu­le darf ich noch nicht sa­gen. Wenn wir mu­si­ka­li­sche Bil­dung nicht för­dern, gibt es in 50 Jah­ren kein Mu­sik­le­ben mehr. Schon heu­te gibt es Mil­lio­nen gut aus­ge­bil­de­ter Men­schen, die ganz oh­ne Kon­takt zur Mu­sik auf­wach­sen. Ich be­haup­te, mit Mu­sik, die ja ein zen­tra­ler Be­stand­teil un­se­rer Kul­tur ist, könn­ten sie bes­ser le­ben. Wie war das bei Ih­nen? Ba­ren­boim: In Ar­gen­ti­ni­en und spä­ter in Is­ra­el und Eu­ro­pa ha­be ich die Ver­bin­dung von Mu­sik und Kul­tur als et­was Selbst­ver­ständ­li­ches er­lebt. Je­der, der Pi­cas­so lieb­te, moch­te auch Stra­wins­ky, und wer Schön­berg gut fand, moch­te auch Paul Klee. Und es gab da noch die Welt der Ama­teur­mu­si­ker, oft Ärz­te, die ein­mal in der Wo­che zum Mu­si­zie­ren zu­sam­men­ka­men.

Ir­gend­wann ent­schie­den Sie sich, ne­ben dem Kon­zert­le­ben ein ei­ge­nes Orches­ter zu grün­den und po­li­ti­sche Zei- chen zu set­zen.

Ba­ren­boim: Das West-Eas­tern Di­van Orches­tra ist kein po­li­ti­sches, son­dern ein hu­ma­nis­ti­sches Pro­jekt. Im Kon­flikt von Is­ra­el und Pa­läs­ti­na ha­ben wir es mit ei­nem mensch­li­chen Pro­blem zu tun: Zwei Völ­ker be­an­spru­chen das­sel­be Stück Land für sich. Po­li­ti­sche Pro­ble­me be­ste­hen zwi­schen Staa­ten. Des­we­gen ha­be ich mit mei­nem Freund, dem Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ed­ward Said (1935-2003), das Pro­jekt be­gon­nen. Die Aka­de­mie ist die an­de­re Sei­te der Me­dail­le: Jun­ge Mu­si­ker, die meis­tens nur ihr In- stru­ment üben, sol­len hier ei­ne Ver­bin­dung zur Kul­tur und dem in­tel­lek­tu­el­lem Le­ben be­kom­men.

Sind Sie da an­ders groß ge­wor­den? Ba­ren­boim: Bei mir ging es in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Man sagt ja, um ei­ne Beet­ho­ven-So­na­te zu spie­len, braucht man ei­ne be­stimm­te Rei­fe. In mei­nem Fall war das um­ge­kehrt: Ich ha­be schon früh die So­na­ten ge­spielt und da­mit von der Mu­sik für das Le­ben ge­lernt. Da­zu kommt, dass mein Va­ter, der ein­zi­ge Kla­vier­leh­rer, den ich je hat­te, Phi­lo­so­phie stu­diert hat­te und ein be­le­se­ner Mensch war.

Ha­ben Sie als Kind viel ge­le­sen? Ba­ren­boim: Ja, und es ist selt­sam, weil be­stimm­te As­so­zia­tio­nen ge­blie­ben sind. In mei­ner Ju­gend ha­be ich zum Bei­spiel Clau­de De­bus­sys „Estam­pes“erst­mals ge­spielt und da­mals gleich­zei­tig „Ro­meo und Ju­lia“ge­le­sen. Ge­ra­de spie­le ich das drit­te Stück da­von wie­der, weil ich im Ja­nu­ar mit ei­nem De­bus­sy-Pro­gramm auf Tour­nee ge­he. Und wie­der tau­chen da Ro­meo und Ju­lia auf.

Zie­hen Sie Bi­lanz zum Ge­burts­tag? Ba­ren­boim: Nein. Ich glau­be an die drei Stu­fen Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und Zu­kunft. Man kann kei­ne Ge­gen­wart er­le­ben und ge­nie­ßen oh­ne die Ver­gan­gen­heit und den Blick in die Zu­kunft.

Wün­sche müs­sen Sie doch ha­ben... Ba­ren­boim: Ich hät­te ger­ne Macht über mei­ne kör­per­li­che Ver­fas­sung. Lan­ge zu le­ben oh­ne Le­bens­qua­li­tät, das in­ter­es­siert mich nicht.

Fo­to: dpa

Di­ri­gent, Pia­nist, Men­tor und Ma­cher: Seit 25 Jah­ren ist Da­ni­el Ba­ren­boim Chef der Staats­oper Un­ter den Lin­den.

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