Wod­ka aus dem In­ter­net

Sucht­ex­per­ten war­nen: Ju­gend­li­che kön­nen leicht Al­ko­hol nach Hau­se be­stel­len

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis West (W / West-Ausgabe) - - BLICK IN DIE WELT - Von Ma­xi­mi­li­an Per­se­ke, dpa

An­na könn­te sich pro­blem­los ei­ne Fla­sche Wod­ka ge­neh­mi­gen. Die 17-Jäh­ri­ge aus der Nä­he von Wies­ba­den hat sich den har­ten Al­ko­hol im In­ter­net be­stellt. Da­für gab sie ein­fach ein fal­sches Ge­burts­da­tum ein. Die Fla­sche wur­de ge­lie­fert, als sie nicht da­heim war, Ab­hol­zet­tel im Brief­kas­ten. Beim Nach­barn be­kam sie das neu­tral ver­pack­te Pa­ket in die Hand ge­drückt. Das klappt.

Ju­gend­li­che in Deutsch­land kä­men leicht an Al­ko­hol, be­stä­tigt Ra­pha­el Gaß­mann, Ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Haupt­stel­le für Sucht­fra­gen (DHS). Auch im In­ter­net wer­de Al­ko­hol ge­nau auf Ju­gend­li­che zu­ge­schnit­ten be­wor­ben und ver­kauft. „Und nicht nur Bier“, sagt Gaß­mann. Wenn es nach der Dro­gen­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung geht, soll­ten Min­der­jäh­ri­ge nicht so ein­fach Hoch­pro­zen­ti­ges be­stel­len kön­nen. Beim Ju­gend- schutz soll­ten im In­ter­net die­sel­ben Spiel­re­geln gel­ten wie an der La­den­the­ke, for­dert Mar­le­ne Mort­ler. Doch das ist nicht so. Die Rechts­la­ge ist beim Ver­sand­han­del nicht ein­deu­tig for­mu­liert.

Ju­gend­schutz Das Ju­gend­schutz­ge­setz ver­bie­tet die Ab­ga­be von Spi­ri­tuo­sen an Kin­der und Ju­gend­li­che in Gast­stät­ten, Ver­kaufs­stel­len und „sonst in der Öf­fent­lich­keit“. Aber ob der Ver­sand­han­del un­ter den letz­ten Punkt fällt, ist frag­lich. Das sieht auch die Ver­brau­cher­zen­tra­le (VZ) in An­nas Hei­mat­bun­des­land Hes­sen so. „Es gibt ei­nen Grau­be­reich“, sagt Pe­ter Las­sek, Rechts­re­fe­rent bei der VZ Hes­sen. Bei nicht ju­gend­frei­en Fil­men ge­he das Ju­gend­schutz­ge­setz ex­pli­zit auf den Ver­sand­han­del ein. Nicht so beim Al­ko­hol. Las­sek for­dert ei­ne Schlie­ßung die­ser „Ge­set­zes­lü­cke“.

Bei Ta­bak­wa­ren wur­de die Lü­cke schon ge­schlos­sen. Der Ver­sand­han­del ist seit 2016 ex­pli­zit ge­nannt: „Ta­bak­wa­ren und an­de­re ni­ko­tin- hal­ti­ge Er­zeug­nis­se und de­ren Be­hält­nis­se dür­fen Kin­dern und Ju­gend­li­chen we­der im Ver­sand­han­del an­ge­bo­ten noch an Kin­der und Ju­gend­li­che im We­ge des Ver­sand­han­dels ab­ge­ge­ben wer­den.“

Dass das beim Al­ko­hol noch nicht ge­sche­hen ist, zeigt nach Mei­nung von DHS-Ge­schäfts­füh­rer Gaß­mann die Macht der Al­ko­holLob­by in Deutsch­land: „Das Ju­gend­schutz­ge­setz ist in Be­zug auf Al­ko­hol ein schlech­ter Witz.“

Die obers­ten Ju­gend­be­hör­den al­ler Bun­des­län­der ha­ben nach ei­ner Ta­gung im März ih­re Rechts­auf­fas­sung zum Al­ko­hol­ver­sand her­aus­ge­ge­ben. Für die zu­stän­di­gen Mi­nis­te­ri­en der Län­der stellt der Al­ko­hol­ver­sand ei­ne Ab­ga­be in der Öf­fent­lich­keit dar. Mit ge­eig­ne­ten Ver­fah­ren müs­se der Händ­ler si­cher­stel­len, dass kei­ne Aus­lie­fe­rung an Min­der­jäh­ri­ge er­folgt, heißt es.

Ist der On­li­ne-Ver­kauf von Al­ko­hol an Ju­gend­li­che al­so ver­bo­ten? Müss­te dann nicht auch von Sei­ten der Be­hör­den kon­trol­liert wer­den? Wie konn­te An­na trotz­dem an den har­ten Al­ko­hol kom­men?

Zu­stän­dig­keit Das hes­si­sche So­zi­al­mi­nis­te­ri­um ver­weist auf die Zu­stän­dig­keit der Ge­mein­den für die Ver­fol­gung von Ord­nungs­wid­rig­kei­ten. Die Ge­mein­de, in der An­na lebt, ist von über­schau­ba­rer Grö­ße – die Ju­gend­li­che möch­te an­onym blei­ben und nicht, dass ihr ge­nau­er Wohn­ort ge­nannt wird. Ant­wor­ten gibt es da­für von ei­nem der größ­ten hes­si­schen Ord­nungs­äm­ter: dem der Stadt Frank­furt. In Frank­furt kau­fen Ju­gend­li­che an Kon­troll­ta­gen test­wei­se Al­ko­hol in Ki­o­s­ken, Trink­hal­len, Su­per­märk­ten und Tank­stel­len, er­klärt Michael Je­nisch vom Ord­nungs­amt. Für den Ver­sand­han­del ge­be es so et­was nicht. Ord­nungs­amt und Prä­ven­ti­ons­rat hal­ten „der­ar­ti­ge Kon­trol­len­für nicht durch­führ­bar“. Soll­te es je­doch Kennt­nis­se über ein Un­ter­neh­men ge­ben, das Al­ko­hol an zu jun­ge Men­schen ver­schi­cke, wür­de man ein­grei­fen. Der­ar­ti­ge Ver­stö­ße sei­en aber noch nicht be­kannt.

„Das Ju­gend­schutz­ge­setz ist in Be­zug auf Al­ko­hol ein schlech­ter Witz.“Ra­pha­el Gaß­mann

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