Ge­sprä­che in der Sack­gas­se

LON­DON/BRÜS­SEL Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen ver­feh­len ers­tes Ziel

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Kraichgau Stimme - - Politik - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Det­lef Dre­wes

Der Br­ex­it scheint zum Still­stand ge­kom­men. Als die bei­den Un­ter­händ­ler Mi­chel Bar­nier für die EU und Da­vid Da­vis für Groß­bri­tan­ni­en ges­tern ih­re Bi­lanz über die fünf­te Ver­hand­lungs­run­de zo­gen, war vom an­fäng­li­chen Lä­cheln und Schul­ter­klop­fen nichts mehr zu spü­ren. „Wir ha­ben kon­struk­ti­ve Ge­sprä­che ge­habt, aber oh­ne Fort­schrit­te“, mein­te der Fran­zo­se. Da­vid er­in­ner­te fast schon weh­mü­tig an die „neue Dy­na­mik“zu­rück­lie­gen­der Tref­fen, um dann al­les auf­zu­lis­ten, was noch of­fen ist. Ei­ne Zwi­schen­bi­lanz mit gra­vie­ren­den Fol­gen: Denn ei­gent­lich soll­ten bis zum gest­ri­gen Tag die ers­ten The­men ge­klärt sein, da­mit man im De­zem­ber be­reits par­al­lel über die künf­ti­gen Be­zie­hun­gen re­den kann. Nun dürf­ten die Staats- und Re­gie­rungs­chefs der EU bei ih­rem Gip­fel­tref­fen in der kom­men­den Wo­che in An­we­sen­heit von Pre­mier- mi­nis­te­rin The­re­sa May den Stand der Ge­sprä­che nüch­tern als un­be­frie­di­gend be­ur­tei­len und dem Gan­zen noch ei­ne letz­te Chan­ce für den Be­ginn der zwei­ten Pha­se bis De­zem­ber ein­räu­men.

Of­fe­ne Fra­gen Tat­säch­lich rin­gen bei­de Sei­ten zwar nur mit drei Ta­ges­ord­nungs­punk­ten. Aber die ha­ben es in sich, weil im­mer neue of­fe­ne Fra­gen auf­tau­chen. Bei­spiel: Groß­bri­tan­ni­en hat zwar in­zwi­schen den auf der In­sel le­ben­den EU-Bür­gern ein vol­les Auf­ent­halts­recht zu­ge­stan­den. Brüs­sel aber for­dert mehr. „Was ist mit den­je­ni­gen, die spä­ter ih­re El­tern nach­ho­len wol­len? Kön­nen die Rent­ner ih­re An­sprü­che an die So­zi­al­ver­si­che­rung mit­neh­men?“, be­schrieb Bar­nier ei­nen Stol­per­stein. Zu­mal sich Lon­don wei­ter wei­gert, die Zu­stän­dig­keit des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­ho­fes in Lu­xem­burg für Fra­gen des Ge­mein­schafts­rech­tes zu ak­zep­tie­ren.

Da­vis pocht dar­auf, dass die glei­chen Rech­te, die EU-Bür­ger im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich zu­ste­hen, dann auch für Bri­ten in der EU gel­ten sol- len. Bis­her will Brüs­sel die­sen Men­schen zwar ein Auf­ent­halts­recht ein­räu­men. Das soll aber nur in dem Staat gel­ten, in dem sie heu­te le­ben. Von Frei­zü­gig­keit kei­ne Spur.

Hin­zu kom­men die For­de­rung nach der An­er­ken­nung be­ruf­li­cher Qua­li­fi­ka­tio­nen, das Recht, an lo­ka­len Wah­len teil­zu­neh­men und nicht zu­letzt, ein per­ma­nen­tes Auf­ent­halts­recht zu er­lan­gen. „Das ist al­les nicht so ein­fach“, mein­te Da­vis, ver­sprach aber ei­nen „prag­ma­ti­schen An­satz“. EU-Bür­ger wer­den sich künf­tig in Groß­bri­tan­ni­en re­gis­trie­ren müs­sen – al­les über ei­nen „neu­en, ver­ein­fach­ten und kos­ten­güns­ti­gen Pro­zess“, ver­sprach Da­vis.

Die Be­zie­hun­gen zwi­schen der (bri­ti­schen) Re­pu­blik Nord­ir­land und Ir­land sind of­fen­bar von ei­ner Lö­sung noch sehr weit ent­fernt. Man ha­be jetzt erst ein­mal sechs Pro­blem­be­rei­che „zu­sam­men­ge- stellt“, be­ton­te Da­vis. „Die Fra­gen sind nicht ein­fach.“

Zah­lun­gen Völ­lig un­eins sind sich die Ver­hand­lungs­part­ner bei der Fra­ge, wie hoch die Zah­lun­gen Lon­dons an die EU aus­fal­len sol­len. Pre­mier­mi­nis­te­rin May hat­te vor ei­ni­gen Wo­chen rund 20 Mil­li­ar­den Eu­ro an­ge­bo­ten. Die EU be­zeich­net die Sum­me als völ­lig in­ak­zep­ta­bel, ver­mei­det es aber, sich an­de­re Be­trä­ge zu ei­gen zu ma­chen. In Brüs­sel wer­den die For­de­run­gen für lau­fen­de Pro­jek­te und Ren­ten­an­sprü­che ehe­ma­li­ger bri­ti­scher EU-Be­am­ter mit 60 oder gar 100 Mil­li­ar­den Eu­ro be­zif­fert. Die Kom­mis­si­on legt Wert dar­auf, dass die­se Zah­len nicht von ihr stam­men.

Der Druck zur Ei­ni­gung sei im­mens, hieß es vor al­lem aus der Lon­do­ner De­le­ga­ti­on. Denn im Um­feld der bri­ti­schen Re­gie­rung tau­chen längst neue Aus­sa­gen auf, die von ei­ner Schei­dung oh­ne Ei­ni­gung („No de­al“) spre­chen, was die EU wie­der­um tun­lichst ver­mei­den möch­te, um sich nicht selbst zu scha­den.

Fo­to: dpa

Micha­el Bar­nier führt für die EU die Aus­tritts­ver­hand­lun­gen mit Groß­bri­tan­ni­en.

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