SPD sor­tiert sich neu

Nach Sel­le­rings Rück­tritt wer­den drei Spit­zen­äm­ter neu be­setzt

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Kraichgau Stimme - - VORDERSEITE - Von Bern­hard Jun­gin­ger

BER­LIN/SCHWE­RIN Knapp vier Mo­na­te vor der Bun­des­tags­wahl muss SPD-Chef und Kanz­ler­kan­di­dat Martin Schulz sei­ne Par­tei neu auf­stel­len und wich­ti­ge Pos­ten neu be­set­zen. Das Per­so­nal­ka­rus­sell kam in Gang, weil Meck­len­burg-Vor­pom­merns Mi­nis­ter­prä­si­dent Er­win Sel­le­ring (SPD) ges­tern we­gen ei­ner Krebs­er­kran­kung sei­nen Rück­zug an­ge­kün­digt hat.

Kri­tik Nach­fol­ge­rin in Schwe­rin soll Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig wer­den, de­ren Pos­ten die bis­he­ri­ge SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley über­neh­men soll. Sie freue sich auf die neue Auf­ga­be und über­ge­be die SPD-Par­tei­zen­tra­le „her­vor­ra­gend auf­ge­stellt“, sag­te Bar­ley. Als Ge­ne­ral­se­kre­tär soll von kom­men­der Wo­che an Hu­ber­tus Heil den Wahl­kampf der So­zi­al­de­mo­kra­ten lei­ten. Schwe­sig er­klär­te, sie ste­he als Nach­fol­ge­rin be­reit. Sie kehrt da­mit in die Hei­mat zu­rück: In Schwe­rin war sie 2008 So­zi­al­mi­nis­te­rin ge­wor­den, ehe sie im De­zem­ber 2013 nach Ber­lin wech­sel­te. Sie soll von Sel­le­ring auch den Lan­des­vor­sitz über­neh­men, bis­her war sie Vi­ze-Lan­des­che­fin. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) wür­dig­te Sel­le­rings Schritt. „Ich ha­be gro­ßen Re­spekt vor Er­win Sel­le­rings Ent­schei­dung. Ich wün­sche ihm und sei­ner Fa­mi­lie Kraft für die kom­men­den Mo­na­te“, ließ sie über ih­ren Re­gie­rungs­spre­cher er­klä­ren. SPDChef Schulz zoll­te Sel­le­ring Re­spekt. „Die Be­trof­fen­heit sitzt bei uns al­len tief“, sag­te er.

Die Per­so­nal­ent­schei­dun­gen ge­ben Schulz die Mög­lich­keit, die SPD bes­ser auf­zu­stel­len. Kei­ner in der SPD will sich dem Ver­dacht aus­set­zen, er kön­ne der trau­ri­gen Nach­richt von der Krebs­er­kran­kung Er­win Sel­le­rings ir­gend­et­was Po­si­ti­ves ab­ge­win­nen. Doch gleich­zei­tig ist den SPD-Stra­te­gen klar: Die Par­tei muss­te die durch Sel­le­rings Rück­tritt ent­ste­hen­den Per­so­nal­fra­gen schnell klä­ren, um ih­re Chan­cen auf ein or­dent­li­ches Er­geb­nis bei der Bun­des­tags­wahl im Herbst noch ir­gend­wie zu wah­ren. Mit ei­nem Sieg, mit ei­nem Bun­des­kanz­ler Martin Schulz, rech­net im Mo­ment ja kei­ner ernst­haft mehr. Zu tief sitzt der Schock nach drei kra­chend ver­lo­re­nen Land­tags­wah­len und deut­lich ab­ge­sack­ten Um­fra­ge­wer­ten von Kanz­ler­kan­di­dat Martin Schulz. Schuld an der Mi­se­re, so grum­mel­te es in der Par­tei zu­letzt im­mer lau­ter und im­mer of­fe­ner, sei Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley.

Bie­der Ein­peit­scher und An­füh­rer der Ab­tei­lung Atta­cke, auch Strip­pen­zie­her – all das muss der Ge­ne­ral­se­kre­tär ei­ner Par­tei sein. Und all das war Ka­ta­ri­na Bar­ley nie. Nach dem Ge­schmack vie­ler Ge­nos­sen agier­te sie zu zu­rück­hal­tend, zu bie­der, zu zahn- und plan­los. Das Wil­ly-Brand­tHaus mit sei­nen kon­kur­rie­ren­den und in­tri­gie­ren­den Cli­quen be­kam sie nie in den Griff und ih­re feh­len­de Er­fah­rung in der Or­ga­ni­sa­ti­on wich­ti­ger Wahl­kämp­fe ließ sich zu­letzt nicht mehr ver­ber­gen. Für ihr Amt war Ka­ta­ri­na Bar­ley schlicht­weg zu nett. So nett, so be­liebt al­ler­dings, dass es Par­tei­chef Martin Schulz wohl vie­le Sym­pa­thi­en ge­kos­tet hät­te, wenn er sie ein­fach schnö­de ge­feu­ert hät­te.

Der Rück­tritt Sel­le­rings, bei all sei­ner zu­grun­de lie­gen­den Tra­gik, er­öff­net der SPD nun die Mög­lich­keit, ihr Bar­ley-Pro­blem auf ganz ele­gan­te Wei­se zu lö­sen. Im Rah­men ei­ner gro­ßen Per­so­nal­ro­cha­de, bei der es schein­bar nur Ge­win­ner gibt.

Ka­ta­ri­na Bar­ley bleibt nicht nur ein kar­rie­re­schä­di­gen­der Raus­wurf er­spart, sie steigt so­gar ins Amt der Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin auf, für das sie mit ih­rer aus­glei­chen­den Art vie­len als Ide­al­be­set­zung gilt.

Kar­rie­re Ma­nue­la Schwe­sig, die bis­he­ri­ge Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin, wird Re­gie­rungs­che­fin ih­rer Hei­mat Meck­len­burg-Vor­pom­mern – ein wei­te­rer Kar­rie­re­schritt, ih­re Rol­le in der SPD dürf­te künf­tig noch wich­ti­ger wer­den. Und Martin Schulz muss nun nicht mehr fürch­ten, der SPD mit ei­nem mög­li­chen Raus­wurf Bar­leys mit­ten im Wahl­kampf wei­te­re Ne­ga­tiv­schlag­zei­len zu be­sche­ren. Er will nun be­wei­sen, dass er als Par­tei­chef über ähn­li­che Fä­hig­kei­ten im Pos­ten-Schach ver­fügt wie sein Vor­gän­ger Sig­mar Ga­b­ri­el. Um ein De­ba­kel bei der Bun­des­tags­wahl in vier Mo­na­ten zu ver­mei­den, darf im Wahl­kampf nun nichts mehr schief­ge­hen.

Ga­ran­tie­ren soll dies nun Hu­ber­tus Heil als neu­er Ge­ne­ral­se­kre­tär. Dass Schulz nun den 44jäh­ri­gen Nie­der­sach­sen zu Schlüs­sel­fi­gur sei­ner Kam­pa­gne macht, er­staunt in­des. Heil hat zwar Er­fah­rung in die­sem Amt, das er von 2005 bis 2009 schon ein­mal be­klei­de­te. Doch die von ihm ent­schei­dend mit­ver­ant­wor­te­te Kam­pa­gne von Kanz­ler­kan­di­dat Frank-Wal­ter St­ein­mei­er zur Bun­des­tags­wahl 2009 en­de­te für die SPD mit dem schlech­tes­ten Er­geb­nis al­ler Zei­ten.

Ob Heil mehr Schub für die SPD bringt, ist frag­lich

Plei­te Nur rund 23 Pro­zent der Wäh­ler mach­ten ihr Kreuz bei den So­zi­al­de­mo­kra­ten – Hu­ber­tus Heil trat zu­rück. Ob aus­ge­rech­net er der fest­ge­fah­re­nen Kanz­ler-Be­wer­bung von Martin Schulz neu­en Schub ge­ben kann, ist mehr als frag­lich.

Fo­tos: dpa

Er­win Sel­le­ring tritt zu­rück, Ma­nue­la Schwe­sig über­nimmt das Amt.

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