Job-Wech­sel- Spie­le bei der SPD

BER­LIN/SCHWE­RIN Mi­nis­ter­prä­si­dent Sel­le­ring löst mit sei­nem krank­heits­be­ding­ten Rück­tritt ein po­li­ti­sches Be­ben in der Haupt­stadt aus

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Kraichgau Stimme - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Martin Fer­ber

Genau 209 Ki­lo­me­ter sind es vom Kol­le­gi­en­ge­bäu­de in der Schwe­ri­ner Schloss­stra­ße, wo der Mi­nis­ter­prä­si­dent von Meck­len­burg-Vor­pom­mern re­si­diert, bis zum Wil­ly-Brandt-Haus in der Ber­li­ner Wil­helm­stra­ße, dem Sitz der SPD-Zen­tra­le. Doch in nor­ma­len Zei­ten lie­gen Wel­ten zwi­schen den bei­den Ge­bäu­den. Was in der eher ge­ruh­sa­men Lan­des­haupt­stadt von Meck­len­burg-Vor­pom­mern po­li­tisch vor sich geht, wird im hek­ti­schen Ber­lin kaum re­gis­triert, was an der Küs­te für Auf­re­gung sorgt, in­ter­es­siert in der Bun­des­haupt­stadt nie­man­den.

Doch ges­tern war das völ­lig an­ders. Ei­ne Per­so­nal­ent­schei­dung im fer­nen Schwe­rin lös­te in der dritt­letz­ten Sit­zungs­wo­che des Bun­des­ta­ges vor der Som­mer­pau­se und so­mit vor der Bun­des­tags­wahl ein po­li­ti­sches Be­ben in Ber­lin aus und brach­te völ­lig über­ra­schend das Per­so­nal­ka­rus­sell in der SPD wie in der Bun­des­re­gie­rung zum Dre­hen.

Al­les be­gann da­mit, dass am Mor­gen der Mi­nis­ter­prä­si­dent von Meck­len­burg-Vor­pom­mern, der 67jäh­ri­ge Er­win Sel­le­ring, aus hei­te­rem Him­mel sei­nen Rück­tritt vom Amt des Re­gie­rungs­chefs wie des SPD-Vor­sit­zen­den ver­kün­de­te. Ein Pau­ken­schlag, denn erst vor acht Mo­na­ten, im Sep­tem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res, hat­te er die Land­tags­wah­len klar ge­won­nen und er­neut ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on mit der CDU ge­bil­det. Am 1. No­vem­ber wur­de der ge­bür­ti­ge West­fa­le in sei­nem Amt, das er be­reits seit 2008 in­ne­hat, für wei­te­re fünf Jah­re be­stä­tigt.

Kron­prin­zes­sin Doch die Ge­sund­heit spiel­te nicht mehr mit. „Bei mir ist vor ei­ni­gen Ta­gen völ­lig über­ra­schend ei­ne Lymph­drü­sen-Krebs­er­kran­kung fest­ge­stellt wor­den, die um­ge­hend ei­ne mas­si­ve The­ra­pie er­for­dert“, gab Sel­le­ring in ei­ner Er­klä­rung be­kannt. Er wer­de des­halb nicht mehr in der La­ge sein, das Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten aus­zu­fül­len. Gleich­zei­tig schlug er den Gre­mi­en sei­ner Par­tei Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig als sei­ne Nach­fol­ge­rin in bei­den Äm­tern vor.

Das wie­der­um war kei­ne Über­ra­schung. Die 43-jäh­ri­ge So­zi­al­de­mo­kra­tin, die ur­sprüng­lich aus Frankfurt/Oder kommt, aber seit vie­len Jah­ren mit ih­rem Mann und den bei­den Kin­dern in Schwe­rin lebt, galt schon lan­ge als Kron­prin­zes­sin und po­ten­zi­el­le Nach­fol­ge­rin Sel­le­rings. All­ge­mein wur­de er­war­tet, dass der Mi­nis­ter­prä­si­dent nach der Bun­des­tags­wahl, spä­tes­tens in der Mit­te der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode, den Platz für die stell­ver­tre­ten­de SPD-Che­fin räumt. Nun aber wird al­les viel schnel­ler ge­hen. Am 1. Ju­li soll ein Son­der­par­tei­tag die Per­so­nal­ent­schei­dung be­stä­ti­gen, da­nach könn­te Schwe­sig in die no­ble Staats­kanz­lei ge­gen­über dem Schwe­ri­ner Schloss ein­zie­hen. Bis da­hin will Sel­le­ring noch im Amt blei­ben.

In der SPD hat­te die Di­plom-Fi­nanz­wir­tin und eins­ti­ge Steu­er­fahn­de­rin ei­ne Blitz­kar­rie­re hin­ge­legt: 2008 hol­te sie Er­win Sel­le­ring in sein Ka­bi­nett und mach­te sie mit 34 Jah­ren zur So­zi­al- und Ge­sund­heits­mi­nis­te­rin, wo­mit sie Deutsch­lands jüngs­te Mi­nis­te­rin war.

Ein Jahr spä­ter stieg sie zur SPDVi­ze­che­fin auf, 2013 zog sie schließ­lich als Bun­des­mi­nis­te­rin für Fa­mi­lie, Se­nio­ren, Frau­en und Ju­gend ins Bun­des­ka­bi­nett ein. Wäh­rend die­ser Zeit kam auch ihr zwei­tes Kind auf die Welt, Schwe­sig nahm nur ei­ne kur­ze Aus­zeit. Mit ih­rer Rück­kehr nach Schwe­rin an die Spit­ze der Lan­des­re­gie­rung steigt sie auf der Kar­rie­re­lei­ter ei­nen Schritt wei­ter nach oben.

Ihr Weg­zug macht al­ler­dings ei­ne Neu­be­set­zung im Ka­bi­nett nö­tig, wenn auch nur für we­ni­ge Mo­na­te. Wäh­rend sich SPD-Chef Martin Schulz ges­tern nicht äu­ßern woll­te, mach­te in Ber­lin längst ein Na­men die Run­de: Ka­ta­ri­na Bar­ley, die vor zwei Jah­ren vom da­ma­li­gen SPDChef Sig­mar Ga­b­ri­el als Nach­fol­ge­rin von Yas­min Fa­hi­mi als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin be­ru­fen wur­de, soll das Wil­ly-Brandt-Haus ver­las­sen und ins Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um wech­seln.

Rück­kehr Da­mit, so war klar, schlägt die SPD zwei Flie­gen mit ei­ner Klap­pe: Zum ei­nen könn­te Bar­ley, die zu­neh­mend in der ei­ge­nen Par­tei als schwach kri­ti­siert wur­de, auf ele­gan­te Wei­se in ein hoch­ran­gi­ges Mi­nis­ter­amt weg­ge­lobt wer­den. Und zum an­de­ren könn­te der neue Par­tei­chef Martin Schulz ei­ne Per­son sei­nes Ver­trau­ens für die hei­ße Pha­se des Wahl­kamp­fes ins Wil­lyBrandt-Haus ho­len. Sein Na­me: Hu­ber­tus Heil. Für den 44-jäh­ri­gen stell­ver­tre­ten­den Frak­ti­ons­chef und Wirt­schafts­ex­per­ten ist es die Rück­kehr in ein ver­trau­tes Amt, war er doch schon von 2005 bis 2009 Ge­ne­ral­se­kre­tär. Ein Bäum­chen­wechs­le-dich-Spiel in Ber­lin – und das al­les we­gen ei­nes Rück­tritts in 209 Ki­lo­me­tern Ent­fer­nung.

Fo­to: dpa/Ar­chiv

Der Mi­nis­ter­prä­si­dent und sei­ne de­si­gnier­te Nach­fol­ge­rin: Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig und Meck­len­burg-Vor­pom­merns Mi­nis­ter­prä­si­dent Er­win Sel­le­ring (bei­de SPD) bei ei­ner Sit­zung des Bun­des­rats 2015.

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