God Sa­ve the Queen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis West (W / West-Ausgabe) - - KULTUR · KULTUR REGIONAL NACHRICHTEN - Von Chris­toph Dries­sen, dpa Ter­mi­ne

ar­te mal, bis du 70 wirst“, hat El­ke Hei­den­reich früWher im­mer zu ei­ner we­sent­lich jün­ge­ren Freun­din ge­sagt. Hei­den­reich nimmt kein Blatt vor den Mund und fin­det es be­scheu­ert, wenn Zei­tun­gen ei­nen Be­richt über je­man­den brin­gen, nur weil der ei­nen run­den Ge­burts­tag hat. Als sie 70 wur­de, hat sie mit die­ser Be­grün­dung ein In­ter­view ab­ge­lehnt. Und heu­te wird sie 75. Will sie nicht viel­leicht doch et­was sa­gen? Al­so, na­tür­lich nicht über ih­ren Ge­burts­tag, nein, nein, aber viel­leicht über ein neu­es Buch-, Mu­si­ko­der Fern­seh­pro­jekt? Oder die deut­sche Li­te­ra­tur­sze­ne? Oder die merk­wür­di­ge Stadt Köln, in der sie frei­wil­lig schon so lan­ge wohnt? „Herz­lich und den­noch: Nein.“Ei­gent­lich scha­de, aber sie fällt nicht auf die An­fra­ge rein. Da­bei ist es nun auch wie­der nicht so, als wür­de sie nie über das Äl­ter­wer­den re­den. Im Ge­gen­teil. In ih­rem Buch „Al­les kein Zu­fall“er­zählt sie von eben die­ser ih­rer bes­ten Freun­din, die we­sent­lich jün­ger ist als sie. Frü­her hat sie der öf­ters ge­sagt: „Werd’ du erst mal 50!“Der Satz fiel zum Bei­spiel, wenn die Freun­din sie zum Sport ani­mie­ren woll­te. Als sie 60 wur­de, sag­te sie: „Werd’ du mal 60!“und dann: „Wenn du mal 70 bist, wirst du an mich den­ken.“Doch da be­kam die Freun­din ei­nen Wut­an­fall: Sie sei die Sprü­che ein­fach leid, mach­te sie ihr klar. Kon­se­quenz: „Jetzt sa­ge ich Wut­an­fall nichts mehr in der Rich­tung, wer­de ver­gnügt 80 und se­he ihr beim 60Wer­den zu.“So er­fährt man ziem­lich viel über El­ke Hei­den­reich aus ih­ren Bü­chern. Auch sehr Per­sön­li­ches. Sie ist zum Bei­spiel ihr gan­zes Le­ben ei­ne gro­ße Auf­be­wah­re­rin ge­we­sen, aber mitt­ler wei­le mis­tet sie aus. „Ich will de­nen, die ich lie­be, ein der­art gründ­lich ver­wahr­tes Le­ben nicht zu­mu­ten“, be­grün­det sie das. Ju­gend­brie­fe, Ta­ge­bü­cher, Zei­tungs­ar­ti­kel – al­les lan­det im gro­ßen blau­en Müll­sack. Im Al­ter kom­men frü­he Er­in­ne­run­gen mit Macht zu­rück, heißt es häu­fig. Auch bei El­ke Hei­den­reich ist das so. Ein­mal ge­riet sie in Hol­land in ei­nen La­ter­nen­um­zug. „Die La­ter­nen, der Ge­sang, die Kind­heit stieg hoch, mei­ne ein­sa­me Kind­heit oh­ne rich­ti­ge Fa­mi­lie, nie hat­te ich ei­ne La­ter­ne, nie war ich bei den Um­zü­gen da­bei, mei­ne Mut­ter moch­te all so et­was nicht, und es war, als wür­de jetzt nach 60 Jah­ren der Kum­mer aus mir her­aus­bre­chen. Die­se Stim­mung, so ru­hig, so lie­be­voll, so fried­lich und arg­los, lös­te ein hef­ti­ges Wei­nen in mir aus, ei­nen lau­ten Schluch­zer, Trä­nen.“El­ke Hei­den­reich ist ein Ar­bei­ter­kind aus dem Ruhr­ge­biet. Ih­re El­tern leb­ten ge­trennt. Die Mut­ter hat­te nicht viel Zeit, muss­te Geld ver­die­nen. Sie näh­te ro­te Samt­vor­hän­ge für die Ki­nos und Thea­ter, die nach dem Krieg wie­der öff­ne­ten. Ihr Va­ter war Au­to­me­cha­ni­ker und re­pa­rier­te die ers­ten Lu­xus­wa­gen des Wirt­schafts­wun­ders. Manch­mal hol­te er sie in ei­nem Ja­gu­ar von der Schu­le ab, so dass al­le gro­ße Au­gen mach­ten. Da­bei war ihr Zu­hau­se de­pri­mie­rend: „Fünf Per­so­nen, die sich hass­ten, in zwei Zim­mern mit Kü­che, kein Bad, Klo ei­ne Trep­pe tie­fer.“ Ihr gro­ßer Trös­ter wa­ren Bü­cher. Ih­re Leh­re­rin gab die Pa­ro­le aus: „Al­les hä­kelt, El­ke liest!“Mit 15 Jah­ren kam sie als Pfle­ge­kind zu ei­ner evan­ge­li­schen Pfar­rer­fa­mi­lie nach Bonn und konn­te Abitur ma­chen. Pfle­ge­el­tern Da­nach stu­dier­te sie Ger­ma­nis­tik, Thea­ter­ge­schich­te und Re­li­gi­ons­wis­sen­schaft und ar­bei­te­te als Jour­na­lis­tin. Der Durch­bruch kam An­fang der 80er Jah­re mit der Mo­de­ra­ti­on der Talk­show „Köl­ner Treff“, vor al­lem aber mit der Rol­le als Metz­ger­gat­tin El­se Strat­mann aus Wan­ne-Ei­ckel. Die Ge­schich­te mit dem La­ter­nen­um­zug geht üb­ri­gens noch wei­ter. „Da ließ ein klei­nes Mäd­chen die Hand sei­ner Mut­ter los, kam zu mir, nahm mei­ne Hand und gab mir in die an­de­re sei­ne rot­gel­be La­ter­ne. Wir gin­gen zu­sam­men, und ich wein­te all mei­nen Kin­der­kum­mer aus mir her­aus, und das klei­ne Mäd­chen hat das al­les ver­stan­den.“ Am Sams­tag darf im Mo­bi­lat, Salz­stra­ße 27, zu Brit­pop/In­die/Al­ter­na­ti­ve-Tu­nes ge­tanzt wer­den. An den Decks: And­rew und Sher­mii. Ein­lass ist ab 23 Uhr, der Ein­tritt be­trägt fünf Eu­ro.

„Ich will de­nen, die ich lie­be, ein der­art gründ­lich ver­wahr­tes Le­ben nicht zu­mu­ten.“ El­ke Hei­den­reich „Die Kind­heit stieg hoch, mei­ne ein­sa­me Kind­heit oh­ne rich­ti­ge Fa­mi­lie.“ El­ke Hei­den­reich

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