Jun­ge und Frau­en an die Macht

INTERVIEWSchei­den­de Ju­so-Vor­sit­zen­de Ue­ker­mann über Feh­ler im Wahl­kampf und den Neu­start der SPD

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Kraichgau Stimme - - Meinungen - Von un­se­rem Re­dak­teur Jens Die­rolf

Die Ju­so-Bun­des­vor­sit­zen­de Jo­han­na Ue­ker­mann hat die­se Wo­che ih­ren Rück­zug an der Spit­ze der SPD-Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on be­kannt­ge­ge­ben. Nach der Wahl­schlap­pe bei der Bun­des­tags­wahl will sie wei­ter für ei­ne Er­neue­rung ih­rer Par­tei kämp­fen. Im In­ter­view er­zählt sie, war­um sie ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit der Lin­ken be­für­wor­tet und wie Jun­ge und Frau­en die SPD vor­an­brin­gen sol­len. Sie tre­ten als Ju­so-Vor­sit­zen­de nicht mehr an. Ha­ben Sie über­haupt noch Lust auf Po­li­tik? Jo­han­na Ue­ker­mann: Ja klar. Ich bin ein po­li­ti­scher Mensch und war vier Jah­re an der Spit­ze ei­nes tol­len Ju­gend­ver­ban­des. Jetzt ist ein gu­ter Zeit­punkt für den Wech­sel. Die Ju­sos sind kam­pa­gnen­fä­hig und gut auf­ge­stellt, ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on wird jetzt neue Im­pul­se für die SPD ge­ben. Auch ich wer­de mich wei­ter für die Neu­auf­stel­lung un­se­rer Par­tei ein­brin­gen und als stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der Bay­ern-SPD viel Ener­gie in den an­ste­hen­den Land­tags­wahl­kampf ste­cken. Ver­gnü­gungs­steu­er­pflich­tig wird die Neu­aus­rich­tung si­cher nicht… Ue­ker­mann: Das wird ei­ne sehr span­nen­de Zeit. Wir ha­ben in der SPD nach Wahl­nie­der­la­gen im­mer wie­der ge­sagt, dass wir et­was Grund­le­gen­des än­dern müs­sen. Aber Ta­ten sind nicht ge­folgt. Das muss jetzt an­ders wer­den. Wir müs­sen uns neu auf­stel­len. In­halt­lich, or­ga­ni­sa­to­risch und per­so­nell. Die vie­len Neu­ein­trit­te ma­chen Mut. Ins­be­son­de­re, dass vie­le jun­gen Men­schen jetzt in der SPD ak­tiv wer­den wol­len. Wie fällt Ih­re Blitz­ana­ly­se für die Wahl­plei­te aus? Ue­ker­mann: Wir ha­ben in der gro­ßen Ko­ali­ti­on zu vie­le klein­tei­li­ge Kom­pro­mis­se ge­macht, es war schwie­rig, sicht­bar zu wer­den. Es gab kaum Rich­tungs­streit zwi­schen links und rechts, die Un­ter­scheid­bar­keit zur Uni­on hat ge­fehlt. De­mo­kra­tie braucht aber Rich­tungs­streit und ech­te Al­ter­na­ti­ven. Auch des- halb ist der Gang in die Op­po­si­ti­on rich­tig. Und ei­nen per­so­nel­len Neu­an­fang oh­ne Par­tei­chef Mar­tin Schulz? Ue­ker­mann: Nein. Mar­tin Schulz hat ei­nen lei­den­schaft­li­chen Wahl­kampf ge­führt und ge­nießt da­für gro­ßen Re­spekt in der Par­tei. Als Vor­sit­zen­der muss er bei der Er­neue­rung der SPD jetzt ge­nau­so ent­schlos­sen vor­an­ge­hen, wie in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten. Das traue ich ihm zu. In der zwei­ten SPD-Rei­he sieht es mit Nach­wuchs nicht ge­ra­de ro­sig aus... Ue­ker­mann: Es gibt sehr gu­tes Per­so­nal an vie­len Stel­len. Aber jun­ge Men­schen müs­sen die Chan­ce be­kom­men, in der SPD Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Im Bun­des­tag sitzt bei uns nie­mand un­ter 30 und nur we­ni­ge sind un­ter 35. Ähn­lich mau sieht es in vie­len Land­ta­gen, Kreis­ta­gen oder Ge­mein­de­rä­ten aus. Das müs­sen wir drin­gend än­dern. Jetzt sind wohl SPD und Lin­ke in der Op­po­si­ti­on. Wie ge­hen Sie da­mit um? Ue­ker­mann: Wich­tig ist, dass wir an uns selbst ar­bei­ten, um wie­der stark zu wer­den. Aber wir müs­sen uns öff­nen für Bünd­nis­se mit den Lin­ken. Bei­de Par­tei­en müs­sen ihr Ver­hält­nis klä­ren und auf­ein­an­der zu­ge­hen. Dann schau­en wir, wie wir kon­struk­tiv zu­sam­men­ar­bei­ten kön­nen. Auch ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on ist noch nicht vom Tisch. Wä­re das Zu­wan­de­rungs­kon­zept mit der SPD mach­bar? Ue­ker­mann: Die gro­ße Ko­ali­ti­on ist vom Tisch. Da gibt es kei­ne Hin­ter­tür. Und Ja­mai­ka wird oh­ne­hin kom­men. In­halt­lich ist ei­ne Ober­gren­ze für ein Grund­recht ha­ne­bü­chen. Zu­dem hat die Uni­on jah­re­lang ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz blo­ckiert und kei­ner­lei Kon­zept er­ken­nen las­sen. Schwer vor­stell­bar, dass sie nun plötz­lich et­was Trag­ba­res vor­legt. Kom­men Frau­en in der SPD ei­gent­lich nur nach oben, wenn es brennt? Ue­ker­mann: Die Par­tei hat viel zu lan­ge star­ke Frau­en nicht in die ers­te Rei­he ge­las­sen. Des­halb ist es gut und rich­tig, dass Andrea Nah­les jetzt Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin wird. Für die SPD ist das ei­ne Zu­kunfts­fra­ge. Jun­ge Men­schen und Frau­en müs­sen sicht­bar wer­den, da­mit es wie­der berg­auf geht. Was braucht es für die Jün­ge­ren? Ue­ker­mann: Es war ein ka­ta­stro­pha­ler Feh­ler der gro­ßen Ko­ali­ti­on, dass sie In­ves­ti­tio­nen in die Zu­kunft kom­plett ver­schla­fen hat. Es gab kei­ne Ant­wor­ten auf die gro­ßen Fra­gen: Di­gi­ta­li­sie­rung, Mi­gra­ti­ons­ge­sell­schaft, Wan­del der Ar­beits­welt, be­zahl­ba­re Mie­ten. Wer als Stu­dent aus­zieht oder wer ei­ne Aus­bil­dung macht, kann sich oft kei­ne Woh­nung leis­ten. Die SPD hat das nicht ge­ra­de zum Wahl­kampf­schla­ger ge­macht. Ue­ker­mann: Be­zahl­ba­res Woh­nen ist ein Me­ga­the­ma. Das Pro­blem war, dass wir vie­le The­men auf­ge­macht ha­ben und da­mit nicht durch­ge­drun­gen sind. Wir hät­ten stär­ker zu­spit­zen müs­sen. Trotz­dem war es die SPD, die in der Ko­ali­ti­on mit Miet­preis­brem­se und Wohn­bau­för­de­rung da­für ge­sorgt hat, dass über­haupt et­was pas­siert.

„Die gro­ße Ko­ali­ti­on hat In­ves­ti­tio­nen in die Zu­kunft kom­plett ver­schla­fen.“

Fo­to: pri­vat

Jo­han­na Ue­ker­mann tritt im No­vem­ber als Ju­so-Vor­sit­zen­de ab.

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