Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Kraichgau Stimme - - Roman -

»Viel­leicht hät­ten wir der jun­gen Da­me et­was mit­brin­gen sol­len«, zisch­te Mau­ro Lar­rea, als sie den ver­wais­ten Flur ent­lang­gin­gen. »Zum Bei­spiel?« »Was weiß ich, com­pad­re. « Es klang ge­reizt und nicht im Ge­rings­ten nach ei­nem ech­ten An­lie­gen. »Ka­me­li­en oder Sü­ßig­kei­ten oder ei­nen Ge­dicht­band.«

»Ge­dich­te? Du?« And­ra­de un­ter­drück­te ein hä­mi­sches Auf­la­chen.

»Zu spät«, stell­te er lei­se fest. »Ich glau­be, wir sind gleich da. Ben­imm dich al­so.«

Ei­ne Sei­ten­trep­pe führ­te sie ins Zwi­schen­ge­schoss,wo sich die Zim­mer der Hau­s­an­ge­stell­ten be­fan­den. Die drit­te Tür links war nur an­ge­lehnt, und von dort wur­den sie von ei­ner klei­nen Ein­ge­bo­re­nen mit glän­zen­den Zöp­fen wei­ter­ge­lei­tet zum Sa­lon.

»Ei­nen schö­nen gu­ten Abend, mei­ne lie­ben Freun­de.«

Ge­sund­heit­lich noch nicht ganz auf der Hö­he, er­hob sich Frau Cal­le­ja nicht aus ih­rem Ses­sel. Dunkel ge­klei­det, de­zen­te Per­len um den Hals, reich­te sie ih­nen le­dig­lich die Hand, die bei­de fei­er­lich küss­ten. Zwei Schrit­te hin­ter ihr drück­te Faus­ta be­schwö­rend die Dau­men zwi­schen den Fal­ten ih­res bie­de­ren Klei­des, das noch warm war vom Bü­gelei­sen.

Nach der Be­grü­ßung nah­men sie die Plät­ze ein, die ih­nen von Do­ña Hi­la­ria zu­ge­wie­sen wur­den. Sie set- zen sich hier an mei­ne Sei­te, Don Elías, sag­te sie und klopf­te auf die Arm­leh­ne des nächst­ste­hen­den Stuh­les. Und Sie, Herr Lar­rea, ma­chen es sich bit­te auf dem Di­wan be­quem. In des­sen rech­ter Ecke sich na­tür­lich die Toch­ter nie­der­ließ.

Ein kur­zer Blick ge­nüg­te, um sich ei­nen Ein­druck von der Um­ge­bung zu ver­schaf­fen. Ein nicht sehr ho­her, nicht sehr gro­ßer Raum mit ge­wöhn­li­chen Mö­beln und we­nig Prunk. Nur hier und da ein Hauch von Opu­lenz.

Zwei kris­tal­le­ne Füll­hör­ner auf ei­nem Ze­dern­holz­stän­der, ei­ne präch­ti­ge Ala­bas­ter­va­se an pro­mi­nen­ter Stel­le, so­gar ein na­gel­neu­es Kla­vier, so jung­fräu­lich wie ei­ne Braut. Die bei­den Män­ner ahn­ten die Her­kunft die­ser Ge­gen­stän­de: Zei­chen der Dank­bar­keit für er­wie­se­ne Ge­fäl­lig­kei­ten.

Das Ge­spräch dreh­te sich zu­nächst er­war­tungs­ge­mäß um Ba­na- li­tä­ten. Do­ña Hi­la­ria brach­te sie in al­len De­tails über ih­ren Ge­sund­heits­zu­stand aufs Lau­fen­de, und sie heu­chel­ten Mit­ge­fühl und schiel­ten ge­le­gent­lich zur Wand­uhr. Ei­ne herr­li­che In­tar­si­en­ar­beit aus Zi­tro­nen­holz, auch sie zwei­fel­los ei­ne klei­ne Auf­merk­sam­keit für ge­leis­te­te Hand­rei­chun­gen.

Wäh­rend die Schil­de­run­gen von Sym­pto­men und Arz­nei­en durch die Luft schwirr­ten, er­in­ner­te sie das Schlag­werk der Uhr je­de Vier­tel­stun­de dar­an, wie die Zeit ver­strich, oh­ne dass sie in ir­gend­ei­ner Rich­tung wei­ter­ge­kom­men wä­ren. Nach Ab­hand­lung ih­rer kör­per­li­chen Ma­lai­sen do­mi­nier­te die Da­me des Hau­ses auch wei­ter­hin die Un­ter­hal­tung, jetzt mit der Auf­zäh­lung der auf­se­hen­er­re­gen­den Ver­bre­chen der letz­ten Ta­ge, ei­nem noch nicht auf­ge­klär­ten Mord an der La­gu­nil­laB­rü­cke, dem letz­ten Raub­über­fall in Los Ba­jos de Por­ta Coeli …

So kroch der Nach­mit­tag da­hin, und mitt­ler­wei­le war es schon Vier­tel nach sie­ben. Mau­ro Lar­rea, der das hoh­le Ge­schwätz satt­hat­te und sei­ne Un­ge­duld kaum noch be­zäh­men konn­te, fing an, mit dem rech­ten Bein zu wip­pen. Sein Pro­ku­rist zog das Ta­schen­tuch her­vor, weil er zu schwit­zen be­gann.

Bis Do­ña Hi­la­ria sich wie bei­läu­fig ent­schloss, zur Sa­che zu kom­men.

»Aber hö­ren wir auf, über Be­lang­lo­sig­kei­ten zu plau­dern, und er­zäh­len Sie mei­ner Faus­ta und mir lie­ber von Ih­ren Plä­nen, ver­ehr­te Her­ren.«

Mau­ro ließ And­ra­de kei­ne Zeit, ei­ne sei­ner Lü­gen­ge­schich­ten zum Bes­ten zu ge­ben. »Ich wer­de auf Rei­sen ge­hen.« Die Bli­cke der Frau­en rich­te­ten sich auf den Berg­mann.

Und And­ra­de wisch­te sich mit dem Ta­schen­tuch über die feucht schim­mern­de Glat­ze. »Bald schon, wann ge­nau, weiß ich al­ler­dings noch nicht.«

»Wer­den Sie lan­ge fort sein?«, frag­te Faus­ta mit be­ben­der Stim­me.

Der un­er­schöpf­li­che Re­de­fluss ih­rer Mut­ter hat­te sie bis­her kaum zu Wort kom­men las­sen. Mau­ro Lar­rea sah sie an und be­müh­te sich, ein we­nig Op­ti­mis­mus in sei­nen Ton zu le­gen.

»Es ist ge­schäft­lich, ich hof­fe nicht.«

Sie lä­chel­te er­leich­tert, oh­ne dass sich ihr fla­ches Ge­sicht gänz­lich auf­ge­hellt hät­te. Er fühl­te sich ein we­nig schul­dig.

Do­ña Hi­la­ria konn­te nicht um­hin, die Kon­ver­sa­ti­on er­neut an sich zu rei­ßen.

»Wo soll denn die Rei­se hin­ge­hen, Don Mau­ro, wenn ich so neu­gie­rig sein darf?«

Fort­set­zung folgt

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