Die sterb­li­chen Über­res­te ei­ner Le­gen­de

LONDON Das Vic­to­ria & Al­bert Mu­se­um zeigt die gro­ße Aus­stel­lung „The Pink Floyd Ex­hi­bi­ti­on – Their Mor­tal Re­mains“

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Kraichgau Stimme - - KULTUR - Von un­se­rer Kor­re­spon­den­tin Ka­trin Pribyl

Ein Schwein schwebt hoch oben in der Luft, ge­nau­so wie die Ko­pie ei­nes Kriegs­flug­zeugs, wäh­rend ein gi­gan­ti­scher, auf­blas­ba­rer Leh­rer mit Rohr­stock in der Hand auf den Be­su­cher her­un­ter­blickt. Er wirkt psy­chisch ge­stört und tut das na­tür­lich mit Ab­sicht. Auch er im über­tra­ge­nen Sin­ne ein Schwein für sei­nen Er­schaf­fer, Ro­ger Wa­ters.

Der Mu­si­ker hat die Er­fah­rung mit dem bö­sen Leh­rer, des­sen Aus­bil­dung ana­log zum be­rühm­ten Lied nie­mand braucht, künst­le­risch ver­ar­bei­tet. Das Schwein flog über die Lon­do­ner Bat­ter­sea Po­wer Sta­ti­on und bil­de­te das le­gen­dä­re Co­ver des Al­bums „Ani­mals“– auch die­se Sze­ne­rie mit dem Nach­bau der Sta­ti­on ver­an­schau­licht in der Aus­stel­lung des Vic­to­ria & Al­bert Mu­se­ums über die bri­ti­sche Band Pink Floyd.

Ein­dring­lich Der Ti­tel „Their Mor­tal Re­mains“, ih­re sterb­li­chen Über­res­te, klingt et­was fins­ter. Aber die Schau, die bis zum 1. Ok­to­ber läuft, ist ei­ne fas­zi­nie­ren­de und gleich­wohl ein­dring­li­che Er­in­ne­rung dar­an, wie lan­ge Pink Floyd be­reits die Büh­nen die­ser Welt ro­cken. Die Rei­se geht durch fünf ex­pe­ri­men­tel­le Jahr­zehn­te, dar­ge­stellt an­hand von Ori­gi­nal-In­stru­men­ten, Brie­fen, Out­fits und Kun­st­ob­jek­ten, Büh­nen­Ac­ces­soires und Fo­to­gra­fi­en, Vi- de­os und Ta­ge­buch­ein­trä­gen. Der Be­su­cher be­tritt die Schau durch ei­ne Re­plik des ur­sprüng­li­chen Tour­bus­ses und lan­det so­fort in der psy­che­de­li­schen Welt der 60er Jah­re aus Licht- und Vi­deo­shows. Ge­grün­det 1965 von Syd Bar­rett, Nick Ma­son, Ro­ger Wa­ters und Rick Wright, ex­pe­ri­men­tier­ten die Mu­si­ker früh so­wohl mit Kunst, mit Neue­run­gen in der Ton­tech­nik als auch mit Dro­gen und wa­ren zu Be­ginn Teil der re­bel­li­schen Ju­gend­kul­tur.

Die Aus­stel­lung ist chro­no­lo­gisch nach Al­ben ge­ord­net, und man er­kennt, wie sich die Band stets neu er­fun­den hat. Am En­de kre­ierten die Meis­ter der vi­su­el­len Ef­fek­te auf der Büh­ne ein wah­res Rock-Thea­ter und lie­fer­ten bom­bas­ti­sche Shows vor bis zu 90 000 Men­schen. Und so feie­re die Aus­stel­lung auch „ei­ne 25jäh­ri­ge gol­de­ne Zeit, als Al­bum­ver­käu­fe durch die De­cke gin­gen und die In­dus­trie über­flu­tet wur­de mit Geld“, sagt Au­brey Po­well.

Su­per­stars Er ist ei­ner der Grün­der des De­sign-Teams von Hip­gno­sis, das für die be­rühm­tes­ten Plat­ten­co­ver ver­ant­wort­lich zeich­net und mit dem Mu­se­um und den noch le­ben­den Band­mit­glie­dern die Schau zu­sam­men­ge­stellt hat. Pink Floyd hät­ten das Mot­to „Die Kunst kommt zu­erst, Geld erst da­nach“ge­habt, er­in­nert er sich. So hieß es of­fen­bar stets un­ter den Mu­si­kern: „Was im­mer es kos­ten mag, mach es.“Das 1973 er­schie­ne­ne Al­bum „The Dark Si­de of the Moon“mach- te Pink Floyd zu glo­ba­len Su­per­stars. Doch es fällt auf, wie sich die Künst­ler um­so mehr zu­rück­zo­gen, je eu­pho­ri­scher sie auf der Welt­büh­ne ge­fei­ert wur­den.

„Wel­cher von ih­nen ist Pink?“, lau­te­te der Dau­er­witz, und er be­zog sich auf die Zu­rück­hal­tung der Mu­si­ker. „Sie hät­ten sich wäh­rend ih­rer Auf­trit­te ih­rem Pu­bli­kum an­schlie­ßen kön­nen, oh­ne er­kannt zu wer­den“, be­fand der Jour­na­list und Pro­du­zent John Peel über die Bei­na­heA­n­ony­mi­tät von Pink Floyd. Das al­lei­ne sei schon ei­ne Leis­tung.

Die Re­tro­spek­ti­ve macht deut­lich, dass es nur we­ni­ge Bands in der Rock­ge­schich­te ge­schafft ha­ben, ih­re Krea­ti­vi­tät aus­zu­le­ben beim gleich­zei­ti­gen Ver­such, die Auf­merk­sam­keit weg von den Mu­si­ker- per­sön­lich­kei­ten und mehr auf ih­re Mu­sik zu zie­hen. Rund 250 Mil­lio­nen Al­ben ha­ben sie ver­kauft, mit ih­ren Lied­tex­ten pro­vo­ziert und ver­sucht, po­li­ti­sche Bot­schaf­ten zu ver­mit­teln, von de­nen vie­le bis heu­te ak­tu­ell sind – ob es sich um Mau­ern han­delt oder Krieg.

Dass im­mer wie­der die Fet­zen zwi­schen den Band­mit­glie­dern flo­gen, klingt an, aber lei­se. Da­bei be­ton­te Ro­ger Wa­ters, der „The Wall“ge­schrie­ben hat und 1985 aus­ge­stie­gen ist, noch vor zwei Jah­ren in ei­nem In­ter­view mit die­ser Zei­tung, wie „un­an­ge­nehm“die letz­ten zehn Jah­re in der Band ge­we­sen wa­ren. Das Miss­be­ha­gen sei ge­kom­men, „nach­dem wir mit ,The Dark Si­de of the Moon’ ir­gend­wie er­reicht hat­ten, was wir als jun­ge Män­ner er­rei­chen woll­ten: er­folg­reich zu sein. Un­se­re We­ge gin­gen phi­lo­so­phisch und po­li­tisch aus­ein­an­der.“

Es war das er­folg­reichs­te Al­bum von Pink Floyd und selbst 44 Jah­re nach dem Er­schei­nen ist es die­ses Plat­ten­co­ver, das je­dem Fan als ers­tes beim Stich­wort Pink Floyd in den Sinn kom­men dürf­te und dem in der Aus­stel­lung ein gan­zer Raum ge­wid­met ist: Vor schwar­zem Hin­ter­grund bricht ein wei­ßer Licht­strahl an ei­nem Pris­ma, der sich da­durch in die Spek­tral­far­ben auf­fä­chert.

IN­FO Aus­stel­lungs­dau­er

V& A Mu­se­um London, Crom­well Road, bis 1. Ok­to­ber täg­lich 10 bis 17.30 Uhr, Frei­tag bis 21.30 Uhr. Ein­tritt: .25 Eu­ro.

Fo­tos: dpa

Pos­ter von Pink-Floyd-Auf­trit­ten im zwi­schen 1966 und 1967 be­ste­hen­den Lon­do­ner Un­der­ground-Club „Ufo“sind Be­stand­tei­le der Schau im V& A Mu­se­um in London.

Glüh­lam­pen-Pup­pen: An­spie­lung auf das Co­ver „De­li­ca­te Sound of Thun­der“. An­lass der Schau ist der 50. Ge­burts­tag des Al­bums „The Pi­per at the Ga­tes of Dawn“.

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