Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Kraichgau Stimme - - WIRTSCHAFT · ROMAN - Von Ju­li Zeh Fort­set­zung folgt

UNTERLEUTEN

Den ver­schlis­se­nen Ruck­sack hat­te sie auf­ge­ho­ben, weil man so ein treu­es Ding un­mög­lich weg­wer­fen konn­te. Das häss­li­che Mus­ter hat­te sie auf dem Ge­päck­band am Flug­ha­fen im­mer schon von Wei­tem zwi­schen al­len an­de­ren Ta­schen er­kannt.

Jetzt lag der Ruck­sack vor ihr auf dem Kü­chen­tisch und äh­nel­te mit of­fe­nen Reiß­ver­schlüs­sen und klaf­fen­den Fä­chern ei­ner Lei­che bei der Ob­duk­ti­on. Selt­sa­mer­wei­se muss­te Ju­le kei­ne Se­kun­de über­le­gen, was sie mit­neh­men woll­te. Es war, als ver­wan­del­te das Pa­cken sie au­to­ma­tisch in ihr frü­he­res Ich zu­rück. Wie von selbst gab das Haus aus der Mit- te sei­ner ge­füll­ten Zim­mer all je­ne Din­ge frei, die zu Ju­les Stu­den­ten­zeit ge­hör­ten. Ei­ne Je­ans mit Loch am Knie, die in­zwi­schen ein biss­chen zu weit war, aber auch mit Gür­tel gut aus­sah. Ei­ne ab­ge­grif­fe­ne Ta­schen­buch­aus­ga­be von „Ulys­ses“, die man an je­der be­lie­bi­gen Stel­le auf­schla­gen und im­mer wie­der glau­ben konn­te, dass man zum ers­ten Mal da­rin le­se. Ei­ne klei­ne Stoff­kat­ze, die so in­ten­siv nach Ju­le roch, dass sie nur die Na­se da­rin ver­gra­ben muss­te, um sich auf je­der Bahn­hofs­bank wie im ei­ge­nen Bett zu füh­len. Da sie für ihr ak­tu­el­les Vor­ha­ben we­der Ba­de­sa­chen noch Steck­do­se­n­ad­ap­ter oder Rei­se­apo­the­ke brauch­te, blieb ge­nug Platz für die neu hin­zu­ge­kom­me­nen Ge­gen­stän­de: So­phies Fläsch­chen, So­phies Stram­pel­an­zü­ge, So­phies Schnul­ler, Ras­sel und Schmu­se­de­cke.

Je mehr sich der Ruck­sack füll­te, des­to selbst­ver­ständ­li­cher schien das Pa­cken. Plötz­lich fühl­te sich Ju­le wie ein Gast, der schon zu lan­ge an ei­nem Ort ge­blie­ben ist und drin­gend se­hen muss, dass er wei­ter- kommt. Sie frag­te sich, ob sie viel­leicht un­ter Schock stand. Konn­te es wirk­lich sein, dass sich Mann und Haus so leicht ab­strei­fen lie­ßen?

Weil Ger­hard und sie beim Um­zug nach Unterleuten be­schlos­sen hat­ten, ei­nen ech­ten Neu­an­fang zu ma­chen, statt zwei ge­al­ter­te Stu­den­ten­haus­hal­te zu ei­ner Sperr­müll­hal­de zu ver­ei­nen, hat­te Ju­le je­des ein­zel­ne Mö­bel­stück, je­den Vor­hang, je­de Blu­men­va­se und je­den Un­ter­set­zer im neu­en Heim selbst aus­ge­sucht. Nach und nach hat­ten sie die DDRAt­mo­sphä­re ver­trie­ben, hat­ten Li­n­ole­um­bo­den und Pho­to­ta­pe­te ge­gen Par­kett und weiß ge­stri­che­ne Wän­de ge­tauscht und das al­te Ge­mäu­er in ein mo­der­nes und ge­müt­li­ches Zu­hau­se ver­wan­delt. Un­ter den Bli­cken der Nach­barn hat­te Ju­le den Gar­ten ge­ro­det, Gras ge­sät, We­ge an­ge­legt und Him­bee­ren ge­pflanzt. In al­lem, was sie hier um­gab, steck­ten Ar­beit und Herz­blut. Trotz­dem stell­te sich plötz­lich her­aus, dass au­ßer So­phie und ein paar al­ten Kla­mot­ten nichts rich­tig zu ihr ge­hör­te.

Sie hat­te San­ne an­ge­ru­fen. Zu­fäl­lig hat­te sie ih­re Freun­din, die als freie Jour­na­lis­tin stän­dig be­schäf­tigt war, oh­ne et­was zu ver­die­nen, gleich beim ers­ten Ver­such auf dem Han­dy er­reicht. San­ne saß mit Lap­top und Milch­kaf­fee vor ei­nem Ca­fé in Kreuz­berg, konn­te we­gen der Son­ne so gut wie nichts auf dem Bild­schirm er­ken­nen und ging des­halb ans Te­le­fon, statt wei­ter so zu tun, als schrei­be sie ei­nen Bei­trag für die Sonn­tags-TAZ. Ju­le ver­zich­te­te auf Small­talk und frag­te gleich, ob sie mit So­phie vor­über­ge­hend bei San­ne ein­zie­hen kön­ne.

„Streit mit Ger­hard?“, frag­te die Freun­din.

„Wie man’s nimmt“, sag­te Ju­le. „Er hat ei­nen Nach­barn kran­ken­haus­reif ge­schla­gen.“

„Ach so“, sag­te San­ne. „Komm vor­bei.“

Die­ses „Ach so“hat­te bei Ju­le die In­nen­be­leuch­tung an­ge­schal­tet. Mit ei­nem Mal sah sie glas­klar, wor­um es hier ging: Sie kehr­te nach Hau­se zu­rück. Als sie Ger­hard ken­nen­lern­te, hat­te Ju­les Welt aus Men- schen wie San­ne be­stan­den, die ih­ren freund­li­chen Fa­ta­lis­mus als Über­le­bens­stra­te­gie be­trie­ben und in der La­ge wa­ren, so­gar die Iro­nie iro­nisch zu mei­nen. Für Ger­hard hin­ge­gen war stän­dig ir­gend­et­was „un­fass­bar“und er selbst da­bei „fas­sungs­los“. Er be­trach­te­te Be­trof­fen­heit als ers­te Bür­ger­pflicht, ganz egal, ob sich das Un­fass­li­che ge­ra­de in Afri­ka oder im Nach­bar­gar­ten ab­spiel­te. Ju­le hat­te es ge­fal­len, wie hit­zig er am Kn­ei­pen­tisch über glo­ba­le Un­ge­rech­tig­keit spre­chen konn­te. Er kann­te die Fein­de der Mensch­heit – Ban­ken, Öl­fir­men, Waf­fen­lie­fe­ran­ten und die mit ih­nen kol­la­bo­rie­ren­den Po­li­ti­ker – und sag­te „die Wirt­schaft“, „die Me­di­en“und „die Po­li­tik“, als wüss­te er genau, was er da­mit mein­te. In sei­ner lei­den­schaft­li­chen Auf­ge­regt­heit er­schien er Ju­le sehr jung, wäh­rend der ab­ge­klär­te Skep­ti­zis­mus von Leu­ten wie San­ne im Ver­gleich ge­ra­de­zu grei­sen­haft wirk­te. Ju­le ver­ließ den Ach­so-komm-vor­bei-Pla­ne­ten und wur­de Un­ter­mie­ter in Ger­hards Das-ist­so-nicht-hin­nehm­bar-Uni­ver­sum. Hier war die Welt et­was, das be­stän­dig ana­ly­siert und kri­ti­siert wer­den muss­te, ganz egal, ob es sich um Atom­kraft han­del­te oder das Un­ter­leut­ner So­zio­top. Un­ter Ger­hards An­lei­tung be­gann sie, San­nes Fa­ta­lis­mus als Gleich­gül­tig­keit und die Cool­ness der Neun­zi­ger als Aus­druck feh­len­den Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­seins zu be­grei­fen. Das war ein net­ter Trick, um sich ge­gen­über ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on über­le­gen zu füh­len. In Ju­les Au­gen ga­ben Ger­hard und sie ein ro­man­ti­sches Bild ab: ei­ne jun­ge Frau und ein zwan­zig Jah­re äl­te­rer Mann, da­zu der ra­di­ka­le Aus­stieg aus dem ur­ba­nen Ber­lin und die Rhe­to­rik der Re­vo­lu­ti­on – sie hat­te es ge­nos­sen, als Teil ei­ner Zwei-Per­so­nen-Gue­ril­la ge­gen den Strom zu schwim­men. Wenn sie jetzt auf die letz­ten Jah­re zu­rück­blick­te, kam es ihr al­ler­dings vor, als ha­be sie nicht ge­mein­sam mit Ger­hard ihr Le­ben ge­än­dert, son­dern sich auf ei­ne Rei­se durch ei­ne Land­schaft aus im­mer schnel­ler wech­seln­den Ku­lis­sen be­ge­ben.

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