Der Pa­tri­arch stellt sich der Fa­mi­lie

STUTT­GART Fer­di­nand Piëch bei der Haupt­ver­samm­lung der Por­sche SE

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Kraichgau Stimme - - WIRTSCHAFT · ROMAN - Von un­se­rem Re­dak­teur Jür­gen Stram­mer

Nor­ma­ler­wei­se sit­zen die Auf­sichts­rä­te bei der Haupt­ver­samm­lung ei­ner Ak­ti­en­ge­sell­schaft stun­den­lang still auf dem Po­di­um und schau­en streng oder ge­lang­weilt in die Men­ge. Aber was ist in die­sen Ta­gen schon nor­mal im Volks­wa­gen-Reich. So war die Haupt­ver­samm­lung der Hol­ding Por­sche SE ges­tern in Stutt­gart ei­ne ganz be­son­de­re Ver­an­stal­tung – und das lag nur an ei­nem Mann.

Zer­würf­nis Seit sei­nem un­rühm­li­chen Ab­gang bei der Volks­wa­gen AG und dem mehr oder we­ni­ger frei­wil­li­gen Ver­zicht auf die meis­ten sei­ner Äm­ter war Fer­di­nand Piëch nicht mehr öf­fent­lich in Er­schei­nung ge­tre­ten. Für Schlag­zei­len hat­te er eher hin­ter den Ku­lis­sen ge­sorgt und da­mit das Zer­würf­nis in den Fa­mi­li­en Por­sche und Piëch, die über die Por­sche SE die Macht im Volks­wa­gen-Kon­zern in den Hän­den hal­ten, auf ei­ne ganz neue Ebe­ne ge­bracht.

Der einst mäch­tigs­te Au­to­ma­na­ger der Welt sitzt le­dig­lich noch im Auf­sichts­rat der Por­sche SE. Das hin­der­te ihn im ver­gan­ge­nen Jahr je­doch nicht dar­an, sei­ne Teil­nah­me we­ni­ge St­un­den vor Ver­an­stal­tungs­be­ginn ab­zu­sa­gen. Ent­spre­chend war die Auf­re­gung ges­tern groß. Kommt er?

Ja, er kam tat­säch­lich. Als ei­ner der ers­ten Auf­sichts­rä­te hat der ent­thron­te Pa­tri­arch auf dem Po­di­um in der zwei­ten Rei­he Platz ge­nom­men. Oh­ne er­kenn­ba­re Mi­mik ließ er stän­dig sei­nen Blick von links nach rechts über die rund 4500 Ak­tio­nä­re schwei­fen. Ob­wohl er­kenn­bar um Hal­tung be­müht, zeig­te die­se Un­ru­he, dass selbst ein Fer­di­nand Piëch ei­ne sol­che Si­tua­ti­on nicht mehr un­ge­rührt weg­ste­cken kann. Frü­her auf dem Hö­he­punkt sei­ner Macht hat­te er die Ak­tio­nä­re gar nicht wirk­lich wahr­ge­nom­men und blät­ter­te statt­des­sen bis zum of­fi­zi­el­len Start der Ak­tio­närs­tref­fen in Un­ter­la­gen.

Wäh­rend der kürz­lich 80 Jah­re alt ge­wor­de­ne Piëch im Krei­se vie­ler sei­ner mitt­ler­wei­le un­ge­lieb­ten Ver­wand­ten auf dem Po­di­um saß, hat­te sei­ne Frau Ur­su­la fast schon un­auf­fäl­lig in der drit­ten Rei­he des Zu­schau­er­be­reichs Platz ge­nom­men. Hin­ter vie­len Mit­glie­dern der drit­ten und vier­ten Ge­ne­ra­ti­on der Fa­mi­li­en Por­sche und Piëch, die sich das Er­be des Kä­fer-Schöp­fers Fer­di­nand Por­sche tei­len.

Ur­su­la Piëch scherz­te mit ih­ren Sitz­nach­barn, wäh­rend ihr Mann zum Lieb­lings­ziel der Fo­to­gra­fen wur­de. Zu­vor hat­te sie ihn noch stan­des­ge­mäß in ei­nem blau­en Por­sche durch den Stutt­gar­ter Stau zur Ver­an­stal­tung ge­bracht.

Wie schon die Haupt­ver­samm­lun­gen bei VW und bei Au­di war auch die der Por­sche SE ge­prägt von der Au­f­ar­bei­tung des Die­selskan­dals. Christian Stren­ger, einst Chef der Fonds­ge­sell­schaft DWS, kri­ti­sier­te das „wirk­lich­keits­frem­de Selbst­bild“im Vor­stand und Auf­sichts­rat, die vie­len an­hän­gen­den Kla­gen und die per­so­nel­len Ver­flech­tun­gen zwi­schen Por­sche SE und VW. Por­sche-SE-Vor­stands­vor­sit­zen­der Hans Die­ter Pötsch lei­tet gleich­zei­tig das Auf­sichts­gre­mi­um bei VW. VW-Chef Mat­thi­as Mül­ler sitzt auch im Por­sche-SE-Vor­stand. Stren­ger be­an­trag­te da­her die Nich­t­ent­las­tung der Man­dats­trä­ger bei Por­sche SE. Dem schlos­sen sich an­de­re Ak­tio­nä­re an. Bei den kla­ren Mehr­heits­ver­hält­nis­sen zu­guns­ten der Fa­mi­lie Por­sche/Piëch war das aber nicht mehr als ei­ne Ges­te.

Au­f­ar­bei­tung Kri­ti­siert wur­de von den Ak­tio­närs­ver­tre­tern auch, dass die Au­f­ar­bei­tung der Af­fä­re durch die An­walts­kanz­lei Jones Day nicht öf­fent­lich wird. Pötsch sag­te da­zu, „dass Jones Day die Er­kennt­nis­se aus der Sach­ver­halts­auf­klä­rung nach ei­ge­nem Er­mes­sen und oh­ne Rück­spra­che mit der Volks­wa­gen AG an das De­part­ment of Justi­ce ge­ge­ben hat.“Das US-Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um hat dann die Kern­er­kennt­nis­se in ei­nem „State­ment of facts“ver­öf­fent­licht. Pötsch: „Die Por­sche SE hat kei­ne wei­ter­ge­hen­den In­for­ma­tio­nen zum Stand der Un­ter­su­chun­gen.“Mitt­ler­wei­le ist auch Pötsch selbst, eben­so wie Mat­thi­as Mül­ler und der frü­he­re VW-Chef Martin Win­ter­korn, im Fo­kus der Er­mitt­ler. Der Vor­wurf: Ver­dacht auf Markt­ma­ni­pu­la­ti­on im Zu­sam­men­hang mit dem Die­sel­be­trug. Pötsch be­teu­er­te, dass nicht ge­gen die Re­geln ver­sto­ßen wor­den sei.

„Die Por­sche SE hat kei­ne wei­ter­ge­hen­den In­for­ma­tio­nen zum Stand der Un­ter­su­chun­gen.“Hans Die­ter Pötsch

Fo­to: dpa

Fer­di­nand Piëch hat­te in Stutt­gart wie­der ei­nen öf­fent­li­chen Auf­tritt. Ob­wohl er kein Wort sag­te, wur­de viel über ihn ge­re­det.

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