Heu­te Abend be­ginnt die 68. Ber­li­na­le mit dem Ani­ma­ti­ons­film „Is­le of Dogs“von Wes An­der­son.

US-Zeich­ner Art Spie­gel­man ist 70 Jah­re alt

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis West (W / West-Ausgabe) - - VORDERSEITE - Von Chris­ti­na Hors­ten, dpa Von un­se­rem Re­dak­teur Uwe Gros­ser

Art Spie­gel­man macht sich Sor­gen. „Stän­dig bin ich be­un­ru­higt“, sag­te der Co­mic-Zeich­ner jüngst dem bri­ti­schen „In­de­pen­dent“. „Das liegt in mei­ner Na­tur. Aber jetzt ha­be ich end­lich et­was ge­fun­den, wor­über sich das Sor­gen lohnt.“Spie­gel­man meint US-Prä­si­dent Do­nald Trump. „Ich se­he da Ähn­lich­kei­ten zu Hit­ler in der Wei­se, wie es sehr schnell zu Din­gen kam, die mir sur­re­al vor­kom­men.“Der Zeich­ner, der heu­te 70 Jah­re alt wird, be­ob­ach­tet in sei­nem ame­ri­ka­ni­schen Hei­mat­land zu­dem ein „Ab­rut­schen hin zu Grob­heit“. Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und der Ho­lo­caust ha­ben Spie­gel­man ge­prägt und zum an­hal­ten­den Mah­ner wer­den las­sen. In den 80er Jah­ren pack­te er sei­ne Ge­dan­ken da­zu in ein Co­mic: „Maus“. Für Kri­ti­ker war es ein Ta­bu­bruch, Na­zis als Kat­zen und Ju­den als Mäu­se zu zeich­nen. Darf man den Ho­lo­caust als Co­mic ver­pa­cken und Tie­re als Me­ta­phern wäh­len? „Ich ma­che Co­mics, al­so war es für mich die na­tür­li­che Spra­che, in der ich spre­chen konn­te“, lau­te­te Spie­gel­mans Be­grün­dung. „Maus“mach­te den Zeich­ner welt­be­kannt. 1992 er­hielt er als ers­ter Co­mic-Au­tor den Pu­lit­zer-Preis. „,Maus’ hat Abs­trak­tio­nen be­nutzt, um es re­al zu ma­chen“, sagt Spie­gel­man. „Ich ha­be es nie ge­macht, um die Welt zu ver­bes­sern. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass man die über­haupt bes­ser ma­chen könn­te, denn es pas­sie­ren doch im­mer wie­der die glei­chen grau­sa­men Din­ge. Aber ich ha­be ge­hofft, dass, wenn man ei­ne em­pha­ti­sche Re­ak­ti­on durch Kunst hat, dass es ei­nem dann er­mög­licht wird, die Er­fah­rung zu ab­sor­bie­ren.“ Pu­lit­zer-Preis Die El­tern über­leb­ten Au­schwitz von­ein­an­der ge­trennt und ka­men nach der Be­frei­ung des La­gers im Ja­nu­ar 1945 wie­der zu­sam­men. Der ers­te Sohn starb im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Spie­gel­man wur­de 1948 in Stockholm ge­bo­ren, wäh­rend die Fa­mi­lie auf die Über­fahrt nach Ame­ri­ka war­te­te. Die Er­in­ne­run­gen der Ver­gan­gen­heit blie­ben bei den El­tern prä­sent. Spie­gel­man flüch­te­te sich in Co­mics und spä­ter in Dro­gen. 1968 folg­te ein Zu­sam­men­bruch, er wur­de in ei­ne Kli­nik ein­ge­wie­sen. Im sel­ben Jahr – kurz nach dem Tod des ein­zi­gen Bru­ders – be­ging sei­ne Mut­ter Selbst­mord. In der Kunst fand Spie­gel­man ei­nen Weg, die Ge­scheh­nis­se zu ar­ti­ku­lie­ren. Den Tod sei­ner Mut­ter pran­ger­te er in „Ge­fan­ge­ner auf dem Höl­len­pla­ne­ten“an. 1972 be­gann er die Er­zäh­lun­gen sei­nes Va­ters auf Ton­band auf­zu­neh­men. Ers­te „Maus“-Co­mics er­schie­nen im Ma­ga­zin „Raw“, 1986 ka­men sie in Buch­form her­aus. Er hat­te den Lei­dens­weg sei­ner El­tern nach­ge­zeich­net, in dras­ti­scher Me­ta­phern­spra­che. Und be­wies: Co­mics sind ernst­haf­ten The­men ge­wach­sen. An­fang der 90er Jah­re be­gann Spie­gel­man für das Ma­ga­zin „New Yor­ker“zu ar­bei­ten, wo sei­ne Ehe­frau, die Fran­zö­sin Françoi­se Mou­ly, bis heu­te Art-Di­rek­to­rin ist. Spie­gel­man ent­warf vie­le Ti­tel­bil­der, sein be­rühm­tes­tes er­schien we­ni­ge Ta­ge nach den Ter­ror­an­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001. Ganz schwarz, die Twin To­wers sind sche­men­haft zu er­ken­nen. Dras­tisch

Zwei The­men ha­ben die Ge­sprä­che über die 68. Ber­li­na­le, die heu­te Abend be­ginnt, im Vor­feld be­stimmt: der Ab­schied von Fes­ti­val-Di­rek­tor Die­ter Kosslick, der aber erst nach der Ber­li­na­le 2019 geht, und die #MeToo-De­bat­te, die, aus­ge­hend von Hol­ly­wood, längst auch die Kul­tur­sze­ne in Eu­ro­pa be­schäf­tigt. Die Schau­spie­le­rin Clau­dia Ei­sin­ger hat Kosslick über die In­ter­net-Platt­form chan­ge.org so­gar da­zu auf­ge­for­dert, den ro­ten Tep­pich schwarz ein­zu­fär­ben. Be­grün­dung: „In Hol­ly­wood tru­gen die Schau­spie­le­rin­nen schwarz.“Die Ber­li­na­le müs­se mit dem Tep­pich eben­falls Po­si­ti­on be­zie­hen ge­gen se­xu­el­len Miss­brauch und Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en. We­gen sei­nes Ab­schieds muss­te sich Kosslick der weil mit ganz an­de­ren Kon­fron­ta­tio­nen aus­ein­an­der­set­zen: 79 deut­sche Film­schaf­fen­de, dar­un­ter die Os­car-Preis­trä­ger Volker Sch­lön­dorff und Ca­ro­li­ne Link, for­der­ten für die Ber­li­na­le ei­nen grund­le­gen­den Neu­an­fang:

Am Pots­da­mer Platz wer­den die letz­ten Bä­ren auf­ge­stellt, und Ber­li­na­le-Chef Die­ter Kosslick war­tet schon am ro­ten Tep­pich auf Stars. Nein, das Fo­to ist na­tür­lich vom ver­gan­ge­nen Jahr.

Fo­tos: dpa

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Co­mic-Zeich­ner und un­er­schro­cke­ner Mah­ner: Art Spie­gel­man.

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