Gra­tis-Nah­ver­kehr stößt auf Skep­sis

Um­set­zung der Vor­schlä­ge der Bun­des­re­gie­rung für Kom­mu­nen frag­lich – Be­den­ken auch we­gen Fi­nan­zie­rung

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis West (W / West-Ausgabe) - - POLITIK - Von Ale­xia An­ge­lo­pou­lou, dpa

Der Vor­schlag der Bun­des­re­gie­rung, mit kos­ten­lo­sem Nah­ver­kehr ge­gen Fe­in­staub und Stick­oxi­de vor­zu­ge­hen, stößt bei al­ler Be­geis­te­rung vor al­lem auch auf Skep­sis. Schon al­lein aus Ka­pa­zi­täts­grün­den wä­re solch ein Kon­zept in deut­schen Groß­städ­ten und Bal­lungs­räu­men kurz­fris­tig über­haupt nicht um­setz­bar, sa­gen Fach­leu­te. Er­for­der­lich sei­en in je­dem Fall deut­lich mehr Fahr­zeu­ge und Per­so­nal. Wenn es für kos­ten­lo­sen Nah­ver­kehr kei­ne aus­rei­chen­de Ka­pa­zi­tät ge­be, könn­te solch ein An­ge­bot so­gar ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen ha­ben. „Noch stär­ker über­füll­te Bus­se und Bah­nen zu den Spit­zen­zei­ten wür­den bei den Kun­den zu un­glaub­li­cher Frus­tra­ti­on füh­ren“, sagt Bas­ti­an Chlond vom Karls­ru­her In­sti­tut für Ver­kehrs­we­sen (IfV). Der Ver­kehrs­ex­per­te emp­fiehlt, sich auf ein bes­se­res ÖPNV-An­ge­bot in den Ne­ben­zei­ten zu kon­zen­trie­ren. Da näm­lich sei ei­ne kür­ze­re Tak­tung kein Pro­blem, sagt Chlond. In Kom­bi­na­ti­on mit Gra­tis-Ti­ckets kön­ne man dann Men­schen lo­cken, die den ÖPNV sel­te­ner nut­zen und des­halb nor­ma­ler­wei­se die re­la­tiv teu­ren Ein­zel­ti­ckets kau­fen. Sie sei­en meis­tens oh­ne­hin in den Ne­ben­zei­ten un­ter wegs. Wenn es bei­spiels­wei­se ge­län­ge, dass mehr Rent­ner und Ein­käu­fer mit Bus und Bahn an­statt mit dem Au­to in die Stadt fah­ren, kön­ne das durch­aus et­was brin­gen. In Mann­heim, ei­ner der ge­plan­ten Mo­dell­städ­te, glaubt man je­doch nicht, dass kos­ten­lo­ses Fah­ren kurz­fris­tig um­setz­bar ist. „Als schnell um­setz­ba­re und kurz­fris­tig wirk­sa­me Maß­nah­me se­he ich nur Ver­bes­se­run­gen im ÖPNV – da­zu zäh­len zum Bei­spiel at­trak­ti­ve Fahr­prei­se, dich­te­re Tak­te und neue Ver­bin­dun­gen“, sag­te ÖPNVDe­zer­nent Chris­ti­an Specht am Di­ens­tag. „Wir wer­den uns nun mit dem Bund zu­sam­men­set­zen, um ziel­füh­ren­de ÖPNV-Maß­nah­men für Mann­heim zu be­spre­chen.“Wenn der Rhein-Neckar-Bund sei­ne öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel kos­ten­los an­bie­ten wür­de, spre­che man über Kos­ten in Hö­he von 300 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr – oh­ne Kos­ten für In­stand­hal­tung und Aus­bau. Beim Stutt­gar­ter Ver­kehrs­ver­bund sieht man freie Fahrt für al­le Gäs­te eben­falls kri­tisch. „Ei­ne Di­enst­leis­tung, die nichts kos­tet, ist schwie­rig. ‚Was nichts kos­tet, ist nichts wert‘, heißt es ja oft. Die Di­enst­leis­tung muss ei­nen Wert ha­ben, sonst wird sie nicht ge­wür­digt“, sag­te VVS-Spre­che­rin Ul­ri­ke Weiß­in­ger. Au­ßer­dem be­ste­he die Ge­fahr, dass die Qua­li­tät des An­ge­bots lei­den könn­te, wenn der Bund nur die feh­len­den Ti­cket-Ein­nah­men zu­schießt, aber dar­über hin­aus kein Geld für War­tung vor­han­den sei. Statt Bus und Bahn kos­ten­los an­zu­bie­ten, sei es sinn­vol­ler, das Geld in die In­fra­struk­tur zu ste­cken, sag­te Weiß­in­ger. „Bes­ser wä­ren In­ves­ti­tio­nen et­wa in neue Fahr­zeu­ge und neue Stre­cken.“VVS-Kun­den nutz­ten laut Ver­band im ver­gan­ge­nen Jahr rund 380 Mil­lio­nen Mal Bus und Bahn. Aus dem Ti­cket­ver­kauf er­zielt der Ver­bund über ei­ne hal­be Mil­li­ar­de Eu­ro. Tü­bin­gens Ober­bür­ger­meis­ter Manfred Pal­mer (Grü­ne) sieht sei­ne Stadt für die of­fe­nen Fra­gen rund um den kos­ten­lo­sen ÖPNV ge­wapp­net. Er hat sich ges­tern mit ei­nem Brief an die Bun­des­re­gie­rung ge­wandt und dar­um ge­be­ten, Tübingen mit sei­nen 90000 Ein­woh­nern ne­ben Mann­heim, Her­ren­berg und Reut­lin­gen zur vier­ten Mo­dell­stadt im Süd­wes­ten zu ma­chen. Das fer­ti­ge Kon­zept da­für sei be­reits vor­han­den. Dem­nach müss­ten rund neun Mil­lio­nen Eu­ro Fahr­geld­ein­nah­men im Jahr er­setzt wer­den, da­mit die Tü­bin­ger gra­tis Bus und Bahn fah­ren kön­nen. Fällt die Bar­rie­re „Fahr­preis“, rech­net die Kom­mu­ne mit ei­nem Drit­tel mehr Fahr­gäs­te.

Fo­to: dpa

Die Bun­des­re­gie­rung will an­ge­sichts ei­ner dro­hen­den Kla­ge der EU-Kom­mis­si­on ih­re Maß­nah­men für sau­be­re Luft in deut­schen Städ­ten deut­lich aus­wei­ten.

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